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Abgefüllt! Im Namen der Wissenschaft

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Bei einem Selbsttest erfuhren 16 angehende Juristen, wie sich Wodka, Bier & Co. auf ihr Fahrverhalten auswirken / 240 Mal erwischte die Rostocker Polizei alkoholisierte Autofahrer im vergangenen Jahr

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Die Referendare Tobias König (v. l.), Laura Harks, Oliver Schley und Susann Redlich machen den Trinkversuch. FOTOS (2): OVE ARSCHOLL

S. tadtmitte. Mit geschlossenen Augen kann Oliver Schley kaum noch gerade auf der Linie auf dem Boden laufen. Stark schwankt der Oberkörper des Rechtsreferendars von links nach rechts, fast scheint er das Gleichgewicht zu verlieren. Der 25-Jährige lacht über seine Unsicherheit. „Das sind eindeutige Ausfallerscheinungen“, sagt Rechtsmediziner Johannes Manhart, der mit seinem Team 16 Probanden bei einem Trink-Selbstversuch betreut. Oliver Schley hat 0,73 Promille.

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Bei einem Selbsttest erfuhren 16 angehende Juristen, wie sich Wodka, Bier & Co. auf ihr Fahrverhalten auswirken / 240 Mal erwischte die Rostocker Polizei alkoholisierte Autofahrer im vergangenen Jahr

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Eine Stunde vorher: Entspannt stößt der angehende Jurist mit seinen Kollegen Tobias König, Laura Harks und Susann Redlich in einem Seminarraum des Instituts für Rechtsmedizin der Universität Rostock an. Ihr Ziel ist es, 0,8 Promille Alkohol innerhalb einer Stunde im Blut zu haben – alles unter wissenschaftlicher Betreuung. „Es geht bei dem Versuch nicht darum, sich zu betrinken“, erklärt Testleiter Manhart. „Vielmehr soll er zeigen, wie der Alkohol auf den Körper wirkt. Immerhin haben die Tester im späteren Berufsleben oft mit Betrunkenen zu tun.“ Dafür mussten die Referendare zuvor Größe, Gewicht, Alter und Geschlecht angeben, damit die Experten die nötige Alkoholmenge errechnen konnten, die zu dem Promillewert führt.

Schley hat sich für Rum entschieden. 230 Milliliter muss er nun innerhalb von 60 Minuten trinken, um den gewünschten Effekt zu erzielen. „Ich finde es spannend zu erfahren, wie viel ich wirklich trinken kann und ab wann ich nicht mehr fahrtüchtig bin“, sagt der Rostocker. Zeitgleich wird den anderen Wodka, Wein und Bier eingeschenkt. „Ich kenne nicht wirklich meine Grenze. Manchmal bin ich schon nach einem Glas Wein und dann ein anderes Mal erst nach ein paar Wodka-Mischungen betrunken. Wenn ich trinke, setze ich mich jedoch nie ans Steuer.“

240 Mal erwischte die Rostocker Polizei alkoholisierte Autofahrer 2016. Im Jahr zuvor waren es nach Angaben der Polizeiinspektion Rostock 226 Fälle gewesen. „Alkohol im Straßenverkehr ist ein enormes Risiko“, sagt Sprecherin Dörte Lembke. „Denn oft enden die Unfälle nicht nur mit Blechschäden.“

Im vergangenen Jahr sind 2000 Fälle mit Trunkenheit am Steuer in Mecklenburg-Vorpommern registriert worden. Acht Personen starben auf den Straßen des Landes, weil Alkohol oder Drogen eine Rolle spielten, sagt Dieter Schönrock vom Polizeipräsidium in Rostock. In diesem Jahr sind bereits drei Menschen im Rausch getötet worden.

„Alkoholisierte Autofahrer geben die Kontrolle über die Fahrt ab“, mahnt Peter Gerhardt, Präsident des Bunds gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr (BADS), an. „Die Folgen sind dann für niemanden mehr kalkulierbar. Über Leben und Tod entscheidet dann der Zufall.“ Deshalb plädiert der BADS, der den Versuch mit dem Institut organisiert hat, für die 0,0-Promille-Grenze.

Nach einer halben Stunde Trinkzeit müssen die Versuchsteilnehmer das erste Mal pusten. Ein Atemalkoholmessgerät nimmt ihre Werte. Angelina Timm hat etwa die Hälfte ihrer 600 Milliliter Sekt getrunken. „Also, ich fühle mich schon leicht beschwipst“, gibt die 28-Jährige zu, als sie auf ihr Ergebnis wartet. 0,03 Promille. „Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet. Ich fühle mich jetzt schon nicht mehr fahrsicher“, ist die Hamburgerin überrascht.

Ein verengtes Sichtfeld, Artikulationsstörung, Probleme bei der Feinmotorik, verzögerte Augenbewegungen, Enthemmung: Die Liste der Auswirkungen von Alkohol auf den menschlichen Körper ist lang, weiß

Rechtsmediziner Manhart. „Wann diese dämpfenden Effekte einsetzen, ist bei jedem individuell und hängt auch meist von den Trinkgewohnheiten ab“, ergänzt er.

Der Versuch ist vorbei. Angelina Timm hat ihr Becherglas geleert und 0,29 Promille intus. Vorsichtig schleicht sie nun mit ihrem Auto über die Landstraße. Die 28-Jährige sitzt in einem Fahrsimulator und fährt kaum schneller als 50 km/h. Plötzlich kommt eine Person von rechts. Unfall. „Oh Gott, oh Gott“, ist die Referendarin erschrocken. „Ich konnte gar nicht so schnell reagieren, wie der Mann auf der Straße war.“ Rechtlich gesehen dürfte sie noch fahren. „Aber das würde ich in meinem Zustand nicht machen“, sagt Angelina Timm. Sie fährt heute – wie alle Probanden – mit der Bahn nach Hause.

Wann droht welche Strafe?

0,49 Promille dürfen Autofahrer maximal im Blut haben, um keine Ordnungswidrigkeit zu begehen. Wer diese Grenze übersteigt, muss mit einer Geldstrafe von 500 Euro, zwei Punkten in der Verkehrssünderkartei in Flensburg und einem einmonatigen Fahrverbot rechnen. Wer öfter erwischt wird, muss mit härteren Strafen rechnen.

0,3 Promille können auch schon Konsequenzen haben. Allerdings nur, wenn eine Gefährdung des Verkehrs beobachtet wird, beispielsweise weil in Schlängellinien gefahren oder eine rote Ampel übersehen wird. Dann kann laut Bußgeldkatalog der Führerschein entzogen werden und Geld- sowie eine Haftstrafe drohen. Hinzu kommen drei Punkte in Flensburg.

1,1 Promille ist die Grenze, bei der jede Alkoholfahrt eine Straftat ist. Der Fahrer ist dann laut Gesetzgebung absolut fahruntüchtig. Die Folge sind ein Bußgeld, drei Punkte in Flensburg, Führerscheinentzug und gegebenenfalls einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren. Wer sogar 1,6 Promille hat, muss außerdem zur medizinisch-psychologischen Untersuchung (MPU).

Ann-Christin Schneider

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