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Essbare Schätze aus Mülltonnen

Stadtmitte Essbare Schätze aus Mülltonnen

Mehrere tausend Tonnen Abfall werden im Jahr weggeworfen / Menschen wie Hanna wollen etwas dagegen tun / Sie sammelt ihr Essen in Supermarkt-Mülltonnen / Angst vor Strafen hat sie nicht

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Die 24-jährige Hanna Balster bezeichnet sich selbst als Containerin. Oftmals findet sie genießbare Lebensmittel in den Müllcontainern verschiedener Supermärkte, wie diese Erdbeeren in der Rostocker Südstadt.

Quelle: Ove Arscholl

Stadtmitte. Hanna Balster ist nicht arm. Sie sieht gepflegt aus und ist modisch gekleidet. Nichts an ihr lässt vermuten, dass die Studentin ein Mal in der Woche nachts in Mülltonnen nach Lebensmitteln sucht. „Ich mache das nicht aus Geldnot. Ich mache das aus Prinzip“, betont die 24-Jährige. Ihr geht es darum, der Verschwendung von Lebensmitteln etwas entgegenzusetzen. „Ich habe das Gefühl, etwas Gutes zu tun, wenn ich genießbare Lebensmittel rette.“ Ihrer Meinung nach werde zu viel weggeworfen. „Wir sind eine Konsumgesellschaft und leben im Überfluss. Dabei sollte man jedoch nicht den Blick für eine nachhaltige Lebensweise verlieren.“

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Mehrere tausend Tonnen Abfall werden im Jahr weggeworfen / Menschen wie Hanna wollen etwas dagegen tun / Sie sammelt ihr Essen in Supermarkt-Mülltonnen / Angst vor Strafen hat sie nicht

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Allein in Rostock wurden vergangenes Jahr mehr als 45 000 Tonnen Hausmüll und rund 9000 Tonnen Bioabfall entsorgt. Müll von Gewerben und Supermärkten ist hier nicht aufgeführt. „Das sind Mengen, die man sich kaum vorstellen kann, und ich wollte etwas dagegen tun“, erzählt die Veganerin entschlossen, denn vieles sei umsonst weggeworfen worden.

Begonnen hatte sie mit dem sogenannten Containern vor fünf Jahren. „Ein Bekannter machte das häufiger und hat mich einfach mitgenommen.“ Das erste Mal vergisst sie nie. „Ich war total aufgeregt, es war so eine Nacht- und Nebelaktion“, erinnert sie sich. Sie war vor allem überrascht, wie viel Essbares noch in den Mülltonnen der Supermärkte lagert. „Wenn eine Orange im Netz schimmelt, werden alle weggeworfen. Dabei sind die anderen noch gut“, nennt sie ein Beispiel. Damals reichte ihre Ausbeute für eine ganze Woche. Sie fasst den Entschluss: Das mache ich weiter.

Zu 90 Prozent findet sie Obst und Gemüse in der Tonne, aber auch kuriose Funde sind in Rostock in ihrem Rucksack gelandet. „Einmal wurden zahlreiche Packungen Hefeteig weggeworfen und gleich daneben waren Unmengen von Pflaumen“, sagt Hanna Balster. Also hat sie mehrere Bleche Pflaumenkuchen gebacken. Ihren Speisenplan passt die gebürtige Schwerinerin daran an, was sie findet. Mittlerweile geht sie einmal die Woche auf Tauchgang in die Mülltonne, denn auch finanziell lohne es sich für sie: „Ich denke, damit spare ich etwa 20 Euro pro Woche.“

Wenn es so weit ist, kleidet sie sich dunkel, trägt Handschuhe und eine Kopfleuchte. „Die war eine gute Anschaffung, so habe ich beide Hände frei.“ Etwa eine Stunde nach Ladenschluss besucht sie im Schutz der Dunkelheit ihre „Hotspots“. „Ich passe auf, dass nicht zu viele Leute in der Nähe sind, und bin sehr vorsichtig.“ Denn wirklich legal ist ihr Hobby nicht. „Ich glaube, offiziell ist es Diebstahl“, vermutet Hanna Balster. Verschlossene oder umzäunte Tonnen meidet sie, denn das könnte als Hausfriedensbruch bewertet werden.

Bei einem aufgebrochenen Schloss könnte es schlimmstenfalls als Einbruchsdiebstahl angesehen werden. Dies kann eine Freiheitsstrafe von bis zu sechs Monaten nach sich ziehen, weiß Harald Nowack. Doch der Sprecher der Staatsanwaltschaft ist sich unsicher, inwiefern es sich überhaupt um eine Straftat handle. „Zunächst müsste ein Supermarkt Anzeige erstatten, und das ist in Rostock noch nicht vorgekommen“, so Nowack.

Auch die Polizei der Hansestadt hat noch nichts vom Containern gehört. „Es wäre jedoch ein Verdacht auf Diebstahl, weil es Eigentum des Supermarktes ist“, vermutet Polizeisprecherin Yvonne Hanske.

Nowack erklärt, dass das Wegwerfen auch ein Indiz dafür sein kann, dass der Eigentümer seinen Besitz aufgegeben hat. „Dann wäre es rechtlich kein Diebstahl.“ Doch ohne konkreten Fall kann er keine Prognose geben. „Das ist allgemein nicht zu beantworten“, urteilt der Staatsanwalt.

Selbst wenn es eine Strafe gebe, aufhören komme für Hanna Balster nicht infrage. „Nur wenn essbare Lebensmittel gespendet werden, würde ich nicht mehr containern gehen.“ Mit Vorurteilen geht sie gelassen um. Stinkende Tonnen und Ekel würden ihr nur selten begegnen. „Nur im Sommer muss ich wegen der Hitze aufpassen.“

Das Veterinäramt Rostock hält das Sammeln speziell von tierischen Lebensmitteln aus Abfällen für problematisch und mit einem hohen Risiko verbunden. In ihrem Master-Studium hat sich Hanna Balster auf das Thema Lebensmittel-Mikrobiologie spezialisiert und kennt die Gefahr. „Ich bin jung, habe ein gutes Immunsystem und Menschenverstand“, sagt sie. Zu Hause wäscht sie alles gründlich mit warmem Wasser ab und sortiert wirklich verfaulte Abfälle aus. „Ich hatte bisher nicht mal eine Magenverstimmung.“

Haltbarkeiten

Supermärkte entsorgen auch Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum.

Das Mindeshalbarkeitsdatum gibt an, bis zu welchem Termin ein Lebensmittel bei sachgerechter Aufbewahrung in jedem Fall ohne Qualitätseinbußen — auch ohne farbliche Veränderung — konsumierbar ist. Da es sich nicht um ein Verfallsdatum handelt, ist es oft auch danach noch genießbar.

Das Verbrauchsdatum ist der Zeitpunkt, ab dem leicht verderbliche Lebensmittel, wie zum Beispiel rohes Fleisch, eine Gefahr für die Gesundheit darstellen können.

Von Johanna Hegermann

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