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Appell an Bauherren in MV: Wir-Gefühl vor Eigennutz

Rostock Appell an Bauherren in MV: Wir-Gefühl vor Eigennutz

Im OZ-Interview fordert der Präsident der Landesarchitektenkammer mehr Gemeinschaftssinn bei der Bauplanung. Bauherren sollten nicht nur eigene Wünsche verwirklichen. Neubauten müssten auch ein Gewinn für den jeweiligen Ort sein.

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Schön oder scheußlich? An modernen Bauten wie dem Container-Hostel „DockInn“ in Rostock-Warnemünde scheiden sich die Geister. Am Wochenende laden 48 Projekt Architekturinteressierte dazu ein, die Vielfalt der Baukultur in MV zu entdecken.

Quelle: Bernd Wüstneck

Rostock. Zum buchstäblich Bauklötze (be-)staunen laden dieses Wochenende Architekten, Bauherren, Stadt- und Landschaftsplaner ein. 48 Projekte in 29 Orten des Landes erwarten Besucher beim diesjährigen Tag der Architektur. Historische Kirchen, moderne Geschäftshäuser, Parks und Wohnimmobilien widerspiegeln, wie vielfältig die Baukultur in MV ist. Die OSTSEE-ZEITUNG sprach mit dem Präsidenten der Landesarchitektenkammer, Joachim Brenncke, über umstrittene Projekte und den Hang zur Nostalgie.

Herr Brenncke, was macht für Sie gute Architektur aus? Joachim Brenncke: Sie sollte ein Gewinn für die Stadt oder das Dorf sein und die Menschen die darin wohnen. Gebäude müssen einen Bezug zur Landschaft haben, die es umgibt, und zum Ort, in dem es steht. Und: Wenn ich bei einem Neubau eine Einordnung ohne Unterordnung in das Stadt- und Vorbild erkennen kann.

Bauherren wollen sich aber auch ihre Wohnwünsche erfüllen. Wie gelingt der Spagat?  Das Wir ist wichtig. Gartenstädte der 1920er Jahre wie etwa Dresden-Hellerau tragen eine architektonische Handschrift. Da passt alles zusammen. Heute weisen wir noch viel zu oft B-Plan-Gebiete aus, in denen der eine ein rotes Dach machen darf, der nächste eines in blau und der Nachbar eines in grün. Dann hat sich jeder persönlich verwirklicht, aber eine gemeinsame Identität schaffen wir so nicht. Aber gerade diese Regionalität brauchen wir heute in Europa, insbesondere für MV.

Sind wir denn zu Ich-bezogen? Ich glaube, das Wir-Gefühl kommt langsam wieder. Nach der Wende haben sich viele ausgetobt, Gemeinden wollten zum Beispiel keine Gestaltungssatzungen. Heute fragen Verwaltungen uns Architekten immer öfter um Rat, damit ihr Ort auch ihr Ort bleibt. Die Menschen denken heute wieder mehr über ihre gebaute Zukunft nach.

Welche Hilfe bietet die Architektenkammer dabei?  Wir haben vor zwei Jahren einen mobilen Gestaltungsbeirat mit fachkundigen Architekten der unterschiedlichen Fachrichtungen gegründet, die auf Wunsch Vorschläge machen. Was die Gemeinde dann beschließt, bleibt ihnen überlassen. Die meisten Gestaltungssatzungen lehnen sich stark an historische Bauformen an. Darum sollte man genau überlegen, wie ortsbezogenes, aber auch zeitgemäßes Bauen möglich bleibt.

Ist es denn sinnvoll, die Vergangenheit zu imitieren? Aus Sicht des Architekten nicht, denn Geschichte kann man nicht wiederholen. Es hatte Gründe, warum zum Beispiel zur Hansezeit Giebelhäuser gebaut wurden. Sie hatten eine wirtschaftliche Funktion, die es heute in der Form nicht mehr gibt. Was hingegen damals wie heute da ist, ist das Gefühl „Das kenne ich“. Viele Menschen haben Angst vor der Zukunft. Etwas Gebautes, von dem man meint, es sei immer da gewesen, vermittelt Sicherheit, das Gefühl von Zuhause. Aber Nostalgie kann nicht die Antwort sein. Wir brauchen etwas, das an den Standort passt, aber auch weiterentwickelt werden kann. Wir beschreiben Zukunft auch durch Bauen.

Also das Alte aufgreifen und mit Modernem kombinieren? Genau.

Gegen öffentliche Bauprojekte regt sich häufig Protest, wenn die zu sehr vom Altbekannten abweichen. Haben wir Veränderungen gegenüber eine negative Einstellung? Das ist deutschlandweit so. Sobald irgendwo gebaut wird, gibt es gefühlt gleich eine Bürgerbewegung, die aus unterschiedlichsten Gründen dagegen ist. Man muss abwägen: Was ist Eigennutz und was mach' ich für das Gemeinwohl? Als Gesellschaft müssen wir darauf achten, dass der Eigennutz nicht überwiegt. Klar, es muss alles wirtschaftlich sein. Aber es darf auch nicht sein, dass zum Beispiel an der Ostseeküste jede freie Fläche zugebaut wird.

Stichwort freie Fläche. In Städten mit rasantem Einwohnerzuwachs werden in Windeseile Wohngebäude hochgezogen. Bleibt bei dem Tempo die Baukunst auf der Strecke? Nicht unbedingt. Das man dabei Qualität hinbekommen kann, beweist das Petriviertel in Rostock. Es gab einen städtebaulichen Wettbewerb, danach einen Bebauungsplan und für jedes Quartier einen Gebäudewettbewerb. Die Stadt hat einen Beirat gebildet, um das Thema intensiv zu begleiten. Die Bürger und die Baufachleute wurden damit gemeinsam – auf Augenhöhe – einbezogen. Für so etwas braucht man einen längeren Atem. Aber für ein Projekt an so präsenter Stelle muss man sich die Zeit nehmen. Die Stadt Rostock hat da aus meiner Sicht alles richtig gemacht. 

AB

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