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Die Angst vor dem Verschwinden

Rostock Die Angst vor dem Verschwinden

Das Literaturhaus Rostock zeigt mit der Ausstellung „Mythos Eternauta“ eine beklemmende Familiengeschichte in der Militärdiktatur Argentiniens

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„El Eternauta“, der ewig Reisende, 1957, von Héctor Germnán Oesterheld gezeichnet. Fotos, Grafiken: Irina Werning/ Avant Verlag

Rostock. Das, was dieser Comic bereits im Jahr 1957 vorweggenommen hat für sein Heimatland und seine Familie, ist an beklemmender Traurigkeit kaum zu übertreffen.

OZ-Bild

Das Literaturhaus Rostock zeigt mit der Ausstellung „Mythos Eternauta“ eine beklemmende Familiengeschichte in der Militärdiktatur Argentiniens

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Héctor Germán Oesterheld (1919 bis vermutlich 1978) schrieb und zeichnete 1957 den Comic „Eternauta“. Darin zeichnet er die düstere Vision einer außerirdischen, überirdischen, abstrakten Macht, die seine Heimatstadt Buenos Aires heimsucht, Menschen unterjocht, ermordet, verschleppt. Die Unterdrücker bleiben kaum greifbar, selbst die Folterschergen mit ihren riesigen Multifunktionshänden sind nur Werkzeuge einer fremden, unsichtbaren Macht.

Exakt das passiert in Argentinien 20 Jahre später. 1976 übernimmt die Militärjunta unter General Videla die Macht und verschleppt, foltert, ermordet bis 1982 mehr als 30000 Menschen: Männer, Frauen, Kinder! Diese Militärdiktatur ist das Paradebeispiel einer unsichtbaren Macht, die ihre Bürger mit den Schrecken der Folter und der Verschleppung peinigt. Bis heute treffen sich jeden Donnerstag die Großmütter – Las Abuelas – im Zentrum von Buenos Aires und zeigen Porträtfotos mit den vermissten Angehörigen hoch – ihre Söhne, ihre Töchter, ihre Männer.

Den Abuelas wurden die Kinder, Waisen jener Menschen übergeben, die die Junta verschleppen ließ. Tausende wurden damals in Hubschrauber verfrachtet und über dem Meer oder dem Rio de la Plata abgeworfen. Gefunden wurde niemand. Überlebt haben wenige, die alle dieselben grausigen Geschichten erzählen.

Auch Héctor Germán Oesterheld und seine vier Töchter Estela, Diana, Beatriz und Marina wurden 1976 verschleppt. Warum? Damals genügte es, in Argentinien Soziologie zu studieren, Künstler oder Journalist zu sein, um in den Folter-Villen zu landen. Elsa Sánchez Oesterheld, die 2015 im Alter von 90 Jahren gestorben ist, wusste aus Briefen nur von zweien ihrer Töchter, dass sie ermordet wurden. Wiedergesehen hat sie weder Héctor, ihren Mann, noch Estela, Diana, Beatriz oder Marina, ihre Mädchen.

Diese unermessliche Angst, diese maßlose Grausamkeit, die mit diesen Vorgängen in Diktaturen einhergehen, hat Oesterheld 19 Jahre vor dem Beginn der Junta in seiner Heimat visionär vorweggenommen. In „Eternauta“ („Der ewig Reisende“) kämpft der Held in einem Sci-Fi-Szenario gegen eine feindliche Übermacht, die alienartig seine Heimatstadt überzieht. Juan Salvo, der Eternauta, ist auf der endlosen Suche nach seiner Liebsten. Der Comic trägt in Südamerika Kultstatus. Man kann ihn als spannende Geschichte lesen oder als Spiegel zu dem, was in Argentinien und in anderen Diktaturen passiert ist und immer wieder geschieht.

Der tragischen Familiengeschichte der Oesterhelds ging die Hamburger Journalistin Anna Kemper nach. Kemper hatte angefangen, über verschwundene Deutsche in Südamerika zu recherchieren und war auf die junge Deutsche Elisabeth K. gestoßen, einer unauffälligen Studentin. Auch sie blieb für immer verschollen.

Dabei stieß Anna Kemper auch auf die Familiengeschichte der Oesterhelds. Im Frühjahr dieses Jahres erschien, angestoßen durch diese Dokumentation, „El Eternauta“ im Berliner Avant-Verlag erstmals auf Deutsch. Das Literaturhaus Stuttgart organisierte zum Erscheinen eine Ausstellung mit Anna Kemper als Kuratorin. Bis zum 9. Oktober zeigt das Rostocker Literaturhaus den Comic, der Nationalliteratur wurde, auf drei Etagen in Zusammenarbeit mit dem Peter-Weiss-Haus und dem Verein „Soziale Bildung“ – gespiegelt in den Geschehnissen in Argentinien von 1976 bis 1982. Später wandert die Schau nach Salzburg und München.

Zu Bildern des Schwarz-Weiß-Comics ist zum Beispiel die Aussage eines Generals jener Zeit zu lesen: „Erst töten wir die Subversiven, dann ihre Kollaborateure, dann ihre Sympathisanten, danach die Gleichgültigen und am Schluss die Ängstlichen.“

Aussagen eines Schergen, die auch nicht ängstlichen Menschen Angst machen. Aussagen, die sehr viel über diese Diktaturen aussagen. Regime, die vom Populismus ausgehen, wie Stefan Nadolny vom Peter-Weiss- Haus sagt: „Wir haben den Fokus auf den Populismus gelegt, da die Militärdiktatur in Argentinien wie auch viele andere genau dort begonnen haben: im Populismus.“ Ulrika Rinke vom Literaturhaus ergänzt: „Das Grundelement des Populismus ist es, mit den Ängsten der Menschen, ihren Urängsten Politik zu machen.“ Anfangs werden Ängste genutzt, um an die Macht zu gelangen und sie auszubauen. Später werden sie gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt: Die Ängste vor Folter, Verschleppung, Ermordung der eigenen Familie.

Auch das geschieht ganz aktuell derzeit am Rande Europas.

Veranstaltungen zur Ausstellung im Literaturhaus Rostock

1. 9. Vortrag:

Argentinien aktuell

8. 9. Vortrag: Was ist ei-

gentlich Populismus 15. 9. Argentinien –

Ein politischer

Reisebericht 22. 9. Das Mädchen – Was geschah mit

Elisabeth K.?,

Filmvorführung

jeweils ab 19 Uhr 9. 10. mawil, „Kinderland“, Graphic-Novel-

Lesung ab 18 Uhr

Michael Meyer

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