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„So Mutter, mach’s richtig gut!“

Greifswald „So Mutter, mach’s richtig gut!“

Im November 1998 verschwand Thilo Böhlhoff und hinterließ nur einen rätselhaften Brief. Erst jetzt erfuhr seine Mutter durch die Greifswalder Rechtsmedizin, dass er sich auf Rügen das Leben nahm.

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Anne Marie Emily Wilczynski, Thilos Mutter, sagt: „Es ist noch nicht vorbei für mich.“ FOTOS, REPROS: ALEXANDER KÖRNER

Greifswald. Nach dem Abschiedskuss war Thilo Böhlhoff schon ein paar Meter weit weg auf seinem Rad, da raste er noch einmal zurück zum Auto seiner Mutter, wie aufgedreht. Er rief „Emily, Emily“, umarmte sie, zauste ihre Haare, leckte tatsächlich ihre Brillengläser ab, dann gab er sie frei. „So Mutter, nun kannst du fahren. Mach’s richtig gut.“ War da was? Oder war ihr Sohn in diesem Moment Ende Oktober 1998 nur überschwänglich, wie er manchmal sein konnte, dieser kluge und sprachbegabte Mann – hilfsbereit, beliebt und mit Schlag bei Frauen? Anne Marie Emily Wilczynski fuhr heim, unbesorgt. Es war die letzte Begegnung mit ihrem Sohn. Wochen später war Thilo tot, mit 38. Fast 19 Jahre lang, bis in diesen Sommer, wusste seine Mutter nicht, was ihm passiert war. Sie suchte ihn, und weil sie ihn nicht fand, hörte seine Abwesenheit nicht mehr auf.

Eine Woche nach Thilos stürmischem Abschied kam ein Brief aus München, 3. November 1998. Er verbarg, was er hätte klären können. „Ich gehe weit, weit weg mit kleinem Gepäck“, diesen Satz vergisst Anne Marie Emily Wilczynski nicht. Der Brief ließ alles offen. Thilos Zeilen waren ein Rätsel. Seine Mutter war oft in Sorge, dass ihr Sohn sich etwas antun könnte – so wie sein Vater, der sich in Linden (Niedersachsen) auf die Schienen legte, als Thilo 18 Jahre alt war und die Ehe seiner Eltern schon einige Jahre geschieden. Es muss etwas in der männlichen Linie der Familie sein, ein Schatten auf der Seele, vermutet seine Mutter. Was sie sicher weiß, ist, dass Thilo diese Selbsttötung schwer mitnahm. Der Einser-Schüler von der IGS Linden fiel ab, ein Jurastudium blieb unvollendet, es fehlte ein konstanter Weg in einem Beruf.

Wenn ein Mensch verschwindet, bekommt für Zurückgebliebene jedes letzte Wort, jede Umarmung, jedes Gefühl eine Bedeutung. Alles wird abgeklopft, das Wichtige und das Banale – und vielleicht versteckt sich gerade im Banalen eine Erklärung für das Verschwinden. War da was? War er verändert? Habe ich einen Satz falsch gedeutet? Und schließlich: Hätte ich etwas verhindern können, und wie weit zurück reicht diese vielleicht verpasste Chance?

Wer kennt Antworten, wenn der, den man fragen müsste, der ist, den man sucht? Emily fragte sich: Was macht er, warum München, wo ist er jetzt? Bald stellte sie eine Vermisstenanzeige, und immer glaubte sie, dass ihr Kind zurückkommt. Eines Tages. Über seinen letzten Brief sagt sie heute: „Er wollte nicht mehr leben, aber er hat sich nicht getraut, uns das zu sagen.“

Im November oder Dezember 1998 reiste Thilo Böhlhoff einmal quer durch Deutschland, vom Süden in den Norden. In den letzten kalten Stunden seines Lebens kaufte er in Sassnitz auf der Insel Rügen Brennspiritus und wohl auch ein Tapeziermesser. Auf den Waldboden, nicht weit entfernt von den berühmten Kreidefelsen, legte er einen Lammfellmantel und zog sich aus, bis auf die Unterhose. Im Obduktionsbericht der Rechtsmedizin Greifswald hieß es später, dass Spaziergänger neben der Leiche ordentlich zusammengelegte Kleidungsstücke mit Brandspuren fanden. Ausweis oder Führerschein, Versichertenkarte, nichts blieb, was einen Hinweis auf diesen Menschen geben konnte, der dort Wochen gelegen haben musste.

Als alle Spuren seiner Existenz ausgelöscht waren, vernichtete Thilo Böhlhoff sich selbst. Abgeschieden unter den Bäumen, ritzte er in seine Pulsadern, fügte sich eine klaffende Wunde am Hals zu und schnitt seine Bauchdecke auf.

Ärzte im Institut vermuteten, dass der unbekannte Tote verblutete oder durch eine Embolie starb. Kein Alkohol, keine Drogen. Bestattet wurde er in einem anonymen Grab auf dem Sassnitzer Friedhof – dort, wo Selbstmörder und von der See angespülte Menschen ihre letzte Ruhe finden. Ein Stein markiert das Grab mit der Nummer 119. „Unbekannt“ steht darauf. Wenn Thilo Böhlhoff seine Familie von der Nachricht seines Todes verschonen wollte, dann riss er sie dafür in zwei Jahrzehnte Ungewissheit, Zweifel und Grübelei.

Seine Mutter, Familie und Freunde hatten nichts. Thilo war tot, sie suchten weiter, von Beginn an. Seine Schwester fuhr nach München und fragte in Kneipen, Heilsarmee und am Bahnhof nach ihrem Bruder. Zwei Monate zuvor hatte er noch bei ihrem Umzug nach Norwegen geholfen. Es waren Tage, an denen sie lange redeten, über seine Stimmung, seine Pläne, und Thilo gab der Familie ein Versprechen.

„Ihr müsst euch keine Sorgen machen, ich packe das alles.“

Aber die Mutter glaubt nun, dies sei ein Versprechen am Rande des Abgrunds gewesen. Eine Detektei wurde beauftragt. Emily Wilczynski tippte Männern auf die Schultern, von denen sie meinte, sie könnten Thilo sein. Als eine Freundin glaubte, sie habe den Vermissten in einem Bericht über die Fremdenlegion gesehen, besorgte sie sich das Video vom französischen Fernsehen. „Er war es, er war es fast, nur ein Wimpernschlag passte nicht.“ Und weiter, das letzte Mittel. Ihr Sohn war schon 14 Jahre aus der Welt, als ein privater Fernsehsender einen Beitrag für eine Vermisstenserie drehen wollte. Zögernd willigte sie ein. Der Text für die Kamera, sagt sie, wurde ihr vorgegeben.

Auf dem Bildschirm erschien sie schließlich als weinerliches Mütterchen, das kaum alle Sinne beisammen zu haben schien. Emily Wilczynski erkannte sich nicht wieder. In Wahrheit spricht sie selbstbewusst, ihr Blick ist stärker, ihre Haltung aufrecht statt gebeugt. Sie hat ein Leben in der Kirche gearbeitet, die SPD in Wahlkämpfen unterstützt und ehrenamtlich in Hannover Schulpolitik betrieben, aber für diese Minuten schämt sie sich noch immer. Trotzdem – den Versuch schien es wert. Denn Thilo entfernte sich immer weiter. Erst in diesem Sommer löste sich das Rätsel um ihn.

DNA-Spuren von seinem Leichnam stimmten mit DNA-Proben überein, die in seinem hannoverschen Nachlass auf einer Zahnbürste gesichert wurden. Nun gab es einen Namen.

Letzte Klarheit brachte ein weiterer Test: der Abgleich von Thilos DNA-Spuren mit einer frischen Speichelprobe von Emily Wilczynski. Das Ergebnis aus diesem August, in knappen Worten der Rechtsmedizin Greifswald: „Mutterschaft praktisch erwiesen“. Emily fand Thilo, 19 Jahre, nachdem er sich wie verrückt von ihr verabschiedete. Aber unbegreiflich ist ihr, warum es ewig dauerte, ehe Behörden die Spuren aus Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen zusammenbrachten.

Verstanden ist nichts. Er hatte ihr versprochen, sich nichts anzutun, noch in Norwegen beim Umzug seiner Schwester. Bald darauf machte er sich auf den Weg nach Sassnitz. „Nein, Zeit heilt nicht alle Wunden“, sagt Emily Wilczynski,die bald 80 Jahre alt ist. Und es ist nicht besser zu wissen, dass das eigene Kind tot ist, als sein Verschwundensein auszuhalten. Es hilft nicht, wenn Freunde sagen, man habe nichts falsch gemacht.

Thilo verbarg alle seine Probleme hinter einer Maske des Lächelns, wie seine Mutter erzählt, und trotzdem: „Ich habe mir eingebildet, dass ich meinen Sohn kenne. Aber wir haben alle nichts gewusst.

Es ist noch nicht vorbei für mich.“

Im Oktober besuchte die Familie einige letzte Orte in Thilos Leben. Den Wald, sein Grab. Den Trauergottesdienst in Sassnitz gestaltete Oda-Gebbine Holze-Stäblein, früher Pastorin der Marktkirche.

Einige Freunde versammelten sich auf dem Friedhof. Der Stein für einen unbekannten Toten ist durch einen norwegischen Findling ersetzt worden. Thilo Böhlhoff hat darauf wieder einen Namen und damit eine Geschichte.

Gunnar Menkens

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