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Frau Wesche nimmt Wäsche in die Mangel

Rostock-Kröpeliner-Tor-Vorstadt Frau Wesche nimmt Wäsche in die Mangel

Von der Spirituosenfabrik zur Besitzerin einer Heißmangel — ein ungewöhnlicher Berufsweg, den Waltraut Wesche gegangen ist. Vor allem in der DDR in den 1960er Jahren.

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Waltraut Wesche mangelt mit nostalgischem Gerät seit 50 Jahren in der KTV Bettbezüge und Tischdecken.

Quelle: Claudia Tupeit

Rostock-Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Von der Spirituosenfabrik zur Besitzerin einer Heißmangel — ein ungewöhnlicher Berufsweg, den Waltraut Wesche gegangen ist. Vor allem in der DDR in den 1960er Jahren.

„Jeder hat mich gefragt, ob ich denn spinne, mich selbstständig zu machen, wo ich doch andere Steuern zahlen und meinen Urlaub selbst finanzieren müsse“, erzählt die rüstige Dame heute rückblickend.

Doch sie habe keine Lust mehr auf „Eierlikör abfüllen“ gehabt. Sie wollte stattdessen lieber Bett- und Tischwäsche oder auch Vorhänge von Rostockern mit der Rolle faltenfrei machen.

Ihre Vorgängerin habe den Laden loswerden wollen, „weil er aus ihrer Sicht nicht genug abgeworfen hat“. Was die eine nicht mehr wollte, ist für die andere die berufliche Erfüllung.

Reich ist Waltraut Wesche in den 50 Jahren nicht geworden — was aber auch nicht ihr Bestreben gewesen sei, erzählt sie.

4,50 Euro nimmt sie heutzutage für das Mangeln von zwei Bettbezügen, zwei Laken und zwei Kopfkissen. „Das ist vergleichsweise nicht viel, aber ich will es auch nicht teurer machen.“ Sie rechne die Preise so aus, dass es für sie einigermaßen wirtschaftlich bleibe.

„Ich will ja nicht draufzahlen“, sagt sie. Statt einst 50 Euro zahle sie mittlerweile das Vierfache an Miete für den kleinen Laden im Patriotischen Weg. Die Heißmangel wird durch Gas erwärmt und mit Strom angetrieben. „Das ist schon eine ganz alte Maschine, bestimmt 100 Jahre alt“, sagt Wesche, die oft auf die Kuriosität angesprochen werde, dass sich ihr Nachname beinah genauso ausspricht wie das, was sie durch die Mangel nimmt.

Nur zwei Firmen im ganzen Land seien in der Lage, die Wehwehchen des Geräts zu beheben. Und wenn sie irgendwann mal richtig Schluss macht, dann könnte die Heißmangel zum Museumsstück werden. Die Herstellerfirma aus Hannover gibt es noch immer. „Mit denen hatte ich mal Kontakt, die würden das Stück dann zum Ausstellen wieder zu sich holen.“

Früher hat Waltraut Wesche, die ihr Alter übrigens nicht verrät, den ganzen Tag Kunden bedient. Heute ist sie gezwungen, etwas kürzerzutreten. So öffnet sie die Tür zu dem 1918 erbauten Haus nur noch werktags von sechs bis elf Uhr. Warum? „Es gibt eben nicht mehr so viele Kunden wie früher“, sagt die gebürtige Rostockerin. Und außerdem sei sie schon Rentnerin.

„Ich möchte mir und meinem Mann jeden Tag ein schönes Mittag kochen können“, sagt Wesche. Und dann geht es oft ab in den Garten nach Stadtweide.

Hilfe von Angestellten hat sie keine. Zu gefährlich. „Wenn hier jemand etwas kaputtmacht. Nein, da hätte ich keine Ruhe.“ Es würde sich aber auch nicht lohnen. Nur ihr Mann unterstützt sie ab und zu an der heißen Rolle. Zum Beispiel bei den fünf Meter breiten Tischtüchern.

Erstaunlich ist, wie viele Rostocker und Menschen aus der Region noch Bettwäsche, Tischdecken, manchmal auch T-Shirts vorbeibringen. „Zu mir kommen sogar Studenten.“ Der größte Kundenstamm setze sich aber aus Berufstätigen, wie Polizisten, Ärzten oder Taxifahrern, zusammen, die keine Zeit für so etwas haben. Und Ältere, die es nicht mehr können.

In zwei Minuten etwa ist sie mit einem Stück durch. Im Durchschnitt kommen zehn Leute am Tag zu ihr mit neuer, bereits gewaschener Wäsche. Ein kleiner Schnack, das Erkundigen nach der Gesundheit des Gatten — all das gehört dazu. Und montags müsse sie die Fußballergebnisse kennen. „Da kommen meist die Männer zum Abgeben oder Abholen, und die plaudern gern darüber.“

Nicht bügeln, sondern mangeln

Bettwäsche , Tischdecken, Vorhänge und T-Shirts werden von Waltraut Wesche jeden Werktag gemangelt. Dazu schiebt sie den Anfang des Stoffs unter die Rolle und zieht ihn nach und nach am anderen Ende wieder heraus. Meist reicht ein Durchgang, bei Tischtüchern benötige sie immer zwei. Das Prozedere hat nichts mit Bügeln zu tun, sondern wird mangeln genannt. Oberhemden zum Beispiel nimmt sie nicht an — die Knöpfe würden kaputt gehen. An Bettwäsche sind wiederum flache Knöpfe, im Zweifel muss sie vor der Knopfleiste die Rolle anheben.

Kunden kommen auch vom Volkstheater nebenan. Manchmal glättet

sie auch Tischdecken, die auf der Bühne als Requisite zum Einsatz kommen.

Von Claudia Tupeit

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