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Das kurze Leben der Gitel Wunderlich

Östliche Altstadt Das kurze Leben der Gitel Wunderlich

Die Jüdin wurde 1943 aus Rostock nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ein neuer Gedenkstein erinnert an sie.

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Rostocker Bürger legten Rosen auf den neuen Gedenkstein, auch Juri Rosov, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde.

Quelle: Fotos: Ove Arscholl

Östliche Altstadt. Sie lebten einen Sommer und einen Winter in der Stadt. Dann kam der Deportationsbefehl. Am 10. Juli 1942 stiegen Gitel Wunderlich, geborene Salomonczyk, und ihr Mann Heinz Wunderlich um 7 Uhr früh am Rostocker Hauptbahnhof in den Zug. Am Tag nach ihrer Ankunft in Auschwitz wurden beide in der Gaskammer ermordet. Fünf Tage später wäre Gitel Wunderlich 32 Jahre alt geworden.

OZ-Bild

Die Jüdin wurde 1943 aus Rostock nach Auschwitz deportiert und ermordet. Ein neuer Gedenkstein erinnert an sie.

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Eine Gruppe aus rund 20 Personen erinnerte gestern vor einem Mehrfamilienhaus in der Wendenstraße 2, ihrer letzten und einzigen Rostocker Adresse, an das kurze Leben der jüdischen Schneiderin. Im Gehweg neben der Haustür gibt es jetzt einen „Denkstein“ für Gretel Wunderlich. Es ist der mittlerweile 51. für eine Rostocker Bürgerin oder Bürger, die im Holocaust ihr Leben verloren haben.

135 Euro kostete der Messing-Stein, das Geld stammt wie üblich aus einer Spende. Schüler der Conventer Schule in Rethwisch (Landkreis Rostock) haben dafür den gemeindeeigenen Spielplatz verschönert, die Gemeinde gab das Geld. „Das Thema hat mich sehr interessiert, sagt Schülerin Jennifer Sonnus. Anstoß war ein Anne-Frank-Projekt, das es seit zwei Jahren Regionalschule an der Regionalschule gibt.

Das sich etwas etwas Ähnliches wie der Holocaust noch einmal ereignet, glaubt die 16-Jährige nicht. „Die Gesellschaft hat aus der Geschichte gelernt“, sagt sie.

Organisiert wurde die Denksteinverlegung vom Förderverein des Max-Samuel-Hauses. Steffi Katschke, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Einrichtung, trug die knappen Details zusammen, die über das Leben des Ehepaars Wunderlich bekannt sind. Immerhin gibt es ein Foto von Gitel Wunderlich. „Das wurde für die sogenannte Judenkennkarte aufgenommen“, berichtet die Historikerin. Der Antrag für diesr Art Ausweis findet sich heute, mit dem Foto, im Rostocker Stadtarchiv. Dort sind auch die originalen Deportationslisten erhalten geblieben. Es gab drei Rostocker Transporte in die Konzentrationslager Ausschwitz und Theresienstadt: Im Juli und November 1942 sowie im Juni 1943. 1933 lebten rund 350 Menschen jüdischen Glaubens in Rostock. Wie viele davon das Schicksal der Wunderlichs teilten, ist unbekannt. Nicht immer ist das weitere Schicksal der Deportierten geklärt.

Manche Rostocker „wurden zu Juden gemacht“, sagt Steffi Katschke. Beispielsweise die bekannte Pädagogin und Frauenrechtlerin Marie Bloch, die christlich getauft war. Nach den Rassegesetzen galt sie wegen ihrer Wurzeln ans Jüdin und starb 72-jährig im KZ Theresienstadt. Wie die gebürtige Berlinerin Bloch waren auch die Wunderlichs Wahlrostocker. Nach ihrer Heirat im April 1941 in Bernburg an der Saale zog das Paar nach Rostock, in die Wendestraße 2. Heinz Wunderlich stammte aus Röbel, wo seine Eltern ein Porzellangeschäft besaßen, dass er nach deren Tod verkaufte. Warum gingen sie nach Rostock? „Viele Juden zog es nach 1933 in größere Städte“, sagt Historikerin Katsch. Dort gab es, anders als in der Kleinstadt oder im Dorf, noch jüdisches Leben, außerdem schützte die Anoymität der großen Stadt ein wenig vor den alltäglichen Übergriffen.

Der 52. Rostocker „Denkstein“ wird im November verlegt, an gleicher Stelle, für Heinz Wunderlich. Statt der grau-grünen Platte aus Dolomitstein wird jetzt Messing verwendet. Das ist haltbarer und günstiger. Die frühere Bezeichnung „Stolpersteine“ verwenden die Initiatoren nicht mehr, nach einer juristischem Auseinandersetzung mit dem Künstler Gunter Demnig, dem Erfinder dieser Gedenkform.

Zahl der Rostocker Opfer unklar

350 Juden lebten 1933 in Rostock. Wie viele davon im Holocaust umkamen, ist unklar. Vielen gelang es noch auszuwandern.

Die Schneiderin Gitel Wunderlich (Foto) kam 1941 nach ihrer Heirat nach Rostock. Geboren wurde sie 1911 im heute polnischen Lodz. Das Ehepaar wohnte in der Hansestadt in der Wendenstraße 2, das damals als „Judenhaus“ galt. Hier lebten auch Hannah und Martin Levy, an die bereits Gedenksteine erinnern.

Gerald Kleine Wördemann

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