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Weg von der Flasche in ein selbstbestimmtes Leben

Ribnitz-Damgarten Weg von der Flasche in ein selbstbestimmtes Leben

In der Ribnitzer Langzeittherapie lernen 40 trockene Alkoholiker ihren Alltag wieder zu bewältigen / Ein Besuch

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Die beiden trockenen Alkoholiker Guedo Mallow (li.) und Maik Hoffmann haben sich in der Küche des „Hauses der Zuversicht“ – der Langzeittherapie-Einrichtung in Ribnitz-Damgarten – kennengelernt. FOTO: ANN-CHRISTIN SCHNEIDER

Ribnitz-Damgarten. Immer wenn seine Hände zu zittern begannen, wusste Guedo Mallow: Es ist wieder so weit. Das Verlangen nach Alkohol sei ein Bedürfnis gewesen, gegen das er sich nicht wehren konnte, wie Hunger oder Schlaf. Also griff er meist schon nach dem Aufstehen zum ersten Mal zur Flasche. „Dann erst habe ich mich wohlgefühlt“, sagt der 54-Jährige heute.

In der evangelischen Suchtberatung Ribnitz-Damgarten wird zur Abhängigkeit von Alkohol, Nikotin, Drogen und Medikamenten sowie Spielsucht, zu schädlichem Mediengebrauch, Kaufsucht und Essstörungen beraten. Die Berater vermitteln in die Entgiftung sowie in Langzeittherapien. Die Suchtberatung sitzt im Ribnitzer Mittelweg 1 und ist erreichbar unter ☎ 038

21/3900069.

Hilfe bei Sucht

„In der Entgiftung konntest du weder leben noch sterben.Guedo Mallow,

trockener Alkoholiker

Damals trank er vor allem Schnaps – bis zu zwei Liter am Tag. Der Alkohol bestimmte sein Leben.

40 Betroffene suchen den Weg in ein alkoholfreies Leben

Sieben Jahre kämpft Guedo Mallow schon gegen die Sucht – und für einen Neuanfang in der Langzeittherapie in den Bodden-Kliniken Ribnitz-Damgarten. Die Entgiftung hat er vorher hinter sich gebracht – eine seiner schrecklichsten Erfahrungen.„Da konntest du weder leben noch sterben“, erinnert sich der Wismarer. Doch er hielt sie durch und sagt jetzt: „Ich will wieder selbstständig über mein Leben bestimmen können und nicht der Krankheit die Oberhand überlassen.“

Guedo Mallow ist einer von 40 trockenen Alkoholikern im „Haus der Zuversicht“ am Rande der Bernsteinstadt. Mit Hilfe von verschiedenen Therapien, aber auch gewissen Freiräumen soll dort der Übergang in ein alkoholfreies Leben geebnet werden. „Wir wollen unsere Klienten nicht hospitalisieren, sondern sie animieren, zunächst Hilfe anzunehmen und sich dann selbst Hilfe zu suchen“, sagt Einrichtungsleiterin Heike Kasperzak. „Mit unseren festen, aber individualisierten Therapieplänen geben wir eine Tagesstruktur vor, die die Patienten vorher oft verloren haben.“

30 Jahre lang versetzte er sich regelmäßig in einen Rausch

Mallow redet offen und selbstbewusst über seine Krankheit. Er sucht Augenkontakt zu seinem Gesprächspartner, wenn er aus den 30 Jahren seines Lebens berichtet, in denen er sich regelmäßig in einen Rausch versetzte. Der groß gewachsene Mann mit dem kleinen Pferdeschwanz lacht, wenn er seine einstigen Tricks schildert. So schickte er Freunde und Bekannte los, um ihm Alkohol zu besorgen. Wandte sich deswegen jemand von ihm ab, war ihm das egal. Schweigsam wird der sonst redselige Wismarer nur, wenn es um das Thema Familie geht. „Ich habe keine“, sagt Mallow dazu trocken. „Aber deswegen fiel mir auch das Trinken leichter, ich musste mich ja vor niemandem rechtfertigen.“

Auf dem Bau stand das Bier immer bereit

Mit 14 Jahren habe er zum ersten Mal Alkohol probiert. Wann genau er dann in die Sucht verfiel, kann er nicht mehr sagen. „Ich war Spiegel-Trinker, habe also versucht meinen Pegel zu halten. Als das nicht mehr ausreichte, trank ich einfach mehr“, erklärt er schon fast sachlich. Er hatte eine Wohnung, ging zur Arbeit – selbst da stand das Bier immer bereit. „Auf dem Bau ist das nun mal so“, sagt Mallow achselzuckend.

Jetzt hat er den Blaumann gegen die Küchenschürze getauscht. Er arbeitet von 7.30 bis 15 Uhr in der Küche der Einrichtung, und sorgt dafür, dass alle seine Mitbewohner drei Mahlzeiten auf den Tisch bekommen. „Ich finde es gut, dass es immer was zu tun gibt“, sagt der 54-Jährige. Seine eisblauen Augen leuchten, wenn er von seiner Arbeit spricht: „Früher habe ich meist aus Langeweile zur Flasche gegriffen, hier kenne ich das nicht.“

Auch seinen Freund Maik Hoffmann hat der Alkoholiker in der Langzeittherapie kennengelernt. „Nach der Trennung von meiner Frau habe ich mit dem Alkohol versucht, meinen Schmerz zu betäuben“, sagt der 37-Jährige. Der Teterower ist ruhiger als sein Leidensgenosse, lässt lieber Guedo Mallow die Gespräche führen. Seit einem halben Jahr ist Hoffmann im „Haus der Zuversicht“.

Durchschnittlich zwei Jahre bleiben die Klienten aus ganz Deutschland in der Langzeittherapie in Ribnitz. Der Betroffene bestimmt, wann er bereit für den Auszug ist. Die trockenen Alkoholiker arbeiten unter anderem in der Werkstatt, im Garten oder auf dem Heimattierhof. Außerdem gehört es zur Therapie, die Feinmotorik zu verbessern, Hilfe für den Umgang mit Ämtern zu erhalten oder selbstständig zum Arzt oder zur Apotheke zu gehen. Nachmittags haben die Klienten, wie Heike Kasperzak sie nennt, Freizeit. „Wir sind keine geschlossene Einrichtung“, betont sie. „Jeder kann sich frei bewegen und sich so den Herausforderungen des Alltags stellen.“

„Keiner trinkt, weil es sein Ziel ist alkoholkrank zu werden“

Denn genau dort lauern die meisten Fallen. „Ob in Lebensmitteln oder Medizin – oft ist Alkohol enthalten“, betont die Einrichtungsleiterin. „Selbst beim Frisör oder im Möbelgeschäft bekommt man doch heute ein Gläschen Sekt angeboten. Es gilt als normal zu trinken.“ Umso mehr bedauere sie es, dass das Verständnis für die Krankheit bei vielen Menschen gering ist. „Keiner unserer Klienten trinkt, weil es das Lebensziel war abhängig und alkoholkrank zu werden. Es ist eben eine Krankheit“, sagt die Leiterin.

Vor allem eine, die schwer zu heilen ist. Nach einer Entgiftung liegt die Rückfallquote nach Aussagen der Suchtberatung in Ribnitz- Damgarten bei 76 Prozent, nach einer Langzeittherapie nur noch bei 36 Prozent.

Eine eigene Wohnung ist

„eine große Sache“

„Allein hätte ich es nicht so weit geschafft“, ist sich Guedo Mallow sicher. Er ist dem 15-köpfigen Team der Langzeittherapie in den Bodden-Kliniken für die Unterstützung dankbar. Zu Dezember zieht der 54-Jährige in eine Trainingswohnung, die als Übergang zur eigenen Wohnung dienen soll. Dort muss er sich allein um den Haushalt kümmern und seinen Alltag gestalten. Für den Notfall sind die Therapeuten nicht weit. „Ich bin stolz auf das, was ich geleistet habe“, sagt er, wenn auch sichtlich nervös. Veränderungen fallen ihm nicht leicht. Immerhin hat er sieben Jahre für den Schritt gebraucht. „Für mich ist das eine große Sache.“

Ann-Christin Schneider

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