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Medikamentensucht in Rostock: Alltags-Doping auf Rezept

Rostock Medikamentensucht in Rostock: Alltags-Doping auf Rezept

Hendrik Buß erträgt die Schmerzen nur mit Fentanyl-Pflaster / Entzugsversuche blieben erfolglos / Nun gründet er in Rostock eine Selbsthilfegruppe für Tablettenabhängige

Rostock. Ein kleines Pflaster am Arm macht die Schmerzen für Hendrik Buß erträglich. „Ich weiß jetzt, dass es ohne nicht mehr geht“, sagt der 45-Jährige, der vor 16 Jahren nach einer Bandscheibenoperation auf das Schmerzmittel Fentanyl eingestellt wurde, das hundertmal stärker wirkt als Morphin und deutlich schneller.

Alle zwei Tage wechselt er das Pflaster. Die Schmerzen sind nicht weg, aber auszuhalten. Nur die Nebenwirkungen schaffen den Rostocker. „Ich bin ständig müde und schlapp, kann aber nicht schlafen, mich schwer konzentrieren, kann nicht zur Toilette gehen, habe keinen Appetit“, zählt er nur einige Probleme auf. Er weiß, dass er körperlich abhängig ist vom Medikament und hat Angst davor, auch psychisch abzurutschen. Er will weg von dem Stoff, hat mehrere Entzüge hinter sich. Doch am Ende sind die Rückenschmerzen so stark, dass er wieder beim Fentanyl-Pflaster landet.

„Ich bin austherapiert“, erzählt Buß, der sich bei einem Arbeitsunfall vor 19 Jahren die Bandscheibenverletzung zuzog. Seitdem wurde er mehrfach operiert, hat zwischendurch immer wieder gearbeitet als Mediengestalter und Hausmeister, war als Trainer auf dem Fußballplatz. Die Schmerzen wurden mit Fentanyl betäubt.

„Doch bei Unterhaltungen bin ich eingeschlafen, als es mir dann auch beim Autofahren passierte, habe ich die Reißleine gezogen. Schluss mit dem Pflaster.“ 2008 war er das erste Mal zehn Wochen in einer Klinik zum Entzug. Das Präparat wurde abgesetzt. Ohne Ersatz. „Das ging eine Weile gut, bis zum nächsten Bandscheibenvorfall an gleicher Stelle“, erinnert sich Hendryk Buß. Operation, Reha. Er habe sich geweigert, das Schmerzmittel zu nehmen. Doch andere Präparate halfen nicht. Wieder OP, wieder Fentanyl. Zweimal noch versucht er 2014 und 2015, das Medikament, das unter das Betäubungsmittelgesetz fällt, abzusetzen. „Ich wollte es unbedingt loswerden“, sagt der Familienvater.

Doch die Schmerzen treiben ihn in den Wahnsinn, er denkt an Suizid. Inzwischen ist auch der Rentenbescheid da, erwerbsunfähig. „Da bricht plötzlich alles weg“, erzählt Buß. „Ich bin gern arbeiten gegangen, war immer aktiv, Fußballtrainer und jetzt?“ Er findet den Weg zur Suchthilfe der Caritas und hier nach vielen Gesprächen eine neue Herausforderung. „Ich will eine Selbsthilfegruppe für Medikamentenabhängige in Rostock gründen“, erklärt er. Die erste in Mecklenburg-Vorpommern.

Medikamentensucht ist ein Problem in allen sozialen Schichten. Bis zu 1,9 Millionen Menschen in Deutschland sind Schätzungen zufolge abhängig. „Die Dunkelziffer ist noch wesentlich höher als bei Alkohol“, sagt Dr. Uta Lüdtke, Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie bei der Caritas Suchthilfe. Frauen seien etwa doppelt so häufig betroffen wie Männer, mit zunehmenden Alter steigt die Einnahme. Jeder niedergelassene Arzt habe im Schnitt einmal täglich Kontakt mit einem medikamentenabhängigen Patienten, ein weiterer müsse als gefährdet eingestuft werden, erklärt die Expertin. Auch wenn nur etwa ein Prozent der Klienten, die die Beratungsstelle für Suchterkrankungen in der August-Bebel-Straße 2 aufsuchen, tablettenabhängig ist, so nähmen die Zuweisungen von Patienten aus Schmerztherapie-Praxen zur Abklärung von Suchtverhalten deutlich zu. „Wir müssen für diese Menschen spezielle Angebote machen“, sagt Lüdtke, die die Idee der Selbsthilfegruppe unterstützt.

Vier bis fünf Prozent aller Medikamente haben Abhängigkeitspotenzial (Schlaf- und Beruhigungsmittel, opiathaltige Schmerzmittel und Stimulanzien). Schnell werden Antidepressiva, Abführmittel, Schnupfensprays und andere Medikamente missbraucht. „Die Dosis wird gesteigert, die Einnahmeintervalle verkürzt, die Tabletten schon vorsorglich für gutes Befinden eingenommen“, weiß Hendrik Buß aus Begegnungen im Entzug. „Der Arzt hat’s ja verordnet und wenn er das nicht weitermacht, wird er gewechselt“, hat Buß erfahren. Medizin werde oft nicht als Suchtmittel gesehen, die eigene Abhängigkeit nicht erkannt.

Die Selbsthilfegruppe soll nun Anlaufpunkt sein für Betroffene und Angehörige. Zum Erfahrungsaustausch, zur Information, „um später eventuell in Beratung und zur weiterführenden Behandlung zu kommen“, sagt die Fachärztin. Auch Ärzte sollen sensibilisiert werden. Denn: „Die meisten Patienten mit Suchterkrankungen sieht der Hausarzt.“

Doris Kesselring

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