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Aufstand der Paket-Boten

Klein Schwaß/Stadtmitte Aufstand der Paket-Boten

Streik bei DHL in Rostock / Tausende Pakete bleiben liegen / Probleme auch bei anderen Diensten

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Nichts geht mehr bei DHL: In den vergangenen Tagen sind um die 10000 Pakate für Empfänger in der Hansestadt in der Zustellbasis geblieben (Symbolfoto).

Quelle: Foto: Frank Söllner

Klein Schwaß/Stadtmitte. Wenn Gewerkschaft und Arbeitgeber keine Lösung finden, könnte es an Heiligabend unter so manchem Rostocker Christbaum dürftig aussehen:

 

OZ-Bild

„Für den Kunden ist Geiz leider immer noch geil.“ Thomas Ebeling Gewerkschaftssekretär Verdi

Ausgerechnet in der Vorweihnachtszeit drohen der Hansestadt nämlich tage- oder sogar wochenlange Streiks der Paketzusteller. Die Mitarbeiter der DHL Neubrandenburg Delivery am Standort Klein Schwaß kämpfen seit dem Wochenende für einen Haustarifvertrag. Sie wollen genau so viel verdienen wie ihre Kollegen im Mutterkonzern, bei der Deutschen Post AG. Doch nicht nur bei der Post droht Ärger: „Bei den anderen Paketdiensten ist die Lage der Beschäftigten zum Teil noch dramatischer“, sagt Thomas Ebeling, Gewerkschaftssekretär bei Verdi.

DHL in Rostock: Eine Marke, aber zwei Firmen

Das Paketgeschäft ist eine der größten Wachstumsbranchen in ganz Deutschland. Weil immer mehr Kunden Waren im Internet bestellen, steigt die Zahl der verschickten Sendungen laut Verdi pro Jahr im Schnitt um 15 Prozent. Allein die Post-Tochter DHL – mit einem Marktanteil von rund 40 Prozent die Nummer eins bundesweit – stellt in Rostock pro Tag um die 15000 Pakete zu. „Diese Menge teilen sich die Zusteller in zwei unterschiedlichen Firmen“, erklärt Gewerkschaftssekretär Ebeling. Für den Kunden seien die Zusteller nicht zu unterscheiden: gleiche Fahrzeuge, gleiche Kleidung – egal, ob sie für die DHL Delivery oder für die „klassische“ Post unterwegs sind. „Nur beim Gehalt macht die Post dann doch Unterschiede.“ Während für die Beschäftigten des Mutterkonzerns eine 38,5-Stunden-Woche mit einem Einstiegsgehalt von 12,20 Euro gilt, müssen die DHL Delivery-Fahrer 40 Stunden pro Woche arbeiten und bekommen nur 11,09 Euro.

160 Pakete pro Tag sind für jeden Zusteller das „Soll“, 220 aber die Regel. „Urlaubsgeld bekommen wir nur um die 200 Euro pro Jahr – brutto. Weihnachtsgeld gibt es gar nicht“, klagt einer der Zusteller. Und statt der mittlerweile üblichen 30 Tage Urlaub pro Jahr bekommen die Fahrer nur 25 Tage. „All das ist ungerecht“, sagt Verdi-Mann Ebeling. Zumal selbst Leiharbeiter, die bei der DHL Delivery mithelfen, mehr verdienen würden. „Die Post zahlt bis zu 25 Euro pro Stunde an Leiharbeitsfirmen. Das Geld, um Leute fair zu bezahlen, ist also da.“

Warnstreiks seit Sonnabend

Am Sonnabend legte ein großer Teil der rund 70 Beschäftigten in Groß Schwaß erstmals die Arbeit nieder. Gestern wurde der Streik dann ganztägig ausgeweitet: Um die 10000 Pakete sind deshalb, so Verdi, bisher liegengeblieben. „Wir fordern, dass die Zusteller in Klein Schwaß die selben Konditionen bekommen wie ihre Kollegen beim Mutterkonzern. 2080 Euro Brutto sind im Monat als Einstiegsgehalt nicht zu viel“, fordert Ebeling. Bisher weigere sich die DHL Delivery aber, über einen Haustarifvertrag mit Verdi zu verhandeln. „Am 2. November ist ein Gespräch angesetzt. Danach sehen wir weiter.“ Sollten die Gespräche scheitern – „dann sind wir auch bereit, längere Zeit zu streiken“, ergänzt Martin Fiebig, Mitglied des Betriebsrates bei DHL Delivery. Der Zeitpunkt kommt für die Post und die Kunden denkbar ungünstig: Mitte November beginnt das Weihnachtsgeschäft.

Die Post signalisiert bereits Gesprächsbereitschaft: „Natürlich werden wir miteinander reden“, so Unternehmenssprecher Jens-Uwe Hogardt. Aber: „Ansprechpartner für Verdi sind eigentlich nicht wir – sondern der Arbeitgeberverband des Logistikgewerbes.“ Mehr wolle die Post derzeit aber nicht sagen.

Probleme auch bei anderen Paketdiensten

Doch nicht nur die Entwicklungen bei der Post und ihren Töchtern bereitet der Gewerkschaft Sorge: „Bei den anderen großen Paketdiensten ist die Lage der Beschäftigten zum Teil nach prekärer“, sagt Ebeling. Bei UPS sei immerhin gut ein Drittel der Zusteller noch direkt beschäftigt. „Bei allen DPD, GLS und Hermes aber werden die Pakete ausschließlich von Subunternehmern zugestellt. Die sind durch so genannte Werkverträge an die Firmen gebunden – zum Teil zu Konditionen, die nicht mal die Kosten decken“, sagt Ebeling. Erst Anfang des Jahres habe ein großer Hermes-Partner in Wismar Insolvenz anmelden müssen. Tausende Pakete blieben wochenlang liegen.

In Hamburg habe Verdi bei Stichproben herausgefunden, dass Zusteller, die im Auftrag von Hermes unterwegs waren, nicht nach Zeit, sondern für die zugestellten Pakete bezahlt werden. „Manche haben so weniger als fünf Euro pro Stunde verdient.“ Das könne gar nicht sein, kontert eine Hermes- Sprecherin: „Ja, wir arbeiten mit Generalunternehmern zusammen. Aber auch die zahlen den Mindestlohn. Viele sogar deutlich mehr.“ Denn in Großstädten würden sich nur neue Zusteller finden, wenn die Löhne klar über dem Minimum liegen. Und: „Wenn sich Partner nicht an das Gesetz halten, beenden wir die Zusammenarbeit.“ UPS äußerte sich auf Nachfrage nicht zu Löhnen seiner Zusteller.

Kunden wollen nicht für Lieferung zahlen

Ein Grund für den harten Kosten- druck im Paket-Gewerbe seien die Kunden selbst, heißt es von Hermes: „Kaum jemand möchte noch Versandkosten zahlen. Aber die Kunden müssen sich fragen, wie viel ihnen die Logistik wert ist“, so eine Firmensprecherin. Auch Verdi-Vertreter Ebeling sagt: „Leider ist Geiz beim Bestellen im Internet immer noch geil.“

Andreas Meyer

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