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Diesem Team vertrauen Rostocks Junkies

Stadtmitte Diesem Team vertrauen Rostocks Junkies

Seit 20 Jahren kümmern sich die Streetworker der Caritas um Süchtige

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Setzen sich für Süchtige ein: Mirko „Otto“ Steingrüber, Frank Kapler, Nancy Olson, Tomasz Ochnik, Christian Nimz und Jan-Tjark Schimanski (v.l.).

Quelle: Foto: Ove Arscholl

Stadtmitte. Sarahs* Absturz ist heftig. Den ersten Stoff bekommt die Rostockerin von ihren Brüdern. Schnell ist sie süchtig: Alkohol, Amphetamine, Heroin – was der Drogenmarkt hergibt, Sarah nimmt es. Exzessiv. Sie verschuldet sich, wird obdachlos, infiziert sich mit Hepatitis C. Versuche, den Absprung zu schaffen, scheitern. Bis ihr Kumpels aus der Szene vom Drogen-Kontaktladen der Caritas erzählen. Sarah überwindet sich, geht hin. Reden will die 21-Jährige nicht, zu oft hörten ihr jene, von denen sie Verständnis erwartet hatte, nur halbherzig zu. Aber ein warmes Mittagessen, mal duschen und die Klamotten waschen, das schon. „Sie war voller Energie. Aber geöffnet hat sie sich uns nur ganz langsam“, erinnert sich Frank Kapler. Der Streetworker leitet den Kontaktladen und weiß: Wer Süchtigen helfen möchte, muss sich gedulden können und eine hohe Frustrationsgrenze haben. „Die meisten brauchen Zeit, bis sie uns vertrauen. Das ist anstrengende Beziehungsarbeit.“ Eine, die aktuell vier Caritas-Streetworker leisten.

Mirko „Otto“ Steingrüber ist vor 20 Jahren als erster Sozialarbeiter auf Rostocks Straßen im Einsatz gewesen. Heute ist er Drogenberater und -therapeut der Caritas-Suchtkrankenhilfe, zu der auch der Kontaktladen gehört. Im Umgang mit Abhängigen sei Toleranz das Wichtigste. „Es kann sein, dass jemand sagt: Ich nehm’ Drogen, bin obdachlos und glücklich damit. Das müssen wir akzeptieren, auch wenn es nicht unserem Lebensentwurf entspricht.“ Der Kontaktladen sei ein „Schutzraum“ , betont Frank Kapler. „Hier können die Leute ihre Spritzen tauschen, was essen, ihrem Stress entfliehen und entspannt reden, ohne sich ständig beweisen zu müssen.“

Ein solcher Treffpunkt sei für die Jugendlichen wichtig, denn in der City fühlten sie sich zunehmend als Störfaktor, sagt Streetworkerin Nancy Olson. Uni- und Jakobiplatz oder die Wallanlagen – beliebte Junkie-Adressen – würden zunehmend von der Polizei kontrolliert. „Die Leute fühlen sich kriminalisiert und verdrängt.“ Im Kontaktladen sind sie hingegen willkommen. Die Türen stehen allen offen. Jedenfalls denen, die sich an die Regeln halten. Die sind so einfach wie konsequent. „Die Leute können hackedicht ankommen, aber hier drinnen dürfen sie nichts konsumieren“, sagt Steingrüber.

Die meisten hielten sich daran und „zerlegen uns nicht die Bude, denn der Kontaktladen ist ihnen viel wert.“ Wer aber dealt oder kriminell wird, der müsse draußen bleiben – vorübergehend.

Gänzlich außen vor war 2015 die Generation Ü27. Weil das Sozialgesetzbuch die Betreuung älterer Drogensüchtiger als freiwillige Aufgabe der Kommune definiert, stellte die geldknappe Hansestadt ihre Förderung ein. Die Betroffenen nahmen das nicht hin. Sie sprachen bei Politikern und dem Sozialsenator vor. Auch das Kontaktladen-Team machte mobil. Mit Erfolg. Es darf seit vergangenem Jahr wieder Leute jeden Alters empfangen. Die Arbeit werde nun zu gleichen Teilen aus dem Jugendhilfe- und dem Sozialetat der Stadt gefördert, erklärt Jan-Tjark Schimanski, Leiter der Caritas-Suchtkrankenhilfe.

Für viele Süchtige seien er und seine Kollegen ein Familienersatz, sagt Streetworker Tomasz Ochnik. „Sie vertrauen uns Dinge an, für die sie sich bei Verwandten schämen würden.“ Zuhören, Dasein – das ist auf der Straße genauso entscheidend wie im Kontaktladen. Wer hierher kommt, muss keine Belehrungen von Moralaposteln befürchten. „Wir machen Lobbyarbeit für ein selbstbestimmtes Leben“, sagt Schimanski. An Suchtberater vermittelt oder bei der Wohnungssuche unterstützt wird nur derjenige, der das von sich aus einfordert. Mit der „Du musst“-Strategie erreiche man nichts, ergänzt Frank Kapler.

Die Klientel ist vielfältig: Schulschwänzer, Arbeitslose, Rentner, Dauerkonsumierer und Wochenendjunkies, die nehmen, was sie kriegen können. „Den klassischen Süchtigen gibt es nicht“, sagt Kapler.

Dafür aber reichlich Vorurteile. „Viele meinen: ,Die Bunten mit den Hunden sind schlecht und klauen.’“ Dabei genügten vielen Süchtigen 20 Euro, „um am Wochenende loszuziehen“, fügt Schimanski hinzu. „Dafür müssen sie keine Handtasche klauen.“

Geld spielt auch für Rostocks Streetworker eine entscheidende Rolle. Erfolgreich könne Sozialarbeit in der Drogenszene nur sein, wenn sie kontinuierlich stattfinde und Betroffene verlässliche Ansprechpartner hätten, sagt Kapler. „Dafür fehlt ein stadtweites Finanzierungskonzept.“ Deshalb kommen er und seine Mitstreiter an eine große Zielgruppe nach wie vor nicht heran: Jugendliche, die harte Drogen auf Partys konsumieren. „Um sie zu erreichen, müssten wir in die Clubs gehen. Das können wir personell nicht leisten“, sagt Schimanski.

Rückschläge gehören zum Alltag der Streetworker. Sie können nicht jedem helfen. Vier Drogentote hat es im vergangenen Jahr laut Polizeistatistik in Rostock gegeben. Sarah zählt nicht dazu. Sie hat sich für ein Leben ohne Drogen entschieden. Mithilfe des Kontaktladen-Teams machte sie einen Entzug und eine Therapie. Sie ist in eine andere Stadt gezogen, weg von der alten Drogenclique. Dort will sie ihren Schulabschluss schaffen und einen Beruf erlernen. Kapler und seine Kollegen sind zuversichtlich, das ihr das gelingt.

*Name geändert

Anlaufpunkt für Suchtkranke

20 Jahre – so lange sind die Streetworker in Rostock bereits aktiv. Seit 1998 gibt es den Kontaktladen als Teil der Caritas-Suchtkrankenhilfe.

Der Kontaktladen stellt ein akzeptanzorientiertes Angebot für drogengefährdete und schwerstabhängige Jugendliche und junge Erwachsene dar.

Wer sich das Angebot anschauen möchte, der kann sich in der August-Bebel-Straße 2 montags und mittwochs bis freitags jeweils von 13 bis 16 Uhr melden. Telefonisch erhält man Kontakt unter der Nummer ☎ 03 81 /252323; im Internet ist das Angebot auf folgender Seite zu finden: www.caritas-mecklenburg.de

Antje Bernstein

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