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Das Frühjahr der dicken Romane

Ribnitz-Damgarten Das Frühjahr der dicken Romane

Die beiden Literaturkritiker Annemarie Stoltenberg und Rainer Moritz stellten ihre liebsten Neuerscheinungen im Ribnitzer Stadtkulturhaus vor

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Annemarie Stoltenberg arbeitet als Kritikerin für den NDR. Rainer Moritz leitet seit elf Jahren das Literaturhaus Hamburg.

Quelle: Carolin Riemer

Ribnitz-Damgarten. In einem Meer aus Büchern wirken Annemarie Stoltenberg und Dr. Rainer Moritz wie rettende Inseln. Am Sonnabend stellten die beiden Autoren und Kritiker vor knapp 100 Literatur-Fans ihre liebsten Neuerscheinungen im Ribnitzer Stadtkulturhaus vor. Doch wer nun denkt, dass es sich um eine trockene Buchlesung handelt, der irrt.

 

OZ-Bild

Die beiden bringen Literatur so locker rüber. Wer das nicht erlebt hat, verpasst etwas.“Brigitta Ladwig (61) aus Marlow

Annemarie Stoltenberg, die beim Sender NDR-Kultur arbeitet, erzählte gleich zu Beginn, warum sie an diesem Tag so „emotional erschöpft“ sei. „Meine Tochter hat gestern geheiratet und es hat mich mitgenommen, dass sie und mein Enkel Emil jetzt einen anderen Nachnamen haben als ich. Emil Stoltenberg, das klang doch gut.“ So ist die Literaturkritikerin: Sie teilt ihre Gefühle offen mit dem Publikum und nimmt sich selbst nicht so ernst. „Meine Tochter fand das Kleid, das ich zur Hochzeit anzog, nicht gut genug“, erzählte sie beispielsweise vergnügt.

Dafür lieben sie die Stammgäste ihrer Literaturbesprechungen. Etwa zehntausend Werke hat sie in ihrer Hamburger Wohnung aufbewahrt. Sie ist eine konsequente Leserin. Rainer Moritz, Leiter des Literaturhauses Hamburg, steht ihr in nichts nach — die beiden ergänzen sich und liefern sich Wortgefechte, die selbst in einem Buch erscheinen sollten.

Es ist das Frühjahr der dicken Romane. „Und die sind mittlerweile so preisintensiv, dass ich mich lieber auf den Rat der beiden Experten verlasse, bevor ich Geld für ein Buch ausgebe, das mir später nicht gefällt“, sagte Besucherin Sabine Prange (52) aus Marlow. Am meisten Interesse weckte bei ihr das neue Buch von Jakob Hein. In „Kaltes Wasser“ beschreibt der Sohn von Autor Christoph Hein das Leben eines charismatischen, jungen Mannes, der sich wie ein Glückspilz durch das Leben schummelt. „Ich habe beim Lesen laut gelacht“, sagte Annemarie Stoltenberg und machte ihre Zuhörer neugierig.

Der witzigste Krimi, den Stoltenberg jemals las, heißt „Fünf schräge Vögel“ und stammt aus der Feder von Donald E. Westlake. „Glauben Sie mir, mein Mann hat mit den Füßen gescharrt, weil ich beim Lesen Lachtränen vergossen habe und er es kaum abwarten konnte, das Buch auch zu lesen.“ Annemarie Stoltenberg ist mit dem Autoren Michael Seufert verheiratet.

Rainer Moritz brachte „die große Überraschung des Frühjahrs“ mit zur Lesung. Das Buch „Der Überläufer“ schlummerte jahrzehntelang im Schreibtisch des verstorbenen Autoren Siegfried Lenz. Seinem Verlag sei die Geschichte damals zu heikel zum Veröffentlichen gewesen. Nun führt das Buch die Bestseller-Listen an. „Das muss man erstmal schaffen: 60 Jahre nach dem Schreiben auf Platz eins zu gelangen — das gibt's nicht alle Tage.“ Zum Schluss meinte Moritz: „Solche Nachmittage sollten mit derbem Sex ausklingen, dann pulsiert es am Büchertisch.“ Und so war es dann auch. Eine lange Schlange bildete sich vor dem Verkaufsstand der Richard-Wossidlo Buchhandlung von Meike Ihlau. Die Buchhändlerin organisiert die Lesung seit vielen Jahren zusammen mit der Stadtbibliothek. Die Besucher Rita, Rudi und Angela Ulbricht aus Ribnitz waren am Ende der Veranstaltung sicher, dass sie alle 18 empfohlenen Bücher lesen und kaufen werden. „Wir schätzen die Tipps beider Kritiker — seit Jahren", sagte Rita Ulbricht.

Lesen oder weglegen — die Tipps der Experten

Tops:

1. „Auch das wird vergehen“ von Milena Busquets — „Ein Sommerbuch in anmutiger Sprache“, meint Annemarie Stoltenberg

2. „Kommt ein Pferd in eine Bar“ von David Großman — „Ergreifend und packend“, findet Rainer Moritz.

3. „Bitter Wash Road“ von Garry Disher — „Raffiniert konstruiert“, ist das Urteil von Annemarie Stoltenberg

4. „Eine treue Frau“ von Jane Gardam — „Meisterhaft erzählt“, sagt Moritz.

5. „Liebe in Lokalen“ von Christian Maintz —„Dieser Auto hat es faustdick hinter den Ohren“, erklärt Moritz.

Flops:

1. „Wir kommen“ von Ronja von Rönne — „Viel zu flach“, ist das Urteil von Annemarie Stoltenberg

2. „Biografie“ von Maxim Biller — „Mit 900 Seiten viel, viel zu lang“, meint Rainer Moritz

3. „Macht“ von Karen Duve — „Ein scheußliches Frauenbild wird vermittelt“, findet Stoltenberg.

4. „Vom Ende der Einsamkeit“ von Benedict Wells — Annemarie Stoltenberg: „So ein besserwisserischer Autor“

5. „Ein sterbender Mann“ von Martin Walser — „Der Plot überzeugt nicht“, so Stoltenberg.

Von Carolin Riemer

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