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Zwischen Einschaltquote und Gefängnisgittern

Tangrim/Ribnitz-Damgarten Zwischen Einschaltquote und Gefängnisgittern

Musikproduzent und Medienmacher, Multimillionär und Bad-Boy, ein Leben zwischen Einschaltquote und Gefängnisgittern: Das ist Marco Delgardo.

Tangrim/Ribnitz-Damgarten. Musikproduzent und Medienmacher, Multimillionär und Bad-Boy, ein Leben zwischen Einschaltquote und Gefängnisgittern: Das ist Marco Delgardo.

 

OZ-Bild

Cola und Zigaretten: Marco Delgardo im Raucherbereich einer Bar in Ribnitz-Damgarten.

Quelle: Robert Niemeyer

Man muss zu seinem Leben stehen, auch zu seinen Fehlern.“Marco Delgardo

Marco wer?

In Tangrim südlich von Bad Sülze und Tribsees lebt der durchaus ein wenig einschüchternd wirkende Mann mit rasierter Glatze und Drei-Tage-Bart. Ein Bauernhaus hat er dort vor knapp einem Jahr gekauft, das er sanieren will. Seine Schwiegermutter soll dann dort einziehen. Delgardos Frau stammt aus Mecklenburg-Vorpommern.

Aber das ist eigentlich gar nicht die Geschichte.

Delgardo kann viel erzählen, Anekdoten, Geschichten, Meinungen — ein Blatt scheint er nicht vor den Mund zu nehmen. Dazu gibt es Cola und eine Zigarette nach der anderen. Während des gut anderthalbstündigen Gesprächs für diesen Artikel geht gefühlt eine Schachtel Zigaretten drauf.

Ein erfolgreicher Musikeproduzent sei er. Mehr als 120 Millionen Tonträger will er verkauft haben. Roxette, 50 Cent, Juliane Werding, Shaggy, Whitney Houston — die Liste der namhaften Stars, mit denen er zusammengearbeitet hat, ist lang. Allein zu finden ist nur wenig. In Fan-Foren wird gerätselt, wer Marco Delgardo denn überhaupt ist. Für ihn selbst kein Problem, obwohl selbst Per Gessle, Sänger der schwedischen Rockband Roxette, einst in einem Interview sagte, dass die Band stets mit schwedischen Songschreibern und Produzenten zusammengearbeitet habe. Delgardo wurde in Miami (USA) geboren, wuchs in Oberbayern auf.

Der Grund für das Rätselraten: „Pseudonyme“, sagt er, „ich habe 46 davon.“ Andere erfolgreiche Musikproduzenten hätten noch mehr. Die müsse man haben, das habe er von Ralph Siegel gelernt. Bei dem vor allem vom Eurovisions-Grand-Prix bekannten Musikproduzenten startete er mit 16 Jahren seine Karriere.

Natürlich ist auch Marco Delgardo ein Künstlername. Verraten will er seinen bürgerlichen selbstverständlich nicht. Die Betreiber einer Internet-Platform habe er einst abgemahnt, weil dort sein richtiger Name stand. Ebenso verschlossen ist er in Sachen Alter. „In Berichten steht oft irgendein Alter. Aber das stimmt alles nicht.“ Was stimmt, ist bei Marco Delgardo sowieso die große Frage.

In den 1990er-Jahren war er Frontmann der Band „No Face“, mit der er in der Daily-Soap „Marienhof“ mitspielte. Dazu 1000 Live-Auftritte in fünf Jahren, Dance-Pop. „Das war eigentlich nur reine Profilneurose.“

Musikproduktionen waren anfangs sein Geschäft. Auf Mallorca und in Frankfurt betrieb er mit seinem 2001 verstorbenen Freund Bernd Danski die DMP-Studios.

Doch eigentlich sind es eher die Geschichten drum herum als die Musik selbst, die für Aufsehen sorgen. 2012 wurde behauptet, Delgardo wolle Joey Heindle, Ex-Kandidat von Deutschland sucht den Superstar, unter Vertrag nehmen. „Den kenn ich gar nicht.“ Im Halbschlaf habe er frühmorgens einem Redakteur gesagt, er würde das machen. Daraus wurde die Geschichte.

2010 bis 2012 machte Delgardo Schlagzeilen als Manager von Arno Dübel, der als „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ bekannt wurde. „Der wurde 2008 oder 2009 von einem Talkshow-Hunter in Hamburg entdeckt“, erzählt Delgardo. Er produzierte mit Dübel einen Song, der Platz 80 in den Charts erreichte. „Aber der Titel war nur Mittel zum Zweck“, sagt Delgardo. „Denn mit was verdient man Kohle? Mit Sendeminuten.“ Und deshalb habe er für Dübel ein „Komplettkonzept“ entworfen. Der faule Hartz-IV-Empfänger, der singt, durch Talkshows tingelt und immer wieder in den Boulevardmedien auftaucht, immer wieder angefeuert durch TV-Berichte, natürlich produziert und verkauft von Delgardo selbst, der sagt: „Ein Medienstar ist immer ein Produkt, auch ein Mensch, aber in erster Linie ein Produkt.“

Und vielleicht, sogar eher wahrscheinlich, gilt das auch für ihn. Immer wieder taucht er in den Medien auf, teilweise mit abstrusen Geschichten, wie einer Wanne voller Kleingeld, die er bei Ebay versteigern wollte. 16 Häuser besitze er, 2010 wurde sein Vermögen vom Handelsblatt auf 60 Millionen Euro geschätzt. Dennoch gibt es Berichte, in denen andererseits behauptet wird, er lebe von Hartz-IV.

Das Badboy-Image gehört natürlich auch oder sogar ganz besonders dazu. Der böse Blick auf Fotos als Markenzeichen. Immer wieder war ihm die Nähe und auch die Mitgliedschaft im Rocker-Club Hells Angels unterstellt worden. Auf seinen Fingerknöcheln ist A.C.A.B eintätowiert. Er selbst äußert sich dazu in den Medien nicht, sagt nur: „Aktuell bin ich kein Member in einem Club.“

2003 saß er für ein Jahr wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis. „Wenn man jung ist und schnell erfolgreich, denkt man schnell, mir kann keiner was“, sagt Delgardo dazu. Mittlerweile gelte er als nicht vorbestraft, obwohl ein Ermittlungsverfahren gegen ihn läuft. 2014 stürmte eine SEK-Einheit seine Wohnung bei Frankfurt. Eine Streiterei in einer Kneipe sei der Auslöser gewesen. In den folgenden Ermittlungen sei von Zeugen behauptet worden, er besitze illegal Schusswaffen. Nichts sei gefunden worden. „Man muss zu seinem Leben stehen, auch zu seinen Fehlern.“ Wenn er etwas in der Sache begangen hätte, hätte er sich auch gestellt, beteuert Delgardo.

Und so bleibt seine Geschichte voller Widersprüche. Zum großen Teil sicherlich gewollt. Das Haus in einem Dorf in Vorpommern, kuriose Geschichten in Boulevardmedien, etliche Geheimnisse um seinen Lebensweg.

Und weil das noch nicht ausreicht: Derzeit warte er auf seine Anwaltszulassung. Das zweite Jura-Staatsexamen habe er in der Tasche. Kapitaldelikte sollen sein Spezialgebiet sein. Passenderweise.

Nur er selbst sieht‘s gelassen: „So selten ist der Werdegang gar nicht.“

Von Robert Niemeyer

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