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Ritter statt Tischler: Von der Werkbank in den Sattel

Dierhagen Ritter statt Tischler: Von der Werkbank in den Sattel

Mittelalterspektakel Dierhagen: Etwa 9000 Besucher nutzten bislang die Chance, in eine Welt einzutauchen, die alles andere als normal ist

Dierhagen. Auf den Mittelaltermärkten sind sie zu Hause. Und das nicht nur sechs Wochen lang beim Mittelalterspektakel in Dierhagen, sondern das ganze Jahr über. Luxus?

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Mittelalterspektakel Dierhagen: Etwa 9000 Besucher nutzten bislang die Chance, in eine Welt einzutauchen, die alles andere als normal ist

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Ab 17 Uhr geöffnet

9000 Gäste kamen bis jetzt zum Mittelalterspektakel nach Dierhagen. Bis zum 21. August ist hier außer montags täglich ab 17 Uhr geöffnet. Dienstags bis sonntags erleben die Besucher allabendlich Ritterturniere, Konzerte mit der Band „Compania Chaotica“ und Feuershows. Nur morgen und übermorgen bleibt der Markt ausnahmsweise wegen des Dierhäger Tonnenabschlagens geschlossen.

Altersvorsorge? Spießbürgertum? Fehlanzeige. Hinter dem Holztor auf der Festwiese beginnt eine andere Welt, die von Menschen bewohnt wird, die sich für eine andere Lebensweise als der Otto-Normal-Bürger entschieden haben. Wer sie kennenlernen möchte: Noch bis zum 21. August öffnet sich das Holztor.

Waffenmeister Lord Helge Unter den 20 bis 30 Mitwirkenden des Marktes befindet sich auch Lord Helge, der eigentlich Helge Köhler heißt. Der 41-Jährige lebt nur zwischen Silvester und Ostern in seiner Wohnung in Lutherstadt Wittenberg. Die restlichen Monate verbringt er auf mittelalterlichen Märkten in Deutschland, Belgien und Frankreich. So wie er reisen viele seiner Mittelalterkollegen durch die Welt.

Köhler hat einen bodenständigen Beruf gelernt: Tischler. Seine handgefertigten Modelle – vom Kochlöffel bis zum Wikingerbett – bietet er an seinem Stand an. Aber Helge Köhler kann nicht nur Holz bearbeiten, sondern ist auch Feuerschlucker und Bogenschütze. „Mir war schon früh klar, dass ich nicht montags bis freitags für eine Firma arbeiten, sondern selbstständig und frei sein möchte“, erzählt er. Diese Menschen, die Mittelaltermärkte beleben, die habe er schon mit elf Jahren faszinierend gefunden. Irgendwann wollte er ein Teil davon sein und kaufte sich ein Buch mit dem Titel „Feuerschlucken und -spucken für Anfänger“. Helge Köhler findet selbst, dass das etwas „verrückt“ klingt. Aber das sei die Wahrheit. Nun ist er nicht nur Tischler, sondern auch Waffenmeister bei den Ritterturnieren, Bogenschütze und Feuerkünstler.

Herold Olivarius von der Taube Nicht minder spannend ist die Geschichte von Oliver Golumbiewski (49), der fast Abend für Abend die Rolle des Herolds übernimmt und sein Publikum als „hochwohllöbliches Volk“ begrüßt. Der Berliner war sofort von der alternativen Lebens- und Denkweise der Mittelalter-Darsteller angetan und sagt: „Es ist ein Ausbruch aus dem normalen Leben.“ Er schloss eine Lehre als Drucker ab, arbeitete erst als Straßenkünstler und später auf Mittelaltermärkten. In Dierhagen spielt er Dudelsack, moderiert das allabendliche Ritterturnier und ficht ab und an gegen Bösewichte. Reich wollte der Mann mit dem Künstlernamen Olivarius von der Taube nie werden. „Nur die Grundbedürfnisse erfüllen.“ Und das kann er dank der Künstlergage. Versichern muss sich der Herold aus eigener Tasche. „Was meine Eltern sagten, als ich ihnen von meinem Lebensplan erzählte? Bist du bescheuert, haben sie mich gefragt. Und ob ich an meine Rente denke.“ Besucher fragen ihn oft, was er denn hauptberuflich mache.

Hexe Heike „Meine Tochter ist 30 Jahre alt und fragt mich manchmal, wann ich endlich erwachsen werde“, erzählt Heike Schneider. Das habe sie 15 Jahre lang erfolglos versucht, antworte sie dann. Zunächst arbeitete sie als Hotelfachfrau, später auf Piratenmärkten, als Schauspielerin am Grevesmühlener Piraten-Theater und seit sechs Jahren steht die 50-Jährige hinter dem Tresen der mittelalterlichen Cocktailbar und macht bei den Feuershows am Abend mit. Dierhagen ist für sie etwas Besonderes. „Dadurch, dass wir seit 13 Jahren sechs Wochen lang hier in diesem Dorf zusammen leben, sind wir eine richtige Familie geworden.“ Es gibt einen harten Kern, der von Beginn an nach Dierhagen kommt. Sie alle teilen sich eine Dusche. Und sie feiern und essen gemeinsam. Aber sie trauern auch zusammen, beispielsweise weil Schäferhund Ben – seit neun Jahren fester Bestandteil des Mittelalterspektakels – an Muskelschwund leidet. Sein Frauchen Nadin Ruck ist die Organisatorin des Marktes, den einst der Dierhäger Ulli Keil ins Leben rief.

Die Organisatorin Nadin Ruck (35) hat keine Wohnung, kein Haus. Sie lebt das ganze Jahr über in einem umgebauten Transporter – seit zehn Jahren. Und sie vermisst nichts, will auch nicht anders leben. „Wir haben hier alle ganz normale Berufe gelernt“, erzählt die Landschaftsgärtnerin. Fischer, Hochleitungsmonteur, Drucker, Datenverarbeitungskauffrau, Krippenpädagogin. . . Doch erst auf den Märkten fanden sie ihr persönliches Glück.

Carolin Riemer

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