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Gegen die Sprachlosigkeit

Ribnitz-Damgarten Gegen die Sprachlosigkeit

Von sprachlichen Hürden, internationalen Konflikten und der Hoffnung, zu bleiben: Ein Blick in einen Integrationskurs der Volkshochschule

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Shindar Hassan ist einer von zwei Asylbewerbern in dem Kurs, hier bei einer Übung an der Tafel mit der Rumänin Alina Bors.

Ribnitz-Damgarten. Eigentlich weiß Ruslan Achmarov gar nicht, ob ihm dauerhaft nutzt, was er an diesem Vormittag macht. Klar, eine Fremdsprache zu lernen, ist grundsätzlich immer lohnenswert. Doch der 27-Jährige verspricht sich viel mehr von dem Integrationskurs an der Volkshochschule in Ribnitz-Damgarten. Er hofft auf ein neues, sicheres Leben.

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Gemeinsam lernen: Lehrerin Martina Becker und Mehmet Ekinci aus der Türkei.

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Vor zweieinhalb Jahren kam der Tschetschene nach Deutschland. Seitdem läuft sein Asylantrag, seitdem wartet er auf die Nachricht, ob er bleiben darf oder nicht. „Das ist ein schwieriges Gefühl“, sagt Ruslan Achmarov. Mit diesem Gefühl steht er nicht alleine da.

Gerade angesichts des Flüchtlingszustroms sind die Sprachkurse der VHS derzeit stark nachgefragt. Oft sind die Kurse mit 20 Teilnehmern voll. „Es gibt sechs Module à 100 Unterrichtsstunden“, erklärt Brigitte Bachert, Leiterin der VHS-Außenstelle Ribnitz-Damgarten. Sprachniveau B1 ist das Ziel der Schüler. Er ist neben einem Einbürgerungstest Voraussetzung für einen Antrag auf die deutsche Staatsbürgerschaft. Zum Vergleich: Die Sprachniveaus sind von A1 (Basisniveau) über A2, B1 und B2 bis C1 und C2 (Muttersprachler) eingestuft.

Achmarov ist einer von zwei Asylbewerbern in dem Kurs. Einwanderer, deren Asylantrag noch läuft, müssen eigentlich selbst für die Teilnahmegebühren aufkommen. Die Gebühr für Achmarov und den Syrer Shindar Hassan wird aus Spenden bezahlt, die im vergangenen Jahr bei einem Benefizkonzert in der St. Marien-Kirche in Ribnitz-Damgarten zusammengekommen sind.

„Deutsch ist wichtig, weil ich sicher Deutsch sprechen möchte, um Leute leicht zu kontaktieren“, erklärt Ruslan Achmarov etwas unbeholfen. Die Aussprache sei nicht so schwierig, verstehen um so mehr, gerade wenn es um zusammengesetzte Sätze geht. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er in Deutschland. Einen Anhörungstermin für sein Asylgesuch habe er noch nicht.

Dass die Sprachkurse angesichts der Flüchtlingssituation nun aber überfüllt wären, kann Brigitte Bachert nicht bestätigen. Das liegt jedoch nicht daran, dass es zu wenige Flüchtlinge gibt. Vielmehr sei die Fluktuation enorm. Sobald Asylanträge positiv beschieden werden, entfällt die Residenzpflicht. Die Flüchtlinge dürfen sich frei in der Bundesrepublik bewegen. Viele zieht es nach Süddeutschland oder in größere Städte im Umland wie beispielsweise Rostock. Für das Weiterlernen jedoch kein Problem, ist die Einteilung der Sprachniveaus doch bundesweit einheitlich geregelt. „Sie können überall einfach anknüpfen“, so Brigitte Bachert. Lediglich die Unterrichtsmaterialien seien anders gestaltet.

Die wiederum sind mehr als nur Lehrmaterial, vermitteln sie doch auch ein erstes, umfangreiches Bild von Deutschland. So ist das Familienleben gleich die erste Lektion im Lehrbuch. „Männer und Frauen heute“ ist Lektion drei überschrieben, gefolgt von „Aus der Arbeitswelt“ in Lektion fünf.

Die Gruppe in Ribnitz ist an diesem Morgen schon ein ganzes Stückchen weiter. Lektion neun, „Natur und Umwelt“, steht im Lehrplan. Mehmet Ali Ekinci zeigt stolz seine bunten, beschrifteten Karten, als die Teilnehmer aufschreiben sollen, was man tun kann, um die Umwelt zu schützen. „Essenrest nicht wegwerfen“, schreibt er.

Mitunter kommt es auch schonmal zu internationalen Auseinandersetzungen, schließlich sitzen hier sechs verschiedene Nationalitäten in einem Raum, die alle verschiedene Sprachen sprechen, sich aber nur mit der verständigen sollen, die sie gerade lernen. Als Mehmet Ekinci beispielsweise fragt, welche Tüten er für welchen Müll benutzen soll, hangeln sich die Debattenbeiträge von den Einkaufstüten, die man im Supermarkt an der Kasse bekommt, über die Gelben Säcke bis zur schwarzen Mülltonne. Das Duale System als Auslöser für internationale Konflikte.

Manch einer lässt aber auch ein bisschen seinen Frust über Vorurteile raus, so wie der Ukrainer Dimitri Subanov, der deutlich zu verstehen gibt, dass auch Deutsche Müll einfach achtlos wegwerfen würden. „Niemand hat behauptet, dass das nicht so ist“, entgegnet ihm Martina Becker freundlich bestimmt.

Sie ist diejenige, die die vielen verschiedenen Kulturen unter einen sprachlichen Hut bringen soll. „Die Herausforderung im Unterricht Deutsch als Fremdsprache ist, dass dort niemand Deutsch kann, wenn er beginnt“, sagt die Deutschlehrerin. Und sie selbst kann die Muttersprachen der Teilnehmer nicht. Diese Barriere muss überwunden werden.

„Martina ist eine gute Lehrerin“, sagt Ruslan Achmarov. Das sieht auch Brigitte Bachert so. „Sie ist eine mehr als gute Lehrerin“, sagt die Leiterin. Viele Deutschlehrer würden sich derzeit bei der VHS bewerben, allerdings zumeist ohne die Qualifizierung für den Unterricht Deutsch als Fremdsprache. „Doch wir setzen auf Qualität“, so Bachert.

„Deutsch ist eine sehr analytische Sprache mit vielen Synonymen. Diese Komplexität macht es schwierig“, erklärt die 48-Jährige Martina Becker, die seit 2009 in Ribnitz tätig ist. 1992 ließ sich die gebürtige Neubrandenburgerin in Dessau weiterbilden, weil sie sich mit der Fächerkombination Deutsch/Russisch, in Leipzig studiert, nach der Wende keine großen Hoffnungen auf eine Stelle machte.

„Das Bemühen, die Motivation und der Fleiß sind bei unseren Teilnehmern sehr hoch“, sagt Becker. Erfolge würden sich recht schnell einstellen. Ihr selbst gefalle zudem der Kontakt zu verschiedenen Nationalitäten. Vorurteile würden ihr nicht entgegengebracht. Nur mit der Pünktlichkeit würde es mancher nicht so genau nehmen. Am Ende jedoch vereine alle dasselbe Ziel: Endlich ankommen — auch sprachlich.

 



Robert Niemeyer

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