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Marlow In Marlow zur Ruhe gekommen

Die Familien Jelli und Saad sind aus Syrien nach Deutschland geflüchtet / Hier werden sie schrittweise integriert

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In Marlow werden derzeit zwei syrische Familien betreut. Abd Kader Jelli kam mit seiner Frau Ahlam und den Kindern Weheda, Leila und Ahmad nach Deutschland, Mustafa Saad mit Frau Dalia und den Kindern Mohamad, Haliema, Saad Aldien – und Rande, geboren vor einem Monat in Rostock. Ansprechpartner für sie sind vor allem Norbert Schöler (links) und Ralf Morwinski von der Stadtverwaltung.

Quelle: Peter Schlag

Marlow. Es gab Zeiten, da führte Abd Kader Jelli ein ganz normales Leben. Lebensmittelpunkt für den heute 36-Jährigen war seine Familie, seine Frau Ahlam und die Kinder Weheda, Leila und Ahmad. Die Familie wohnte in Killi, einer Kleinstadt in der Nähe der syrischen Metropole Aleppo. Sein Geld verdiente der Familienvater als Lokführer bei der Bahn.

Das alles war einmal. Jetzt wohnt die Familie in Marlow. Hier sind die fünf Syrer, nach den traumatischen Erlebnissen in der Kriegsregion Aleppo und einer teils abenteuerlichen Flucht, inzwischen etwas zur Ruhe gekommen. Zeit zur Integration. Deutschkurse sind dabei besonders wichtig. Wobei das für Abd Kader Jelli, kurz Abdul, nur ein Aspekt ist. „Ich habe auch viel gelesen, über die Gesetze in Deutschland. Ich möchte wissen, wie laufen die Gesetze in Deutschland“, erklärt der 36-Jährige, der montags bis freitags jeweils für mehrere Stunden einen Integrationskurs besucht.

Für die gute Aufnahme in Marlow ist die Familie sehr dankbar. Wer die Vorgeschichte kennt, kann erahnen, wie wertvoll Frieden und ein geordneter Alltag für das Quintett aus Killi sind. „Die Menschen hier sind sehr nett und hilfsbereit“, erzählt Abdul Jelli, „das ist im Kindergarten so, in der Schule, im Rathaus.“

Seit Anfang dieses Jahres ist die Familie in der Grünen Stadt untergebracht. Davor lagen Monate der Flucht. Killi war (und ist) Kriegsgebiet, immer wieder fielen Bomben. „Wir haben oft draußen geschlafen“, erzählt der 36-Jährige. Die Zerstörungen in der Stadt, die aufgrund der Frontlage immer wieder Ziel von Angriffen war, seien groß. Er kratzte Geld zusammen, machte sich mit Frau und Kindern auf den Weg – auf der Route Türkei, Griechenland, Balkan, Deutschland.

Der erste Versuch, übers Mittelmeer nach Europa zu gelangen, scheiterte. Das mit 45 Personen besetzte Boot sank. Die Familie überlebte, dank Rettungsringen und dem schnellen Eingreifen der türkischen Küstenwache. Die rettete sie – um sie dann zurück in die Türkei zu bringen. Der zweite Versuch, das Meer zu überqueren, klappte. Aber der zwischenzeitliche Aufenthalt auf einer griechischen Insel war auch nicht ohne – die Kälte machte den Syrern, die keinen Wetter-Schutz außer ihren Kleidern hatten, zu schaffen.

Wie es weiter geht? Gute Frage. Angesichts der Situation in Syrien wissen die Fünf nicht, wann sie in die Heimat zurückkehren können. Deshalb steht jetzt Integration an erster Stelle, für beide Erwachsene. Und die Hoffnung auf einen Job. Wenn schon nicht als Lokführer, dann eben was anderes, sagt Abdul Jelli. „Arbeit ist wichtig. Ich möchte ja auch selber meine Familie ernähren“, fasst der 36-Jährige zusammen. Schon jetzt hilft er im Vogelpark. Die Stadtverwaltung hatte dort angefragt, ob eine Möglichkeit bestünde, ihn zu beschäftigen. Das erfolgt am Wochenende stundenweise, in der Haustierpflege, erläutert Vogelpark-Geschäftsführer Matthias Haase: „Er ist sehr aufgeschlossen.“

Die zweite Familie aus Syrien, die in Marlow wohnt, ist die von Mustafa Saad. Der 40-Jährige, der früher als Schiffskoch arbeitete, war mit seiner Frau Dalia und den Kindern Mohamad, Haliema und Saad Aldien im Norden zunächst in der Gemeinschaftsunterkunft in Samtens auf Rügen einquartiert. Auf der Flucht hatte Familie Saad die Familie von Abdul Jelli kennengelernt und hielt den Kontakt aufrecht.

So kam es, dass Familie Saad, die aus dem Government Tartus kommt, aus Samtens im Juni nach Marlow übersiedelte. Mittlerweile gab’s Zuwachs – mit Rande kam in Rostock das vierte Kind zur Welt. Auch Mustafa Saad hofft, da er nicht weiß, wann man nach Syrien zurückkehren kann, hier eine Arbeit zu finden. Beide Familien haben einen Aufenthaltstitel.

Mit Mohamad (11), Haliema (9) und Weheda (6) lernen drei Kinder aus den beiden Familien in der Marlower Schule. Diese stand vor der Entscheidung, wie der Unterricht erfolgen soll. Entweder die drei Kinder werden separat betreut und unterrichtet. Oder sie lernen in den Klassenverbänden und es wird zusätzlicher Deutschunterricht organisiert. Die Schule hat sich für letzteres entschieden, erzählt Schulleiterin Kerstin Nilson. Das heißt, die drei Kinder nehmen am Unterricht teil. „So lernen sie am schnellsten Deutsch“, findet Kerstin Nilson. Darüber hinaus bekommen sie pro Tag eine zusätzliche Förderstunde. Deutsch lernen funktioniert unter anderem mit Technikunterstützung. Dazu dienen Übersetzungsprogramme auf Computern. Die Fragen kommen auf Arabisch, die Kinder antworten auf Deutsch.

Muhamad, Haliema und Weheda nehmen auch an der Hortbetreuung teil. In der Schule ist in allen Klassen über die Flüchtlingsproblematik gesprochen worden. Das Trio aus Syrien werde sehr gut angenommen, erzählt die Schulleiterin. Das merken die Kinder. „Die Schule ist toll, ich habe auch schon Freundinnen“, freut sich Weheda, die Anfang September in die erste Klasse gekommen ist.

„Der Wille zur Integration wird wahrgenommen“

11 Flüchtlinge sind derzeit in Marlow untergebracht. Dies sind die Familien Jelli und Saad, beide aus Syrien.

2013 war die Stadt Marlow erstmals mit der Thematik konfrontiert worden, Asylbewerber unterzubringen. Dafür war dann Wohnraum in Gresenhorst bereitgestellt worden. Eine Kernfrage war immer, ob die Asylbewerber eine dauerhafte Aufenthaltsberechtigung bekommen würden, was vor den beiden Familien aus Syrien nicht der Fall war.

Die beiden Familien , die jetzt in Marlow leben, bekamen sehr schnell den erforderlichen dauerhaften Aufenthaltstitel. Für die Verantwortlichen in Marlow der Ausgangspunkt, um eine schrittweise Integration auf den Weg zu bringen, erläutert Bürgermeister Norbert Schöler. Familie Jelli ist seit Anfang des Jahres in Marlow. Für die Erwachsenen laufen Integrationskurse, die Kinder besuchen Kita und Schule. Eine weitere Familie, die ebenfalls in Marlow einquartiert worden war, ist zwischenzeitlich nach Nordrhein-Westfalen verzogen. Dafür konnte dann Familie Saad in der Grünen Stadt aufgenommen werden.

Die Hilfsbereitschaft der Marlower ist groß. So unterstützten zum Beispiel Eltern von Marlower Kindern die Syrer bei der Ausstattung von deren Kindern für die Schule. Andererseits zeigen auch die syrischen Familien, dass sie sich ins Leben der Kleinstadt einbinden wollen. „Beide Familien zeigen den Willen zur Integration“, betont der Bürgermeister: „Das wird auch wahrgenommen.“

Deutsch lernen funktioniert am besten durch möglichst viele Kontakte zu Deutschen. So hilft Abdul Jelli an den Wochenenden – an den Werktagen nimmt er am Integrationskurs teil – stundenweise bei der Haustierpflege im Vogelpark von Marlow.

Für die Kinder der beiden Familien ist die Betreuung in der Kita und der Unterricht in der Schule die beste Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen und zu üben.

Peter Schlag

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