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Mehrjährige Haftstrafe nach Steinwürfen auf Polizisten

Rostock Mehrjährige Haftstrafe nach Steinwürfen auf Polizisten

Der Angeklagte Kristian S. ist kein Hansa-Ultra, sondern ein Linksextremist, so das Urteil des Landgerichts / Er nutze den Fußball, um Gewalt gegen Polizisten auszuüben

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Der 33 Jahre alte Angeklagte Kristian S. (Mitte) plädierte mit seinen beiden Verteidigern auf Freispruch.

Quelle: Ove Arscholl

Rostock. Zwischenrufe, Pöbeleien und Gelächter im Publikum. Und ein Richter, der Landesinnenminister Lorenz Caffier (CDU) maßregelt: Nach rund 30 Verhandlungstagen hat das Landgericht Rostock gestern den sogenannten Steinewerfer Kristian S. zu vier Jahren und fünf Monaten Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der heute 33-Jährige beim Fußball-Drittliga-Spiel zwischen Hansa und Dynamo Dresden im November 2014 mehrfach Steine auf Polizisten geworfen hatte.

Einen Beamten habe der ehemalige Schiffsoffizier dabei mit einem 1,7 Kilogramm schweren Pflasterstein getroffen und leicht verletzt. Dem Polizisten muss er dafür nun 300 Euro Schmerzensgeld zahlen.

Auch beim Hansa-Heimspiel gegen RB Leipzig im April 2014 soll S. Steine auf Polizisten geworfen haben. In diesen Fällen habe die Täterschaft jedoch nicht ausreichend nachgewiesen werden können, so das Gericht. Deshalb sei der Angeklagte hier freigesprochen worden.

Die Verteidigung kündigte an, in Revision zu gehen. Sie hatte auf Freispruch in allen Fällen plädiert. Die Staatsanwaltschaft forderte eine Haftstrafe von vier Jahren und neun Monaten.

Die Urteilsbegründung ist immer wieder durch Zwischenrufe und Beschimpfungen unterbrochen worden. Rund 100 Besucher waren im Saal. Der Richter sprach von einem „langwierigen Prozess“, bei dem das Gericht laufend attackiert worden sei. Schon zu Beginn habe etwa Innenminister Caffier die Herabstufung der Anklage von versuchtem Totschlag auf gefährliche Körperverletzung öffentlich kritisiert.

Die Abwertung sei demoralisierend für Polizisten und motivierend für Rowdys, habe Caffier gesagt, so der Richter. Dem Minister stehe es jedoch nicht zu, ein Gericht in so oberlehrerhafter Weise zu rügen. Auch könne die Einordnung durch Caffier nur grober Unkenntnis entspringen. Zum Ende des Prozesses kam die Staatsanwaltschaft ebenfalls zu dem Fazit, dass S. keine Tötungsabsicht nachgewiesen werden könne.

Auf der anderen Seite habe die Verteidigung immer wieder versucht, das Gericht als „Inquisitionsgericht“ zu diskreditieren. Mehrere Befangenheitsanträge wurden gestellt — gegen den Richter, die Kammer und das gesamte Landgericht. Die Verteidigung sprach von einer „Wagenburg-Mentalität“, was der Richter als „dumpfen Populismus“ bezeichnete. Gewalt gegen öffentliche Bedienstete sei nicht hinnehmbar, betonte er. Und Polizisten könnten nicht als Freiwild angesehen werden. Der Staat sei eine unangreifbare Instanz.

Der Angeklagte zähle auch nicht zu den Hansa-Ultras sondern zur linksextremen Szene. Sein Interesse habe nicht den Spielen, sondern der Auseinandersetzung mit der Polizei gegolten. Durchsuchungen seiner Wohnung und der U-Haft-Zelle hätten dies gezeigt. Dort seien viele Utensilien gefunden worden, die zur Gewalt gegen Polizisten aufrufen, aber nur zwei Fanartikel — sowie zahlreiche Kleidungsstücke zum Vermummen.

S. sehe Gewalt als probates und einziges Mittel gegen den Staat, so der Richter. Dies belegten auch die Aussagen eines ehemaligen Strafgefangenen, dem sich S. in der U-Haft anvertraut und die Taten gestanden haben soll. Zwischenrufer lehnten den Zeugen ab: „Der ist verrückt.“ Eine Gutachterin habe dies verneint, so der Richter. Es bestehe nicht der geringste Zweifel an der Täterschaft von S.

beim Dresden-Spiel.

Die Verteidigung sprach von „Gesinnungsjustiz“. Ein Exempel solle statuiert werden. Die Strafe sei unverhältnismäßig: In vergleichbaren Fällen seien pro Tat acht bis zehn Monate Haft üblich.

Videomaterial überführt Angeklagten laut Gericht

Der Angeklagte soll sich während des Hansa-Spiels gegen Dresden mehrfach umgezogen haben. Videoaufnahmen zeigten ihn unvermummt vor dem Stadion. Hier übergab er eine Plastiktüte an zwei andere Besucher. Im Stadion habe er sich dann vermummt, um nicht erkannt zu werden, so das Gericht. Seitennähte, Etiketten an Handschuhen sowie Ausbeulungen an Jacke und Hose hätten ihn jedoch überführt. Bei den ersten Steinwürfen habe er eine schwarze Sturmhaube mit Augenschlitz oder eine Mütze-Schal-Kombination getragen. Im weiteren Verlauf soll sich S. dann eine Maske mit zwei Augenöffnungen und schwarze Socken über die Schuhe gezogen haben.

Von André Wornowski

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