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Aus dem Archiv: Bewegendes Interview mit Gudrun Greipel

Rostock Aus dem Archiv: Bewegendes Interview mit Gudrun Greipel

Die Mutter des Rennrad-Profis Andre Greipel aus Rostock-Kritzmow ist an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS gestorben. In einem Gespräch mit der OZ hat sie von ihrem schweren Kampf berichtet.

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Kritzmow bei Rostock: Gudrun Greipel hat nie ihren Lebensmut verloren.

Quelle: Lilienthal, Dietmar

Rostock. Die Mutter des Rennrad-Profis Andre Greipel aus Rostock-Kritzmow ist an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS gestorben. Vor zwei Jahren war die OSTSEE-ZEITUNG bei ihr zu Besuch. Gudrun Greipel erzählte in einem bewegenden Interview über ihren schweren Kampf gegen die Krankheit - und davon, dass sie sich nicht unterkriegen lässt.

Eine unerwartete Nachricht

Die E-Mail kam völlig überraschend. Wir hatten seit mehr als 40 Jahren keinen Kontakt. Acht gemeinsame Schuljahre, danach aus den Augen verloren. Lebenswege, die sich nicht kreuzten. Dann die Mail mit einer Einladung:

„Liebe Petra , ... ich bin an der seltenen Krankheit ALS erkrankt, wurde zunächst auf eine falsche Diagnose behandelt. Ich habe aber immer gekämpft und mich nie aufgegeben, auch jetzt nicht. Mein Alltag besteht aus Physiotherapie, Logopädie und Ergotherapie. Ansonsten laufe ich nur noch mit dem Rollator und fahre mit meinem dreirädrigen Fahrrad in die Natur, die ich so liebe. Ich möchte den an ALS erkrankten Menschen Mut machen. Vielleicht hast Du ja Interesse an einem Wiedersehen mit mir und Lust auf einen Artikel. Ich würde mich sehr freuen.“

Ein glückliches, erfülltes Leben

So lange nicht gesehen und gleich wiedererkannt. Das markante Gesicht, das Lachen. Gudrun Greipel trippelt mir an ihrem Rollator im Garten entgegen. Die Treppen bis zur Haustür schafft sie allein, zieht sich Stufe für Stufe am Geländer hoch. Im Flur steht wieder ein Rollator. Sonne flutet durch die geräumigen Zimmer des DDR-Flachbaus am Stadtrand von Rostock. Ein Foto im Wohnzimmer fällt ins Auge. Ihr Sohn Andre, deutscher Meister im Radrennen, mit hochgerissenem Arm. Sein erster Etappensieg auf der Tour de France, ein Jubeltag und der Beginn einer bemerkenswerten Karriere. Das war am 12. Juli 2011. „Eine Woche später hatte ich einen fürchterlichen Treppensturz“, erzählt Gudrun. „Grün und blau im Gesicht. So lädiert bin ich nach Paris geflogen, um Andre zu gratulieren.“ Es ist der Beginn ihrer Krankengeschichte.

Wir sitzen in der Küche, auf dem Tisch Kaffee, Kekse, frische Erdbeeren mit Milch. Die alten Zeiten. Weißt du noch? Die Schulzeit in Kritzmow. Gudrun erzählt die folgenden Jahre im Schnelldurchlauf: 9. und 10. Klasse in Rostock, Lehre als Köchin im Hotel „Neptun“ in Warnemünde, eine Top-Adresse zu DDR-Zeiten. 1978 Hochzeit mit Bernd, Hausbau, die Geburt von Claudia und Andre. Die Arbeit im Rostocker Südstadtkrankenhaus als Köchin und ab 1992 dann als Personalratsvorsitzende. Wie Andre mit zehn Jahren zum Radsport kam, seine Anfänge beim PSV Rostock, wie sie und ihr Mann ihn unterstützt haben, wie sie bei jeder Tour mitfieberten. Claudias Aufenthalt in den USA, ihre Arbeit in der Schweiz, jetzt als Chefin eines Landgasthofs in Süddeutschland. Der Stolz auf die Kinder. Die Freude an den vier Enkeln. Die Urlaube in den Bergen, auf Madeira. Und wenn Gudrun das alles erzählt, klingt es nach einem sehr glücklichen, erfüllten Leben.

„Es ist, als ob dir einer ein Brett vor den Kopf knallt“

Und dann kam der Treppensturz. „Ich hatte eigentlich schon vorher gemerkt, dass irgendwas nicht stimmt. Mir war oft schwindlig. Ich bin auch sehr oft gefallen, hatte viele Krämpfe.“ Es folgten Untersuchungen, immer wieder, und immer wieder ohne Befund. Einweisung in die Nervenklinik mit Verdacht auf Parkinson. Später die Diagnose psychogene Gangstörung. Schwindelsprechstunde in Lübeck. Und stationäre Psychotherapie. „Du zweifelst dann ja schon an dir selbst. Aber ich wusste, ich bin nicht psychisch krank, es muss etwas anderes sein. Mein Gang wurde immer schwerer, ich traute mich nicht mehr, ohne Rollator zu laufen.“

Andre besorgt ihr einen Termin bei einem Hamburger Spezialisten, Anfang dieses Jahres dann die Diagnose: Amyotrophe Lateralsklerose, kurz ALS. Eine seltene Krankheit, bei der geschädigte Nervenzellen nach und nach die gesamte Motorik lahmlegen. Bei manchen Menschen zuerst in den Armen oder Beinen, andere können kaum noch sprechen, schlucken, atmen. Nur eines ist bei allen gleich: Die Krankheit schreitet unweigerlich fort, es gibt keine Heilung. Gudrun will es genau wissen. Die ganze Wahrheit. Wie lange bleibt mir noch? Drei bis fünf Jahre durchschnittlich, sagt der Arzt. „Das ist, als ob dir jemand ein Brett vor den Kopf knallt.“

Wir hatten doch noch so viel vor

Drei bis fünf Jahre. Wie kann man weiterleben nach solch einer Ansage? „Der erste Gedanke war: Wir hatten doch noch so viel vor. Ich sehe meine Enkel nicht mehr aufwachsen. Mein Mann muss noch viereinhalb Jahre arbeiten, dann lebe ich vielleicht gar nicht mehr.“ Gudrun greift zum Taschentuch. „Wir haben uns erst mal ausgeheult. Dann habe ich gesagt: Jetzt ist Schluss, wir müssen die Krankheit angehen, zusammen schaffen wir das.“

Natürlich muss die Prognose nicht stimmen, der Krankheitsverlauf ist sehr unterschiedlich. Der Physiker Stephen Hawking, prominentester ALS-Kranker, lebt seit Jahrzehnten mit der Krankheit. Eine Ausnahme, heißt es. Gudrun ist realistisch. „Meine Situation hat sich im letzten Jahr deutlich verschlechtert.“ Sie spricht langsam, abgehakt. Auch die Muskulatur in den Händen wird schwächer. Sie hat inzwischen gelernt, Abschiede zu akzeptieren. „Am schwersten fiel mir das Loslassen vom Beruf. 37 Jahre habe ich gearbeitet, immer Verantwortung übernommen. Jetzt, nach zwei Jahren, kann ich es endlich genießen, in Ruhe zu frühstücken, Zeitung zu lesen, Kleinigkeiten im Haushalt zu machen. Einige Kollegen kommen mich besuchen, das gibt mir Kraft.“

Von einem Abschied zum anderen

Ein anderer Abschied: „Ich habe immer gerne Hackenschuhe getragen. Das ist ja auch ein Stück Weiblichkeit.“ Sie hat sie in die Kleidersammlung gegeben. Nun steht der Abschied vom Autofahren bevor. „Mein Arzt hat es mir verboten.“ Der Radius wird kleiner. Sie erzählt von Freundinnen, die sie abholen zum Kino, zum Theater in Schwerin, zu Konzerten. „Das Wichtigste sind Freunde und natürlich die Familie, um das alles durchzustehen.“ Gerade war Tochter Claudia da mit ihren beiden Kindern. Gudrun hat es genossen. „Ich habe ihr Lieblingsessen gekocht.“ Andre hat seiner Mutter im März seinen Etappensieg bei der Tour Paris-Nizza gewidmet. „Nicht aufgeben Mama, ich liebe dich“, sagte er der Weltpresse.

Vor einem Jahr wurde ALS zum Hype mit der „Ice Bucket Challenge“. Menschen schütteten sich Kübel mit Eiswasser über den Kopf und nominierten andere, für ALS zu spenden. In den USA sollen so mehr als zehn Millionen Dollar zusammengekommen sein, auch in Deutschland spendeten viele. Gudrun sieht die Aktion skeptisch, freut sich aber, dass Geld gesammelt und die Krankheit bekannter wurde. Das ist auch ihr Anliegen: anderen Kranken Mut machen, sich nicht zu verstecken. „Es macht mich einfach wütend, dass so viel Geld für Rüstung ausgegeben wird, aber ALS ist immer noch nicht erforscht und es gibt kein Mittel dagegen.“

„Wir nutzen die Zeit, die uns bleibt. Ich möchte noch einiges sehen“

Für Gudrun Greipel ist klar: „Es wird ein Leidensweg.“ Gerade hat sie einen Rollstuhl und Treppenlift bestellt, Anträge ausgefüllt, die ganze Bürokratie mit den Kassen, das ist ja ein eigenes Thema. Nun stehen Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht an. „Ich möchte nicht künstlich am Leben erhalten werden. Am meisten Angst habe ich davor, zu ersticken.“ Doch ihr Arzt habe ihr versichert, sie müsse am Ende nicht leiden. Auch über die Beerdigung habe sie mit ihrem Mann gesprochen.

Gerade kommen sie vom Urlaub in der Lüneburger Heide zurück. „Wir nutzen die Zeit, die uns bleibt. Ich möchte noch einiges sehen.“ Nun genießt sie ihren großen Garten, die blühenden Rhododendren, den Duft des Flieders. „Ich freue mich über jede Blume und betätige mich, soweit es geht.“ Und jedes Stück Selbstständigkeit, das sie sich erhält, ist ein Etappensieg. Auch wenn es manchmal demütigend ist. „Wenn ich im Garten hinfalle, sage ich mir: Hier fällst du wenigstens weich.“ Typisch Gudrun. „Wenn ich meinen Humor verliere, ist alles zu spät.“

Gudrun steht im Garten an ihrem Rollator und winkt zum Abschied, lächelt. Drei bis fünf Jahre. Das Schicksal ist ein mieser Verräter, heißt ein Roman über schwerkranke Menschen. Man kann am Schicksal verzweifeln. Oder man kann ihm die Stirn bieten. Meine Verneigung, liebe Gudrun!

Petra Haase

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