Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 15 ° wolkig

Navigation:
„Dem Vergessen entrissen“: Tagebücher für die Ewigkeit

Stadtmitte „Dem Vergessen entrissen“: Tagebücher für die Ewigkeit

Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen hält persönliche Erinnerungen fest / Auch Rostocker hinterlassen dort ihre Gedanken und Gefühle

Voriger Artikel
Von der Leyen: „Ich wünsche mir Präsident Obama zurück“
Nächster Artikel
Die schönsten Eindrücke seit der Eröffnung

Tagebücher, die ihren Weg nach Emmendingen in das Deutsche Tagebucharchiv finden, warten auf ihre Bearbeitung.

Quelle: Fotos: Helena Kramer

Stadtmitte. Nirgendwo sonst liegen menschliche Schicksale so dicht nebeneinander wie im Deutschen Tagebucharchiv (DTA) in Emmendingen, das sich rund 16 Kilometer nördlich von Freiburg im Breisgau befindet. Hier werden die Erinnerungen und Erlebnisse aus vergangenen Leben der Nachwelt zugänglich gemacht. Um nicht zu vergessen, wie unsere Vorfahren gelebt, geliebt und gelitten haben, gibt es Menschen wie Marlene Kayen und Rostockerin Christel Kindermann die diese Erinnerungen für die Ewigkeit konservieren.

OZ-Bild

Das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen hält persönliche Erinnerungen fest / Auch Rostocker hinterlassen dort ihre Gedanken und Gefühle

Zur Bildergalerie

Eindrücke der Nachkriegszeit

„Welten tun sich auf, von Dingen, die man vorher nicht wusste“, erzählt Kayen. Dabei nimmt sie besonders stark Bezug auf die beiden Weltkriege, die viele Tagebuch schreibende Leben geprägt hat. So auch das von Maria-Jutta L., die kurz nach Kriegsende 1947 ihr Studium in Kiel beginnt und zwischen der Liebe zu dem im Krieg verschollenen Bertl und ihrem neuen Freund Werner hin und her gerissen ist. Trotz Ungewissheit, ob ihr geliebter Bertl noch am Leben oder im Krieg gefallen ist, schreibt sie ihm sehnsuchtsvoll mehrere Briefe. „Drei Jahre lang kein Wort, keine Zeile. Und ich warte so auf Dich. Ob Du auch in Rußland bist, wie so viele noch?“, schreibt sie. Die Frage, ob sie es jemals erfahren wird, wird unbeantwortet bleiben. Die Briefe und Tagebücher wurden nach ihrem Tod dem Deutschen Tagebucharchiv übergeben.

Alte Texte lesbar machen

„Wenn Menschen dahinter lebendig wurden, hat mich das immer schon sehr interessiert“, sagt Marlene Kayen, und blättert behutsam durch ein besonders altes und schönes Tagebuch aus dem Jahr 1867.

Das Schriftstück befindet sich noch mitten im Erfassungsprozess. Denn was für damalige Verhältnisse einfach zu lesen war, ist für das an die lateinische Schrift gewöhnte Auge eine Herausforderung. Um diese alten Schätze wieder ans Tageslicht zu holen, werden sie in sorgfältiger Prozedur gelesen, inhaltlich erschlossen und in die Datenbank aufgenommen. Bis ein Tagebuch an seinem Ziel ankommt, kann nicht nur viel Zeit vergehen, sondern auch eine langer Weg zurückgelegt werden.

Bücher reisen nach Rostock

Hin und wieder finden die alten Schriftstücke ihren Weg in die Hansestadt Rostock. Hier lebt die 82-jährige Rentnerin Christel Kindermann, die sich mit Vorliebe der Transkription besonders schwer zu lesender Tagebücher widmet. Vor rund 10 Jahren wurde die Rostockerin durch eine Dokumentation im Radio auf das Deutsche Tagebucharchiv in Baden-Württemberg aufmerksam. Als sie erfuhr, dass das DTA auf der Suche nach Mitarbeitern war, die der Sütterlinschrift mächtig sind, bot Kindermann ihre Unterstützung an. Seitdem hat die ehemalige Patentingenieurin rund sechs Tagebücher in lateinische Schrift umgeschrieben. Da es sich dabei häufig um Tagebücher aus dem beginnenden 19. Jahrhundert handelt, werden vorsichtshalber Kopien der Originale verschickt. Für Kindermann ist es eine Möglichkeit, sich mit ihrer eigenen Vergangenheit zu befassen und sich konstant in Geschichte fortzubilden. Momentan liest und transkribiert sie ein Tagebuch von Carl von Meding aus dem Jahr 1821.

Dieser beschreibt die landschaftlichen Sehenswürdigkeiten auf seiner Reise durch den Harz. Immer wieder muss Christel Kindermann ihre Arbeit unterbrechen, um schwer zu entziffernde Worte nachzuschlagen. Parallel dazu verfolgt sie mit Google Maps die Reiseroute oder sucht so nach unleserlichen Ortsnamen.

Am liebsten arbeitet die 82-Jährige abends an ihrem Computer und auch das ohne Eile: „Niemand setzt mir Fristen. Ich habe so viel Zeit, wie ich mir nehme“. Hat Christel Kindermann das Dokument fertig bearbeitet, wird die Übertragung zurück nach Emmendingen geschickt. Nach langer Reise kommen die zahlreichen Dokumente in säurefreien Archivboxen an ihrem Ziel an.

Tagebücher werden lebendig

Vergessen sind diese zahlreichen Menschen in den vielen Kartons im Archiv aber nicht, wie die Vorstandsvorsitzende Kayen sagt: „Man taucht so eng in ein Leben ein. Spannend und berührend zugleich“. Beim Transkribieren und Lesen der Texte versucht sie sich ein Bild der Person zu machen, deren Erinnerungen Kayen gerade in den Händen hält: „Wenn man mit einem Tagebuch fertig ist, ist es so, als wenn man sich von einem Freund verabschiedet.“

Umso mehr bedauert die kulturbegeisterte, pensionierte Französisch- und Englischlehrerin, dass sie durch ihre mannigfaltigen Aufgaben im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und des Managements kaum noch zum Lesen kommt. 2016 übernahm Kayen den Vorsitz des eingetragenen Fördervereins und löste damit die Gründerin Frauke von Troschke ab. Diese rief das DTA nach italienischem Vorbild 1998 ins Leben und sorgte durch ihre unermüdliche Begeisterung für dessen stete Vergrößerung.

Tagebücher für Forscher

Welchen kulturellen Wert das DTA hat, spiegelt sich auch in den vielen Forschungsanfragen wider. Regelmäßig suchen Wissenschaftler, Journalisten, Studenten, Schriftsteller und Historiker die Räumlichkeiten in Emmendingen auf. Die Dokumente zu erschließen, aufzubewahren und der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, ist das Ziel jeden Mitarbeiters. Und dies soll auch in den nächsten Jahren noch möglich bleiben. Doch gerade die Zukunft ist es, was Kayen schlaflose Nächte bereitet. Da es noch keine Dauerförderung gibt, stellt die Erwirtschaftung des Budgets immer wieder aufs Neue eine Herausforderung dar.

Die Flut an Paketen, die das Archiv erreichen, zeigt deutlich, dass Tagebücher nicht mehr aktiv akquiriert werden müssen, sondern von allein ihren Weg ins Archiv finden. „Über Tagebücher aus dem Osten würden wir uns dabei besonders freuen, da aus diesem Teil Deutschlands kaum Erinnerungen ihren Weg hierher finden“, sagt die Vorstandsvorsitzende augenzwinkernd.

Ehrenamtler retten private Erinnerungen

17668 alte und private Dokumente beherbergt das Deutsche Tagebucharchiv. Tagebücher bilden dabei den größten Anteil, jedoch befinden sich auch zahlreiche Briefe und anderen schriftliche Erinnerungen in den Archiven.

Der auf Spenden und Mitgliedsbeiträge angewiesene eingetragene Verein lebt von seiner ehrenamtlichen Arbeit.

90 Mitarbeiter sind in das Lesen und Erfassen der eingesendeten Dokumente involviert. 33 davon arbeiten direkt vor Ort. Zwei Festangestellte sind dabei die Anlaufstelle und zugleich Koordinatoren der vielen Freiwilligen. Seit der Eröffnung des Museums 2014 ist es auch für die Öffentlichkeit möglich, in wechselnden Ausstellungen genauere Einblicke in die Leben anderer zu gewinnen. Jährlich finden Lesungsreihe mit verschiedenen Themen statt.

Tagebuchmuseum: Marktplatz 1, 79312

Emmendingen; www.

tagebucharchiv.de

Helena Kramer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Was geschah am...
Tag für Tag finden Sie an dieser Stelle einen Rückblick auf Ereignisse, Anekdoten, Geburts- oder Sterbetage, die mit diesem Datum verbunden sind.

Das aktuelle Kalenderblatt für den 8. August 2017

mehr
Mehr aus Rostock
Verlagshaus Rostock

Richard-Wagner-Straße 1a
18055 Rostock

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
9.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Andreas Meyer
Telefon: 03 81 / 36 54 10
E-Mail: rostock@ostsee-zeitung.de

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

OZ-Bild
„Familientreff“ der Baseballer: Bucaneros werden Zweiter

Rostocker veranstalten mit Jolly Roger Cup größtes Turnier in MV