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Unverhoffter Fund auf Ribnitzer Dachboden

Ribnitz-Damgarten Unverhoffter Fund auf Ribnitzer Dachboden

In der Langen Straße 13 wurden nach über 70 Jahren Patientenbücher entdeckt

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Bei der Übergabe von zwei der ingesamt 17 Patientenbücher: Stadtarchivarin Jana Behnke (li.) und Apothekerin Erika Meding.

Quelle: Foto: Edwin Sternkiker

Ribnitz-Damgarten. Die Ribnitzer Apothekerin Erika Meding und ihr Mann staunten nicht schlecht über das, was sie auf dem kleinen Boden des Anbaus ihres Hauses in der Langen Straße 13 fanden. In einer entlegenen Ecke kam ein großformatiges Buch mit handschriftlichen Eintragungen nach dem anderen zum Vorschein. Es waren Patientenbücher, wie sich schon nach einem Blick zeigte. Insgesamt 17.

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In der Langen Straße 13 wurden nach über 70 Jahren Patientenbücher entdeckt

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Tausende Namen

Die ersten Eintragungen stammen von Juni 1918, die letzten von Mai 1944. Wahrscheinlich sind es mehrere Tausend Namen, die hier aufgeführt sind. Namen von Patienten, die Dr. Bruno Joseph und sein Schwiegersohn Dr. Ludwig Thron im Laufe vieler Jahre in ihrer Praxis in der Lange Straße 13 behandelt haben.

1898 ließ Dr. Joseph, einer der angesehensten jüdischen Einwohner der Stadt, das Gebäude errichten und praktizierte hier als Arzt. Immerhin war er 48 Jahre in Ribnitz und Umgebung für die Kranken tätig und scheute weder lange Wege noch Wind und Wetter, wenn es darum ging, Menschen zu helfen. Wo das Geld besonders knapp war, schrieb er keine Rechnung. Große Verdienste erwarb er sich auch als Bürgerschaftsvertreter und Stadtverordnetenvorsteher. Er und seine Frau hatten zwei Töchter. Helene wurde 1893 in Ribnitz geboren, Tochter Annemarie 1895. Nachdem Annemarie 1913 das Abitur in Bad Doberan abgelegt hatte, studierte sie an der Universität Erlangen Medizin. Ihr Studium gab sie 1915 auf. In diesem Jahre heiratete sie den aus Bayern stammenden Arzt Dr. Ludwig Thron, der katholischen Glaubens war. Seit 1919 arbeitete Dr. Thron gemeinsam mit seinem Schwiegervater in Ribnitz in der Praxis in der Langen Straße 13. Jahrelang arbeitete Annemarie Thron als Sprechstundenhilfe in der Praxis ihres Mannes mit, bis ihr die Nazis das verboten. Dr. Thron verstarb 1964 und wurde auf dem Friedhof am Schleusenberg beigesetzt. Seine Frau zog 1965 nach Westdeutschland, wo ihre Tochter wohnte.

Bücher dem Archiv übergeben

Seit 1991 befindet sich in dem Haus der Arztfamilie die Recknitz-Apotheke. Zuvor hatten es Erika Meding und ihr Mann aufwändig saniert. Die Fassade ist nahezu unverändert geblieben.

Über den Fund in der entlegenen Ecke auf dem Boden des Anbaus habe sie sich sehr gefreut, sagt die Apothekerin. Denn schließlich würden die Patientenbücher ein Stück über die Geschichte des Hauses erzählen und an die beiden Ribnitzer Ärzte erinnern.„Für mich war klar, dass diese Patientenbücher in das Stadtarchiv Ribnitz-Damgarten gehören“, betont Erika Meding.

Archivarin Jana Behnke traute zunächst ihren Augen nicht, was sie da zu sehen bekam. „In medizin- und familiengeschichtlicher Hinsicht sind diese Patientenbücher eine wertvolle Quelle“, erläutert sie. Neben Namen der Patienten, Angaben zur Krankheit und verabreichter Medizin finden sich in ihnen auch zahlreiche lose Zettel mit Befunden verschiedener Krankenhäuser, Überweisungen und Schreiben des Landesgesundheitsamtes Schwerin.

Mehrere Eintragungen belegen, dass Dr. Joseph und Dr. Thron auch Kriegsgefangene und Fremdarbeiter behandelten.

Ribnitzer Arzt soll Hitler behandelt haben

Nach der Machtergreifung der Nazis 1933 sollen in Ribnitz noch 16 jüdische Bürger gelebt haben, 1942 waren es nur noch vier. Als einzige Ribnitzer Jüdin überlebte Annemarie Thron die Zeit des Faschismus. Das hatte sie ihrem Mann Dr. Ludwig Thron zu verdanken. Bis heute hält sich das Gerücht, dass er sie deshalb schützen konnte, weil er als Militärarzt Hitler im Ersten Weltkrieg im Lazarett behandelt haben soll. Nach Beginn der Judenverfolgungen soll er sich persönlich an Hitler gewandt haben. Allerdings wurde die Situation für ihn und seine Frau im Februar 1945 noch einmal sehr kritisch, nachdem ihm „als jüdisch Versippten“, wie es im Nazi-Jargon hieß, die Approbation entzogen werden sollte und die Gefahr bestand, dass er zur Organisation Todt eingezogen wird. Dazu ist es jedoch nicht gekommen. Anderenfalls, so schrieb Annemarie Thron in ihrem 1950 verfassten Lebenslauf, „wäre ich dann wohl in ein K.Z. gekommen, wie 6 meiner nächsten Verwandten...“

Edwin Sternkiker

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