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„Büchner“: Wut und viele Fragen

Stadthafen „Büchner“: Wut und viele Fragen

Das Schiff ist gesunken, die Politik verhält sich ruhig. Doch die Rostocker verlangen endlich Aufklärung.

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Da war sie noch am Stadthafen: die „Georg Büchner“ kurz vor dem Abschied — und ihrer Verschleppung mit Ziel Klaipeda. Viele Rostocker fordern Aufklärung.

Quelle: Hannes Ewert

Stadthafen. Der Liegeplatz ist leer. „Komisch, diese Weite jetzt“, sagt Maria Neumeister mit Blick über den Stadthafen. Als die „Georg Büchner“ abgeschleppt wurde, wollte sie nicht dabei sein. „Hätte ich gewusst, dass Leute hier standen und weinten, hätte ich‘s mir überlegt“, sagt die 30-Jährige. Es ist still geworden um die „Büchner“. Die Politik hält sich zurück, die großen Töne, zu besseren Zeiten der alten Dame angeschlagen, bleiben aus. Dabei sind eine Menge Fragen offen. Vielen Rostockern lassen sie keine Ruhe.

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Vermissen den alten Pott im Stadthafen: Sophia Mews (35, l.) und Maria Neumeister (30) auf dem verwaisten Versorgungssteg.

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Wie Sophia Mews (35) und Stefan Wegener (48). „Warum überprüfte der Denkmalschutz die Arbeit des Vereins am Denkmal und seine finanziellen Verhältnisse nie?“, ist eines der Rätsel. Ein anderes, warum der Verkauf an die Belgier nicht möglich war, an eine seychellische Briefkastenfirma aber schon. Sie verlangen „lückenlose Aufklärung“, die Rostocker seien belogen worden. „Wir lassen uns nicht für doof verkaufen.“

Wegener ist Kapitän der Gehlsdorfer Fähre, hatte die Büchner täglich vor Augen, seit sie in Rostock festmachte. So konnte er auch ihren Verfall minutiös verfolgen. „Bald wurde nicht mehr gemalert, die Fortbildungen und eine Kochschule verschwanden.“ Irgendwann habe sich die Frage aufgedrängt, warum da gar nichts mehr passiere. „Was ist das für ein Schiff da hinten?“ — die Frage werde er von Gästen auf der Hanse Sail nun nicht mehr hören, sagt Wegener bitter.

Er stand dabei, als die „Büchner“ am Horizont kleiner wurde. „Es nieselte“, erinnert sich Sophia Mews. „Schade, dass es nicht schon am Montag mit der Verschleppung geklappt hat“, findet sie. „Da war das Wetter besser. Wäre schön gewesen für die letzte Ehre.“ Die „Büchner“, sie habe ausgesehen „wie eine abgetakelte alte Dame“. Einen Stich ins Herz hat es ihr versetzt, als sie ein Video sah, auf der sich die „Büchner“ in Warnemünde an einem schicken, teuren Kreuzliner vorbeibewegte.

Gefühlt habe jeder dritte Seemann in Rostock auf dem Schiff gelernt, sagt Mews. Dass sich die Stadt im Dezember nicht das Vorkaufsrecht sicherte, will ihr nicht in den Kopf. „Nun müsste es im Interesse der Stadt liegen, wenigstens genau zu klären, was passiert ist.“ Stattdessen mit einer Ausnahme: Schweigen im politischen Wald.

Doch die Fragen der Leute werden lauter. „Vor allem, seit mit dem Untergang das Undenkbare passiert ist“, hat Mews bemerkt. Allzu viele hätten im Vorfeld gedacht, alles würde gut. „Niemand glaubte doch, dass so eine Institution einfach verschwinden kann.“ Und nun liefen die Blogs heiß. Leute aus Berlin, Hamburg, ganz Deutschland nähmen Anteil. Maria Neumeister hat Kontakt zu einer ehemaligen Rostockerin, die im Ausland wohnt: „Sie kann sich nicht vorstellen, dass das Schiff bei ihrem nächsten Urlaub in der Heimat nicht mehr im Hafen liegt“

Einen der Blogs betreibt Martin Kringel (43) unter der Netzadresse rostocksailing.de. Der Untergang der „Büchner“ vor Danzig — für ihn ist es das vorläufige Ende einer „Lokalposse, deren Protagonisten sich vor allem durch vereintes Stillschweigen und Wegducken auszeichnen. Die Menschen wollen einfach mal verstehen, was da abgeht“, formuliert es Kringel. Seit Monaten gebe es „Fragen, Ungereimtheiten und scheibchenweise dubiose Fakten“. Antworten? Die liefere niemand.

Das stinkt auch Sybille Bachmann (Rostocker Bund). Ihre Anfrage an die Bürgerschaft steht weiter im Raum, auf der Sitzung am 19. Juni wird sie erneut auf Klärung hoffen. Und der Kaufbetrag? Ist der schon irgendwo angekommen? „Bei uns noch nicht“, hieß es am Freitag aus dem Rathaus. Insolvenzverwalter Tobias Schulze war nicht zu erreichen. Das Geld soll auf einem Anderkonto lagern — bis die Umstände endlich geklärt sind.

OZ-Leser: Ideeller Verlust ist groß
Die „Georg Büchner“ bewegt: Viele Leserbriefe erreichten die Redaktion. Wenige vertraten die Meinung von Jörg Plath. Er fragt: „Warum so eine Aufregung um diese postkommunistische Reliquie? Ich bin froh, dass das Schiff nicht mehr das Stadtbild verschandelt.“ Der größere Teil der Schreiber bedauert den unwürdigen Abgang der alten Dame. Die Verschrottung, so der Tenor, sei sicher fällig gewesen. Bleibt die Frage nach dem Wie.

„Die Kosten für eine Sanierung wären immens gewesen, und das scheint mir aufgrund der Kassenlage nicht gerechtfertigt“, räumt etwa Albrecht Schneider ein. „Tradition hin oder her, dazu war es definitiv zu spät, dank des Vereins.“ Es sei nicht von der Hand zu weisen, dass der das Schiff habe „vollkommen verkommen“ lassen. Die seychellische Firma erregt seine Skepsis. Aber auch die Interessenten aus Belgien mit ihrem symbolischen Euro wären ihm nicht genehm gewesen. „Wenn es diesen Herrschaften wirklich um die Erhaltung gegangen wäre, dann hätten sie auch einen angemessenen Obolus gezahlt“, davon ist Schneider überzeugt.

Hubert Pietschmann findet: „Die Ursachenforschung für den Untergang ist nicht nur Sache der polnischen Behörden oder des Schiffsversicherers. Die Öffentlichkeit hat ein Recht zu erfahren, in welchem Umfang und mit welcher Sorgfalt das Schiff vor Auslaufen in die Katastrophe hier in Rostock geprüft wurde!“

Den Untergang des Schiffs hätte man verhindern können, sagt Wolfgang Rohde aus Stralsund. Er entwickelt mangels Antworten seine eigene Theorie. „Ich könnte mir gut vorstellen, dass die Versenkung von langer Hand geplant wurde und daher in Klaipeda gar nichts angemeldet war. Die Aussage, dass das Schiff nach Klaipeda geschleppt werden sollte, sollte wohl nur die deutschen Behörden und Rostock beruhigen und in Sicherheit wiegen.“

Dirk Berner aus Sanitz findet: „Die Hauptschuldigen dieses Skandals sitzen im Rathaus. Sie haben für Geld ein Wahrzeichen der Stadt verscherbelt. Jetzt liegt es auf dem Boden der Ostsee.

Der ideelle Verlust für die Hansestadt ist nicht wieder gutzumachen.“ „Die Wahrheit kommt hoffentlich ans Licht“, sagt Rolf-Marcus Rolfes.

 

Kerstin Beckmann

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