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Ribnitz-Damgarten Hier will niemand hin

Wie fühlt es sich an, in einer Ausnüchterungszelle zu übernachten: Die Geschichte eines gescheiterten Experiments

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Trotz Bodenheizung keine Wärme: Ein gefliester Betonsockel dient als Bett. Wer möchte, bekommt eine schmale Fliesdecke.

Ribnitz-Damgarten. Manchmal scheitern Experimente. Nach einer knappen Stunde ist in dieser Nacht Schluss, länger ist es nicht auszuhalten in der Ausnüchterungszelle des Polizeireviers in Ribnitz-Damgarten. Dabei sollte alles so realistisch wie möglich sein. Drei Uhr nachts öffnet sich die Tür des Reviers, eine Zeit, zu der wohl üblicherweise volltrunkene Delinquenten hier angeliefert werden. „Und Sie wollen wirklich hier schlafen?“, fragt Polizeioberkommissarin Steffi Weckmann. Der Tonfall liegt irgendwo zwischen Überraschung und Verachtung.

 

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Fliesen, Fliesen, Fliesen und sonst nix. An der Tür gibt es immerhin etwas zu lesen. Einige Insassen haben sich hier verewigt.

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Die sanitären Anlagen: Das Design spricht für sich.

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Es ist ein aufwendiges Prozedere, dass die Angelieferten im Regelfall durchlaufen. Taschendurchsuchung, Gürtel weg, Schnürsenkel weg, alles weg, womit sich die Insassen selbst oder anderen wehtun könnten. „Manche haben ein Problem damit, dass wir ihnen auch das Bargeld abnehmen. Sie verstehen nicht, dass wir ihnen das hinterher zurückgeben“, sagt Steffi Weckmann.

Alles wird genauestens festgehalten, natürlich auch die Personalien. Dafür gibt es das sogenannte Gewahrsamsbuch. Das Buch der Schande, denke ich mir. Zu guter Letzt zieht man auch noch den Zorn eines Arztes auf sich. Der wird nämlich geholt oder gerufen – natürlich auch mitten in der Nacht – um zu prüfen, ob man überhaupt tauglich ist für die Zelle.

Diese Förmlichkeiten lassen wir dieses Mal weg. Das, was noch kommt, reicht völlig aus. Bereits der Weg in den Keller, wo sich die zwei „Gewahrsamsräume“ des Reviers befinden, lässt nichts Gutes erahnen. Eine schmale, halbrunde Treppe führt nach unten, aus einem langen, engen, immerhin in einigermaßen freundlichem Gelb gestrichenen Korridor geht es nach rechts. Rein in die Zelle, Tür zu, und aus. Einziger Unterschied zur polizeilichen Wirklichkeit: Ich lasse natürlich den Alkohol weg, möchte die Eindrücke bei klarem Bewusstsein erleben. Nach den ersten Minuten wünsche ich mir fast das Gegenteil.

Die Härte

Die Decke kahl und weiß, Glasbausteine sollen Tageslicht ins Dunkle bringen – in der Nacht also auch kein Stimmungsaufheller. Beige-weiß-gemusterte Kacheln an der Wand, beige-graue Bodenfliesen – quasi ein Bad ohne alles. In der Ecke eine gekachelte Erhebung, das „Bett“. Die Bodenheizung gaukelt Wärme vor, das ändert sich schnell. Toilette und Waschbecken befinden sich außerhalb. Drückt man einen Knopf, kommt ein Beamter und lässt einen kurz raus. Aber diesen Knopf will man eigentlich nicht drücken.

An Schlaf ist absolut nicht zu denken. Die „Liege“ macht sich knallhart bemerkbar. Egal in welcher Schlafposition, nach ein paar Minuten tut es immer irgendwo weh. Kissen? Fehlanzeige. Eine Decke gibt es immerhin – eine Art dünnes Einweg-Flieslaken. „Die, die herkommen, sollen sich ja nicht zu wohl fühlen“, sagt Steffi Weckmann. Sonst käme mancher vielleicht sogar auf die Idee, sich regelmäßig freiwillig hier einliefern zu lassen.

Aber warum? Acht Quadratmeter sind nichts für Klaustrophobie-Kranke. Fragen rasen durch den Kopf. Wer hatte eigentlich diese Idee? In welchem Baumarkt bekommt man so schreckliche Fliesen? Was machen wohl diejenigen, die zurecht hier eingesperrt werden? „Am Schlimmsten ist es, wenn sie toben und rumschreien“, sagt Steffi Weckmann, „aber da bleiben wir gelassen.“

Das Verhalten der männlichen Personen könne von ruhig-kooperierend bis hin zu aggressiv und randalierend beschrieben werden, heißt es nüchtern aus der Pressestelle der Polizeiinspektion in Stralsund.

„Morgens sind sie wieder viel ruhiger“, sagt Polizeioberkommissarin Weckmann und grinst. 47 Stunden und 59 Minuten darf die Polizei hier jemanden längstens festhalten. Die meisten sind nach ein paar Stunden wieder draußen.

Die Frau

Seit 2012 fanden insgesamt 109 Störenfriede den Weg in diese beklemmenden vier Wände, darunter eine Frau. Was für ein Verhältnis. Das Durchschnittsalter aller: 33,7 Jahre. Okay, denke ich, passe ich ja gut rein.

Aber es kann jeden treffen. „Personen im Alter von 18 bis 62 Jahren haben bisher die Zellenräume ’in Anspruch genommen’. Der höchstgemessene Atemalkoholwert betrug 3,17 Promille“, schreibt mir die Polizeipressestelle. In Anspruch genommen – sie nehmen's mit Humor.

Den kann ich in dieser Nacht nicht wirklich teilen. Egal ob mit oder ohne Licht, nix ist mit schlafen. Nach fünf Minuten kommt schon der erste Angstschub. Läuft da irgendwo Musik? Natürlich nicht.

Der Lüfter dröhnt unerbittlich – nein, still ist es hier auch nicht. Nur einsam.

Der Knopf

Kurz weggenickt, endlich geschlafen, denke ich. Plötzlich wieder wach. Es ist zwölf nach vier. Beim letzten Blick auf die Uhr war es fünf nach vier. Vielleicht was essen? Ist möglich, auf eigene Rechnung. „Wenn es gewünscht ist, holen wir was und bringen es dem Insassen“, sagt Steffi Weckmann. Die Polizei, dein Freund und Lieferservice.

Die Gedanken verschwinden, starrer Blick. Zum Glück kann ich weg, wann ich will. Ich will, drücke den Knopf. Ein ohrenbohrendes Dröhnen raubt die letzte Müdigkeit. Um 4.22 Uhr öffnet Steffi Weckmann die Tür. Bloß raus.

Nein wirklich, dieser Kurzurlaub ist wahrlich nicht zu empfehlen. Lassen Sie besser das letzte Bier stehen und gehen nach Hause...

Gewahrsam kostet

Die Unterbringung in der Ausnüchterungszelle kostet den Insassen auch Geld. Laut Verordnung über Kosten im Geschäftsbereich des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommerns werden für den Aufenthalt je angefangener zwölf Stunden zehn Euro fällig. Für jeden Kilometer, den der Einsatzwagen fährt, um die Person abzuholen werden 0,40 Euro fällig. Muss das Auto wegen außergewöhnlicher Verschmutzung gereinigt werden, kostet das 13 Euro. Dasselbe gilt für die Zelle selbst.

Der Gewahrsamsraum ist nach den Vorschriften der „Bautechnischen Richtlinien für den Bau und die Ausstattung von Gewahrsamsräumen in Polizeigebäuden des Landes Mecklenburg-Vorpommern auszustatten", um der Hygiene des Raumes und dem Schutz der Person und anderer Personen Rechnung zu tragen.

Personen werden zu ihrem Schutz (zum Beispiel in hilfloser Lage), zur Verhinderung von Straftaten, zur Abwehr von Gefahren für die öffentliche Sicherheit und Ordnung, zur Durchsetzung von Platzverweisen sowie zum Schutze anderer Personen in Gewahrsam genommen – längstens bis zum Ende des darauffolgenden Tages.

Auch wenn Haftgründe oder ein Haftbefehl vorliegen, können Personen in Gewahrsam genommen werden. Die Unterbringung erfolgt hier bis zur richterlichen Entscheidung.

Ist eine Person nicht gewahrsamstauglich (z. B. zu starke Alkoholisierung, gesundheitliche Probleme), wird die Person einem Arzt vorgestellt beziehungsweise an den Rettungsdienst übergeben.

Robert Niemeyer

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