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100 Jahre alt und gefragt wie nie

Gehlsdorf 100 Jahre alt und gefragt wie nie

Der Kleingartenverein „Fährhufe“ erlebt im Jubiläumsjahr einen neuen Boom: Junge Familien zieht es ins Grüne

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Folgen dem Bio-Trend: Monique Neugebauer (37) und Tochter Merle (10) gehören zu den jüngsten Kleingärtnern in Gehlsdorf.

Quelle: Fotos: Andreas Meyer

Gehlsdorf. Ein bisschen ist es wie in den Gründungszeiten. Wie im Jahr 1916, als der Erste Weltkrieg gerade vorbei und Lebensmittel knapp waren. Wer damals eine Parzelle in der neu gegründeten Kleingartenanlage „Fährhufe“ in Gehlsdorf haben wollte, musste warten. Oft jahrelang. „Und das ist heute nicht anders. Ich führe jetzt wieder Wartelisten. 15 Familien stehen drauf“, sagt Harry Abels, Vorsitzender des Kleingartensvereins. Die „Fährhufe“ feiert in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag – und ist beliebt wie nie.

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Der Kleingartenverein „Fährhufe“ erlebt im Jubiläumsjahr einen neuen Boom: Junge Familien zieht es ins Grüne

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Das Kleingarten-Wesen in der Hansestadt boomt. Und Gehlsdorf ist da keine Ausnahme. Doch die Gründe für den Aufschwung sind andere als in der Vergangenheit: „Als die ersten großen Kleingartenvereine in Rostock entstanden – vor 100 bis 120 Jahren – ging es um die Versorgung. Die Stadtbevölkerung sollte sich ein Stück weit selbst mit Obst und Gemüse eindecken können“, erzählt Christian Seifert, Vorsitzender des Verbandes der Gartenfreunde in der Hansestadt. Das war beim zweiten großen Kleingarten-Boom nach dem Zweiten Weltkrieg und auch Mitte der 1980er Jahre, als die DDR-Führung das Kleingartenwesen massiv ausbauen ließ, nicht anders. „Fährhufe“-Chef Harry Abels erinnert sich: „Auf einen freien Garten bei uns haben Sie zu DDR-Zeiten länger gewartet als auf ein neues Auto.“ Dann aber kam die Wende, viele Parzellen standen auf einmal leer. „Es gab plötzlich alles im Überfluss und den Kohlkopf für zehn Pfennig. Viele Pächter mussten sich beruflich auch noch neu orientieren.“

Vom Leerstand ist heute – 25 Jahre danach – aber nichts mehr zu sehen.

Dieses Mal ist aber nicht Mangel der Auslöser für den Boom. „Wir profitieren stark vom Trend hin zu Bio- und Öko-Lebensmitteln“, sagt Seifert. „Vor allem junge Familien entdecken mit Anfang 30 den Kleingarten für sich. Die Menschen wollen wieder mehr ins Grüne, und sie achten darauf, wo ihre Lebensmittel herkommen.“ Wer selbst Obst und Gemüse anbaue, habe die Garantie, dass keine Chemie im Spiel war. Das beste Beispiel für seine These ist Familie Neugebauer.

Seit einigen Jahren haben Neugebauers eine eigene Parzelle in der „Fährhufe“. Im Garten wachsen Kartoffeln, Kürbisse, Äpfel, Beeren. Während vor dem Clubhaus das 100-jährige Vereinsjubiläum mit Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, Kaffee und Kuchen gefeiert wird, ernten Mutter Monique (37) und Tochter Merle (10) die ersten Zucchini des Jahres. „Das ist doch was Feines“, sagt Monique Neugebauer beim Anblick der Prachtexemplare aus eigenem Anbau. „Eigenes Gemüse ist gesund, und ich weiß, woher es kommt.“ Für sie sind Parzelle und Laube aber mehr als „nur“ ein sinnvoller Garten:

„Es ist unser kleines Urlaubsdomizil mitten in der Stadt.“ Und es ist ein Platz einer Gemeinschaft: „Im Alltag lebt jeder nebeneinander her. Jeder macht Seins. Aber hier gibt es eine schöne Gemeinschaft. Wir fühlen uns wohl.“

Harry Abels hört das gerne. Mitte 70 ist der Vorsitzende der „Fährhufe“. Und ans Aufhören denkt er noch lange nicht. „Dabei wollte ich nie einen Garten haben!“, sagt der Vereinschef. Als Kind musste er seinen Eltern oft beim Gärtnern helfen. Das habe er gehasst. Als er dann aus Erfurt an die Küste zog und seine Frau kennenlernte, verpflichteten ihn die Schwiegereltern wieder zum Mithelfen.

„Irgendwann hatte ich genug davon, dass sie immer was zu nörgeln hatten und habe ihren Garten komplett übernommen.“ 1968 war das. Seit 1972 sitzt Abels im Vorstand der Anlage. Nur auf dem Balkon zu sitzen und in die Gegend zu gucken – „das kann ich nicht“.

Die schönsten Momente für Abels sind die, wenn Kinder in den Gärten unterwegs sind. „Die haben Freude, und sie lernen hier viel. Sie sehen mal einen Frosch oder eine Kröte, lernen Pflanzen kennen und haben Platz zum Spielen.“ Seine Kinder hatte er schon mit im Garten, dann die Enkel und heute kommt die Ur-Enkelin. „Darauf freue ich mich jedes Mal.“

Die „Fährhufe“

199 Parzellen gehören zum Verein „Fährhufe“ in Gehlsdorf.

1908 entstanden die ersten Gärten auf dem Gelände. Doch erst 1916 durfte Maurer Wilhelm Kobrow das gesamte Areal für einen Kleingartenverein pachten. Die Familie Kobrow hatte in der „Fährhufe“ noch bis 1987 einen Garten.

5,98 Mark musste Kobrow an Verwaltungsgebüren an die Stadt zahlen. So steht es auf dem Original-Pachtvertrag, der Teil der Vereinschronik ist.

Andreas Meyer

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