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Fremde Augenhornhäute retten Rostockerin vorm Erblinden

Dierkow Fremde Augenhornhäute retten Rostockerin vorm Erblinden

1966 wurde Christel Urban das erste Mal am Auge operiert / Bedarf an Gewebespenden steigt / Rostocker Gewebebank will auch kleinere Kliniken mit Transplantaten versorgen

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Christel Urban (76) wird von Augenärztin Dr. Petra Schröder untersucht.

Quelle: Fotos: Ove Arscholl

Dierkow. Kontrolltermin bei der Augenärztin. Sehschärfe, Augeninnendruck . . . Christel Urban kommt regelmäßig. Sie ist eine besondere Patientin, sozusagen eine Zeitzeugin der Gewebespende. Schon viermal wurde der 76-Jährigen eine Augenhornhaut transplantiert. Das letzte Mal 2012. „Ohne diese Gewebespenden wäre ich längst erblindet“, sagt die Rostockerin dankbar. Bei dem Eingriff wird die getrübte Hornhaut durch eine klare Spenderhornhaut ersetzt. Etwa 8000 Mal geschieht dies derzeit jährlich in Deutschland. „Dafür werden noch rund 1000 Transplantate aus dem Ausland eingeführt“, erklärt Dr. Frank-Peter Nitschke, Geschäftsführer der 2015 gegründeten gemeinnützigen Rostocker Gewebebank (GBM-V). Drei Monate wartet ein Patient im Schnitt auf eine Spenderhornhaut. Der Bedarf sei hoch, werde mit Alterung der Gesellschaft und dank medizinischen Fortschritts weiter steigen auf etwa 12000 Hornhauttransplantationen im Jahr, prognostiziert der Arzt. Zusammen mit dem Rostocker Mediziner, Dr. Axel Manecke, hat Nitschke ab 2003 die Gewebespende in Mecklenburg-Vorpommern aufgebaut. Dabei wurde beiden klar: „Der Bedarf kann nicht gedeckt werden. Die Krankenhäuser im Land profitieren zu wenig von den in den eigenen Häusern durchgeführten Gewebespenden.“ Das motivierte die beiden erfahrenen Transplantationsärzte, 2015 die Gesellschaft für Transplantationsmedizin (GTM-V) und die Gewebebank, derer es bundesweit 25 gibt, ins Leben zu rufen.

Bei Christel Urban war es Zufall, dass ihr die Erblindung erspart bleibt. Eine Sehschwäche begleitet die ehemalige Grundschullehrerin seit jungen Jahren. Als sich der Zustand verschlechtert, die zweifache Mutter am Verzweifeln ist, liest die damals 27-Jährige in einer Zeitschrift einen Artikel über Hornhauttransplantationen. Sie schreibt dem Autoren Prof. Georg Günther, Direktor der Greifswalder Augenklinik, einen Brief, bekommt einen Termin und aufgrund der weit fortgeschrittenen Hornhautverkrümmung auch schnell eine Spenderhornhaut. „Von einer 36-jährigen Frau, die tödlich verunglückt war“, erinnert sich die Patientin. „Es geistert einem schon im Kopf herum, dass jemand gestorben ist, der mir durch seine Spende wieder mehr Lebensqualität gibt.“ Der erste Eingriff war 1966, zwei Jahre später erfolgte der zweite am anderen Auge. „Die beiden Gewebespenden haben mir ein erfülltes Berufsleben ermöglicht, dafür bin ich unendlich dankbar“, sagt Christel Urban, die bis 1994 als Lehrerin tätig war.

Die Transplantate mussten erst nach Jahrzehnten ersetzt werden. „Jetzt kann ich wieder besser in die Ferne sehen, das Lesen fällt leichter“, berichtet die Rostockerin, deren Sehvermögen durch Grauen Star und Glaukomerkrankung noch zusätzlich beeinträchtigt ist. Ihre Geschichte von vier Hornhautübertragungen seit 1966 habe in der Familie dazu geführt: „Fast alle haben einen Spenderausweis.“

Der Organspendeausweis regelt auch die Gewebespende, für die nicht die Diagnose des Hirntodes erforderlich ist. Etwa 14000 Menschen versterben pro Jahr in Mecklenburg-Vorpommern in Kliniken, Schwerstkranke, die mit einer Gewebespende noch Leben retten, verlängern, verbessern können. „70 Prozent der Menschen sind unentschieden, schlecht informiert und überlassen den Angehörigen die Entscheidung“, so die jahrelange Erfahrung der Transplantationsmediziner Nitschke und Manecke.

Etwa 100 Angehörigengespräche führt ihr Team jeden Monat in elf Krankenhäusern zwischen Pasewalk und Grevesmühlen. Dreiviertel der Angesprochenen stimmen zu. „Doch es ist noch viel Aufklärung nötig“, wissen die Gründer der Gewebebank, die derzeit nur Präparate entnehmen und in anderen Gewebebanken aufarbeiten lassen, bis sie demnächst selbst die Erlaubnis zur Herstellung von Transplantaten haben.

Seit Jahresbeginn kooperieren die Rostocker mit dem britischen Unternehmen Tissue Regenix und holen damit ein völlig neues Transplantationsverfahren an die Ostsee, von dem viele Patienten profitieren werden.

52000 Gewebetransplantationen pro Jahr

Die Hornhauttransplantation ist die älteste und häufigste Transplantation überhaupt, sie wurde 1905 erstmals vom Wiener Augenarzt Eduard Zirm in Olmütz (Tschechien) erfolgreich praktiziert. Doch auch Herzklappen und -beutel, Blutgefäße, Sehnen, Bänder, Haut und Knochen werden transplantiert. Insgesamt werden etwa 52000 Gewebetransplantationen jährlich in Deutschland durchgeführt. Im Gegensatz zur Organspende werden Gewebe nicht gleich verpflanzt. Aus entnommenen Präparaten werden hochwertige Gewebetransplantate hergestellt.

Informationen: www.gtm-v.de

Von Doris Kesselring

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