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Dieser Tunnel gefährdet Rostocks Hafen

Seehafen Dieser Tunnel gefährdet Rostocks Hafen

Protest gegen Fehmarnbelt-Querung: Fährgeschäft droht 50 Prozent Minus / Auch Tourismus könnte leiden

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So soll die Beltquerung mal aussehen: Statt auf die Fähren rollen die Autos durch einen Tunnel nach Dänemark. Entwurf: Femern A/S

Seehafen. Es soll das größte Bauvorhaben in der Geschichte Nordeuropas werden – und mit sieben Milliarden Euro Baukosten auch eines der teuersten weltweit:

 

OZ-Bild
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Wir wollen Alternativen zum Tunnel bieten und die Gedser-Linie ausbauen.“Gernot Tesch, Geschäftsführer Hero

Doch der Protest gegen den Bau einer festen Ostsee-Querung zwischen Dänemark und Deutschland wächst – auch in Rostock. Offenbar aus gutem Grund: Denn kommt der Tunnel unter dem Fehmarnbelt, dürfte die Hansestadt zu den großen Verlierern des Mammutprojektes gehören. Vor allem dem Hafen droht ein regelrechter Einbruch im Fährgeschäft. Doch auch die Urlaubsbranche könnte jahrelang unter dem Mammutprojekt zu leiden haben.

„Der Rostocker Hafen wird für die feste Fehmarnbelt-Querung bluten müssen“, sagt Karl-Heinz Breitzmann. Der Professor für Verkehrswirtschaft war Mitbegründer des Ostseeinstituts für Marketing, Verkehr und Tourismus an der Rostocker Uni. „Die Dänen wollen die Querung bisher um jeden Preis“, so Breitzmann. Das Kopenhagener Parlament habe seinen Segen bereits erteilt. Doch wirtschaftlich sei das nicht zu vertreten: „Bisher war die Rede davon, dass der Tunnel einen völlig neuen Wirtschaftsraum schaffen werde, mit neuen und zusätzlichen Verkehren zwischen Mittel- und Nordeuropa.“

Inzwischen räumen die Planer selbst ein, dass dies wohl zu optimistisch war. Das staatliche dänische Unternehmen Femern A/S, das den Tunnel bauen und betreiben soll, habe gerade erst neue Verkehrsprognosen vorgelegt: „Und wenn diese Zahlen stimmen sollten, wird sich der Tunnel nur auf Kosten Dritter rechnen können – auf Kosten Rostocks.“

Die Dänen gehen nämlich davon aus, dass der Verkehr zwischen Fehmarn und Lolland zunehmen wird – aber nur, weil Verkehr von anderen Routen „abgezogen“ wird. Im Klartext: Damit die Beltquerung ein Erfolg wird, muss Rostock Passagiere und Fracht verlieren. Vor allem im Fährgeschäft drohen dramatische Einbrüche: „Auf der Route Rostock-Gedser würden wir 60 Prozent der Passagiere und Autos verlieren“, so Gernot Tesch, Geschäftsführer der Hafen-Entwicklungsgesellschaft Hero. „Auch die Trelleborg-Verbindung nach Südschweden wäre betroffen. Da würden wir mehr als ein Drittel verlieren.

Vorausgesetzt die dänischen Zahlen stimmen. Aber das zweifeln wir stark an“, so Tesch. Unter dem Strich bliebe ein Verlust von rund 50 Prozent – von zusammen knapp einer Million Passagiere im Jahr.

„Für die Fährreedereien stellt sich da die Existenzfrage.“

Doch auch andere Branchen würden leiden: „Die Skandinavier, die über unseren Hafen nach Rostock kommen, kaufen bei uns ein. Sie übernachten hier, sie schlendern über den Weihnachtsmarkt. Wenn die Hälfte der Gäste aus dem Norden ausbleibt, werden auch Handel und Hotellerie Einbußen verzeichnen“, mutmaßt der Hafenchef. Den Seehafen selbst würde der Tunnel nicht an den Rande der Existenz drängen: „Wir sind breit aufgestellt.“ Breiter zum Beispiel als der Lübecker Hafen. „Wir wachsen vor allem im Stückgut-Bereich.“ Und wenn der Seekanal erst mal auf 16,5 Meter Tiefgang ausgebaggert ist, werden größere Schiffe – Öltanker oder Getreidefrachter – die Hansestadt anlaufen.

Die Hero hat ihre Bedenken gegen die Beltquerung im Rahmen der Planungen angemeldet – bei den zuständigen Behörden der Kieler Landesregierung. Die Reedereien TT-Lines und Scandlines haben sogar Klage eingereicht. „Ein solcher Schritt steht für die Hero derzeit nicht zur Debatte. Dafür ist es zu früh“, sagt Tesch. Anstatt gegen den Tunnel zu kämpfen, will er eine Alternative schaffen: „Wir wollen die Fährverbindung nach Dänemark sogar noch ausbauen.“ Ab Jahresende bedient Scandlines die Linie mit zwei neuen, großen Fähren. Im Zwei-Stunden-Takt. „Wir wollen in Zukunft jede Stunde eine Abfahrt anbieten. Mit vier Fähren.“ Konkurrenz für die Querung.

Nicht nur der Hafen hat sich positioniert. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) zu Rostock rebelliert gegen die Tunnel-Pläne: Die Wirtschaftsorganisation fürchtet sogar, dass die Dänen die Mautgebühren im Tunnel künstlich niedrig halten wollen. Ein fairer Wettbewerb zwischen Fähren und Tunnel auf Fehmarn wäre dann nicht mehr möglich. Und außerdem: In den Seehafen Rostock und vor allem in das Fährgeschäft seien in den vergangenen Jahren Millionen an Fördermitteln geflossen. „Diese Investitionen werden durch den Tunnel entwertet“, so Christine Grünewald, Leiterin des Geschäftsbereiches Maritime Wirtschaft und Verkehr bei der IHK. „Der Tunnel hätte nicht nur auf den Hafen selbst, sondern auch für die Logistikbranche und die dortigen Arbeitsplätze negative Auswirkungen.“

Massive Probleme könnte aus Sicht der IHK auch die Tourismusbranche bekommen: In der Bauphase des Tunnels rechnen Fachleute mit einem massiven Sedimenteintrag in der Ostsee – nicht nur rund um Fehmarn, sondern bis nach Rügen. Im Klartext: Aufgewirbelter Meeresboden würde das klare Wasser an den Stränden trüben, Urlauber drohen wegzubleiben. „Diese Effekte sind bisher gar nicht untersucht worden. Es muss ausgeschlossen werden, dass unser Tourismus unter dem Bau leidet“, sagt IHK- Sprecherin Sabine Zinzgraf. Tobias Woitendorf, Vize-Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, sieht das genauso. Ein weiteres Argument gegen die Querung: „MV bemüht sich seit Jahren, Urlauber aus Skandinavien zu locken. Die Fähren sind dafür ein gutes Argument. Wir müssen davon ausgehen, dass sich der Tunnel auch darauf negativ auswirkt.“ Woitendorf weiter: „Also, wir sind keine Fans der festen Beltquerung.“

Einzig Rostocks Oberbürgermeister Roland Methling (UFR) äußert sich positiv: Er begrüßt den geplanten Tunnel. „Wenn gleichzeitig auch die Fährlinie nach Gedser gestärkt wird, haben wir eine wirklich europäische Lösung.“

Großprojekt mit Folgen

7 Milliarden Euro soll der Bau des Tunnels unter dem Fehmarnbelt kosten. Die Finanzierung übernimmt Dänemark. Deutschland muss „nur“ 200 Millionen Euro in die Hinterland-Anbindung – in einen Ausbau der A 1 und der Bahnlinie – investieren.

60 Prozent der Passagiere würde der Rostocker Seehafen nach der Tunnel-Eröffnung auf der Route nach Dänemark verlieren. Das geht aus Zahlen der dänischen Tunnelplaner hervor. Auf der Route nach Trelleborg in Schweden würden geschätzte 33

Prozent verloren gehen.

Andreas Meyer

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