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Ribnitzerin wurde Opfer des Rassenwahns

Ribnitz-Damgarten Ribnitzerin wurde Opfer des Rassenwahns

Nazis ermordeten Magda Oldenburg 1941 in der Tötungsanstalt Bernburg / Ein Gedenkstein erinnert an sie

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Mitglieder der Familie Oldenburg während der Einweihung des Gedenksteins. Fünfter von links: Uwe Oldenburg, rechts neben ihm Kirsten Müller-Oldenburg.

Quelle: Edwin Sternkiker

Ribnitz-Damgarten. Ein Mädchen hockt vor dem Haus Damgartener Chaussee 29 auf dem Boden und legt einen Anhänger aus Bernstein auf eine in den Fußgängerweg eingelassene und von Blumen geschmückte Steintafel. Es ist ein Gedenkstein. Seine Inschrift lautet: „Magda Oldenburg, 1911 - 1941, ermordet in Bernburg“. Mit diesem Stein erinnern Mitglieder der Familie Oldenburg daran, dass es mit Magda Oldenburg in der Nazi-Zeit auch unter Ribnitzern Opfer der Euthanasie gab.

OZ-Bild

Nazis ermordeten Magda Oldenburg 1941 in der Tötungsanstalt Bernburg / Ein Gedenkstein erinnert an sie

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In der Stadtgeschichtsforschung gab es bereits seit langem die Vermutung, dass auch behinderte Ribnitzer Einwohner Opfer des Rassenwahns der Nazis wurden. Doch bewiesen werden konnte das bisher nicht. Das hat sich mit den Nachforschungen der Familie Oldenburg nun geändert.

Es war allerdings ein langer Weg, bis das Schicksal ihrer Großtante geklärt werden konnte, berichtet Kirsten Müller-Oldenburg bei der Einweihung des Gedenksteins. Noch bis vor etwa anderthalb Jahren habe man nicht gewusst, wo und unter welchen Umständen ihre Angehörige gestorben sei. Doch dann kam der Zufall zur Hilfe, so Kirsten Müller-Oldenburg, die in Eisingen an der Evangelischen Philippuskirche als Pfarrerin tätig ist. „Eine Historikerin hatte im Rahmen einer Stolpersteinverlegung einen Israeli erwähnt, der eine Internetliste mit Namen von Euthanasieopfern ins Netz gestellt hatte. Dort schaute ich nach und stieß auf den Namen von Magda Oldenburg. Auch der Tag ihrer Geburt, der 15. März 1911, war dort verzeichnet.“

Doch Kirsten Müller-Oldenburg war sich noch unsicher: War das tatsächlich ihre Großtante? Sie setzte sich mit ihrem in Rostock lebenden Verwandten Uwe Oldenburg in Verbindung. Dieser nahm im Mai 2015 Kontakt zu Jana Behnke, Leiterin des Stadtarchivs Ribnitz-Damgarten, auf. Sie recherchierte und wurde in einer Akte fündig.

Dort habe sie zwar keinen Hinweis auf den Tod von Magda Oldenburg finden können, aber auf einem kleinen Formblatt fand sie die Mitteilung der Schweriner Heil- und Pflegeanstalt Sachsenberg, dass Magda Oldenburg von Lewenberg nach Sachsenberg verlegt worden sei. „Zusammen mit dem Einwohnerbuch von Ribnitz, nach dem die Mutter Ida Oldenburg in der Damgartener Chaussee 29 wohnte, war damit bewiesen, dass Magda Oldenburg tatsächlich die Gesuchte war. Namen und Geburtsdatum stimmten überein“, so Jana Behnke.

Nachdem Uwe Oldenburg bei den Recherchen mit Hilfe der Ribnitz-Damgartener Stadtarchivarin nicht nur auf das Schweriner Krankenhaus Sachsenberg gestoßen war, wo in der Zeit des „Dritten Reiches“

behinderte Menschen umgebracht wurden, forschte er weiter und wandte sich an das Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde. Mit dessen Hilfe und unter Einschaltung eines privaten Recherchedienstes konnte die Krankenakte von Magda Oldenburg im Bundesarchiv Koblenz gefunden werden. Dort lagerte sie zusammen mit weiteren Akten von Patienten, die in das berüchtigte Schweriner Spital am Sachsenberg eingeliefert worden waren. „Die Akte war sehr ramponiert und die Sütterlinschrift des Arztes kaum zu entziffern. Glücklicherweise übernahm ein Cousin von mir die schwierige Arbeit, die Akte zu ’übersetzen’“, so Uwe Oldenburg. Als letzter Satz war dort zu lesen: „Am 18.7.1941 in ein anderes Lager verlegt.“ Aber in welches? Vom Bundesarchiv bekam Uwe Oldenburg den Hinweis, in Bernburg nachzufragen.

Dort befand sich in der Zeit des Dritten Reiches eine von mehreren Tötungsanstalten. Und tatsächlich konnte dort der Hinweis gefunden werden, dass an diesem 18. Juli 1941 insgesamt 66 Patienten aus Schwerin-Sachsenberg in der Psychiatrischen Anstalt Bernburg angekommen waren. Unter ihnen Magda Oldenburg. Wie die anderen Leidensgefährten wurde sie dort vergast und anschließend verbrannt. Für die Nazis waren sie „unwertes Leben“. Nichts sollte mehr an diese Menschen erinnern. Um die wahre Todesursache zu verschleiern, erhielten Angehörige fiktive Sterbeurkunden. Häufig wurde als Todesursache Lungenentzündung oder Kreislaufschwäche angegeben.

„Die Nazis konnten Magda Oldenburg zwar das Leben nehmen, aber sie konnten die Erinnerung an sie nicht auslöschen. Durch diesen Gedenkstein geben wir Magda Oldenburg ihren Namen und ihre Würde zurück. Damit haben nicht die braunen Gespenster das letzte Wort“, so Kirsten Müller-Oldenburg. Dieser Gedenkstein sei auch eine Aufforderung, so etwas nie wieder zuzulassen und das Leben zu achten.

An die zweite stellvertretende Bürgermeisterin, Heike Karnatz, gewandt, dankte Uwe Oldenburg während der Einweihung des Gedenksteins im Namen der gesamten Familie der Stadtverwaltung Ribnitz-Damgarten ausdrücklich für die Unterstützung. „Hier haben wir stets offene Türen vorgefunden. Unser besonderer Dank gilt aber der Stadtarchivarin, Frau Behnke. Dank ihr und weiterer Helfer haben wir nun Gewissheit über das Schicksal unserer Tante.“

Mehr als 200 000 Menschen systematisch ermordet

Im Rahmen des von Berlin aus gesteuerten Euthanasieprogramms Aktion T4 wurden unter dem Chefarzt Johannes Fischer am 18. Juli und 1. August 1941 aus der Schweriner Klinik 275 Patienten in die NS-Tötungsanstalt Bernburg in Sachsen-Anhalt deportiert und dort vergast. In Schwerin selbst starben weitere psychisch kranke Menschen und mindestens 300 geistig und körperlich behinderte Kinder durch aktive oder passive Tötungsmaßnahmen. Einige wurden zu Tode gespritzt, andere bekamen starke Schlafmittel, sodass sie an Kreislaufversagen starben, wieder andere ließ man verhungern. Angehörige erhielten fiktive Sterbeurkunden. Häufig wurde als Todesursache Kreislaufschwäche oder Lungenentzündung angegeben. Oberarzt Alfred Leu leitete die Kinderfachabteilung Lewenberg, wo er mindestens 70 Kinder selbst tötete. Insgesamt lag die Zahl der Opfer nach neueren Forschungen bei über 1000 Toten.

Grundlage für die Euthanasie war das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 14. Juli 1933. Im Zuge des sogenannten Euthanasie-Programms wurden in Deutschland bis 1945 bis zu 400000 Menschen zwangssterilisiert und schätzungsweise mehr als 200 000 systematisch ermordet.

Edwin Sternkiker

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