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„Essbare Stadt“ wird zum Zankapfel

Stadtmitte „Essbare Stadt“ wird zum Zankapfel

Köstliche Idee oder versteckte Attacke? Öffentlicher Obstanbau sorgt zwischen Grünen und Kleingärtnern für Zoff

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Köstliches vom Straßenrand: Jenny Hegewald (26) pflückt sich ein paar Birnen an der August-Bebel-Straße. Die Idee, Rostock zur „Essbaren Stadt“ zu machen, findet sie super.

Quelle: Fotos: Frank Söllner/ Ove Arscholl

Stadtmitte. Mit den Grünen sind sich die Kleingärtner alles andere als grün: Der Plan der Partei, Rostock in eine „Essbare Stadt“ zu verwandeln, schmeckt ihnen überhaupt nicht. „Das ist reiner Populismus und ein Alibi dafür, uns abzuschaffen, weil man neues Bauland will. Die Grünen sind der Sargnagel des Kleingartenwesens“, moniert Christian Seifert, Vorsitzender des Verbandes der Gartenfreunde.

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Köstliche Idee oder versteckte Attacke? Öffentlicher Obstanbau sorgt zwischen Grünen und Kleingärtnern für Zoff

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„Totaler Unsinn“, kontert Uwe Flachsmeyer, Grünenfraktionschef in der Bürgerschaft. Er will sich die Idee nicht madig machen lassen und attestiert den Gärtnern „Verfolgungswahn“. Die Essbare Stadt habe rein gar nichts mit Bauland zu tun. „Wir wollen niemandem etwas wegnehmen.“ Schützenhilfe bekommt er von Parteikollege und Umweltsenator Holger Matthäus. „Das ist keine Konkurrenz für Kleingärtner, sondern eine Bereicherung für die Stadt“, verteidigt er den Vorschlag. Alles, was die Grünflächen bunter und für die Rostocker interessant und nutzbar mache, unterstütze er.

Daran, dass aus Rasenstreifen und Parks auf Dauer verlockende Naschgärten für alle werden, haben die Kleingärtner allerdings erhebliche Zweifel. In einem Positionspapier führen Maik Graske, Hans-Peter Kolz und Marko Diekmann – die Chefs der Vereine „Hellberg“, „Dahlie“ und „An’n schewen Barg“ – gleich mehrere Gründe ins Feld, warum sie von Kräutern, Obst und Gemüse in öffentlichen Beeten nichts halten. Grund eins: Pflanzen bräuchten Pflege, wenn sie gedeihen und auf Dauer gute Erträge bringen sollen. Unkraut jäten, Bäume stutzen, säen, düngen und bewässern – das könne die Stadt nicht leisten.

„Ohne Patenschaften geht es nicht“, räumt Holger Matthäus ein. Schon jetzt kann die Stadt Grünflächen nicht in dem Maße pflegen, wie sie es nötig hätten. Es fehlt das Geld. Matthäus sieht die „Essbare Stadt“ daher auch als Chance. Wenn sich engagierte Hobbygärtner einbringen, müsste das Grünamt weniger ackern. Wo es jetzt wild wuchert, könnten mit Hilfe der Bürger gepflegte Beete entstehen.

Die Gärtner insistieren: Der Eifer derjenigen, die sich freiwillig kümmern, sei spätestens verflogen, wenn andere restlos abernten, wofür sie kostenlos gearbeitet haben. Von Vandalismus ganz zu schweigen. Die Stadt halse sich womöglich noch ein weiteres Problem auf: Ratten. Die Ernte scheitere nämlich schon am fehlenden Gerät. „Wer hat schon eine Leiter dabei, um sich Äpfel und Birnen vom Baum zu pflücken?“, fragt Christian Seifert. Und weil matschiges Fallobst beim Menschen kaum, bei Nagern dafür umso begehrter ist, dürfte es schnell vor Schädlingen wimmeln. „All diese Probleme sind im Kleingartenwesen bereits gelöst“, schreiben die Gärtner in ihrem Papier.

Andernach, Lübeck, Kassel, Tübingen – viele deutsche Städte haben Gärten zum kostenlosen Selbstbedienen angelegt. „Urbanes Gärtnern ist toll“, sagt Seifert. „Aber wir brauchen das nicht. Rostock hat eine Kleingartendichte, davon träumt jede andere Stadt der Welt.“ In den Anlagen seien auch Nicht-Vereinsmitglieder willkommen. „Unsere Gärtner haben viel zu viel, um es selber zu verwerten. Deshalb geben die meisten gern etwas von der Ernte ab.“ Außerdem hätten viele Vereine Gemeinschaftsflächen. Wer vorher fragt, dürfe sich an dem, was dort wächst – in Maßen – bedienen. Die Anlagen seien für alle offen.

Uwe Flachsmeyer bestreitet das. „Es gibt genug Anlagen, die sind nach 18 Uhr abgeschlossen. Ich wünsche mir, dass sich die Vereine mehr öffnen.“ Senator Matthäus versucht zu schlichten. „Wir wollen die Kleingartenkultur nicht abschaffen, sondern sie weiterentwickeln.“ Dafür sei geplant, das frühere Kleingärtnerforum wieder zu beleben.

Erntefreuden

153 Kleingartenvereine mit zusammen mehr als 15000 Parzellen beackern in und um Rostock rund 649 Hektar Gartenland. Etwa 40000 Aktive bestellen Böden und pflegen Beete.

Wer kostenlos Obst naschen will, dem bietet die Stadt ein köstliches Büfett: Birnen an der August-Bebel-Straße, Mirabellen in den Wallanlagen – wo sich jeder, der mag, bedienen kann, zeigt eine Karte im Internet auf

• www.mundraub.org

Antje Bernstein

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