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Der doppelte Kampf der Familie Greipel

Kritzmow Der doppelte Kampf der Familie Greipel

Radprofi André legt sich bei der Tour de France ins Zeug und Mutter Gudrun ringt um Etappensiege gegen ALS

Kritzmow. Stundenlang sitzt Gudrun Greipel derzeit vor dem Bildschirm. Pflichtprogramm: Fußball-EM und Tour de France. „Ich bin Sportfan“, sagt die 56-Jährige, und natürlich muss die Mutter ihren Sohn André auf den Tour-Etappen in Frankreich begleiten. Aus der Ferne. „Ich bin bei dir, das weißt du“, schreibt sie ihm per WhatsApp aus seinem Heimatdorf Kritzmow.

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Radprofi André legt sich bei der Tour de France ins Zeug und Mutter Gudrun ringt um Etappensiege gegen ALS

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Der Radprofi legt sich ins Zeug, fährt in der Spitze mit, das Gelbe Trikot im Visier. „Er gibt seine ganze Kraft für mich“, weiß Mutter Greipel, die seit eineinhalb Jahren ihren eigenen schweren Kampf führt – gegen eine unheilbare Krankheit: ALS, Amyotrophe Lateralsklerose. „Mein André leidet sehr darunter“, erzählt die kleine, quirlige Frau. Als sie ihm am 26. Juni zum nunmehr dritten Sieg bei der Deutschen Meisterschaft gratuliert, habe er abgewinkt: „Der Sieg ist relativ, ich würde es lieber sehen, dass du gesund wirst.“ Doch das wird sie nicht mehr.

Gudrun Greipel sitzt in ihrem Wohnhaus. Rennen und Fernsehinterviews des Rostocker Radprofis nimmt sie auf. Zeitungsartikel, Zeitschriften liegen auf dem Tisch. In der Küche hängt ein Kalender mit Fotos von der Tour 2015, auf der André Greipel mit vier Siegen der überragende Sprinter war. „Meine Schwiegertochter macht uns jedes Jahr einen Kalender“, erzählt Gudrun Greipel, die selbst im Juli 2011 mit Andrés Jugendtrainer Peter Sager nach Paris gefahren ist, um ihrem Sohn zum ersten Etappensieg bei der Tour zu beglückwünschen.

„Wie ich aussah damals, grün und blau im Gesicht, wie Quasimodo“, erzählt sie. Die Folgen eines Treppensturzes, der ihr Leben verändern sollte. Immer wieder sei sie umgefallen, gestürzt, habe das Gleichgewicht verloren. „Psychogene Gangstörung haben die Ärzte gesagt und mich eineinhalb Jahre daraufhin behandelt.“ Doch es wurde nicht besser, und schließlich sei es André gewesen, der sie über seinen Teamarzt zu einem Spezialisten nach Hamburg vermittelte.

Am 6. Januar 2015 dann die niederschmetternde Diagnose: ALS. „Der Arzt hat mir das Wort auf eine Visitenkarte geschrieben. Ich wusste nicht, was das ist“, erzählt die gelernte Köchin, die 37 Jahre lang im Südstadtklinikum gearbeitet hat, seit 1992 als Personalratsvorsitzende. Die bittere Wahrheit: ALS ist eine seltene Krankheit, eine fortschreitende Schädigung der Nervenzellen, die für die Muskelbewegungen verantwortlich sind. „Die gesamte Motorik, die Muskeln werden kaputt gemacht“, beschreibt es Gudrun Greipel. Unheilbar. Wie lange noch? Drei bis fünf Jahre, sagt der Arzt.

Eine Welt bricht zusammen für Gudrun und Bernd Greipel. „Wir haben viel geweint, unsere Kinder und Freunde informiert.“ Die Lebenszeitprognose des Arztes belastet alle, „wir haben Panik bekommen im Kopf“, erinnert sich die Kritzmowerin. Doch dann tritt die selbstbewusste Frau wieder in die Pedalen – 50 Jahre lang sei sie Rad gefahren, zur Schule, zur Lehre, zur Arbeit. Nicht zurück, sondern nach vorn schauen.

„Nach dem Schock kam auch Erleichterung“, sagt Gudrun Greipel. „Endlich war klar, was es ist.“ Sie beginnt, alles über die Krankheit zu lesen, schließt sich der Selbsthilfegruppe in Rostock an. „Je mehr Kenntnisse ich habe, desto beruhigter bin ich“, sagt sie. Und: „Ich will vorbereitet sein auf alles.“ Angst vor dem Tod habe sie nicht. Aber sie möchte keine Beatmung, keine künstliche Ernährung. Und sie will nach dem Tod ihr Hirn für die Forschung spenden. „Ich habe große Hoffnung, dass die Medizin ALS-Kranken einmal helfen kann, auch wenn es für mich zu spät ist.“

Vom Rad ist Gudrun Greipel inzwischen auf den Rollstuhl umgestiegen. Rollator, Treppenlifte in Keller und Garten, Badewannenlift, einmal täglich kommt der Pflegedienst. „Es ist falsche Eitelkeit, all die Hilfsmittel nicht in Anspruch zu nehmen“, sagt sie. Rechtsseitig spürt sie erste Ausfallerscheinungen, Arm und Bein machen nicht mehr richtig mit. „Die Kraft hat sehr nachgelassen, auch in der Stimme.“ Doch die Lebensgeister sind hellwach.

Konzerte, Reisen, Gartenpartys. „Wir müssen jetzt genießen“, sagt sie zu ihrem Mann, der seit 26 Jahren als Kraftfahrer in einer Firma im Nachbardorf arbeitet und ihr mit viel Geduld und Liebe zur Seite steht. „Er wäscht und kocht mit mir zusammen, bastelt mir Hilfsmittel. Er ist eine Perle“, schwärmt Gudrun Greipel. Beide haben beschlossen, in ihrem 1982 selbst errichteten Eigenheim in Kritzmow zu bleiben. Hier leben die Freunde, ehemalige Kollegen, gute Nachbarn.

Die Kinder wohnen weit weg. Tochter Claudia (37) hat zwei Töchter und betreibt mit ihrem Mann einen Landgasthof in Baden-Württemberg. André lebt mit Ehefrau Tina und den Töchtern Anna-Sophie und Luna-Malou in der Nähe von Köln. „Wir telefonieren regelmäßig, tauschen Fotos, kleine Videos aus, halten uns so auf dem Laufenden“, erzählt Gudrun Greipel. Sie würde die Enkel gern noch ein bisschen aufwachsen sehen, sagt sie und lässt die Tränen laufen. Nach der Tour kommt André mit Familie an die Ostsee. „Dann feiern wir ein großes Fest“, hat Mutter Greipel schon wieder Pläne. „Er sieht ziemlich ausgemergelt aus, mein André“, findet Gudrun Greipel, „aber er fühlt sich fit“. Natürlich wünsche sie ihm, dass er einige Etappen gewinnen kann, doch wichtiger ist: „Gesund ins Ziel kommen.“

Amyotrophe Lateralsklerose – ALS

Amyotrophe Lateralsklerose , kurz ALS, ist eine fortschreitende neurologische Erkrankung des motorischen Nervensystems. Bei Patienten kommt es in Gehirn und Rückenmark zum Verfall der Nervenbahnen, über die die Muskulatur gesteuert wird. Die Reize, die zum Beispiel dafür zuständig sind, den Fuß zu bewegen, kommen nicht mehr an, weil sich die Schnittstelle zwischen Nerv und Muskel langsam auflöst. Im Verlauf der Krankheit wird der Körper zunehmend bewegungsunfähig. Auch die Atem- und Sprechmuskulatur sind von der nicht aufzuhaltenden Muskellähmung am ganzen Körper betroffen.

350 000 Menschen sind weltweit an ALS erkrankt. In Mecklenburg-Vorpommern sind es etwa 150 Patienten, plus Dunkelziffer, weil die Erkrankung oft nicht gleich erkannt wird. In Rostock gibt es eine Kontaktgruppe für Betroffene, Ansprechpartnerin ist hier Heide Walter (☎ 0381/21087484).

Doris Kesselring

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