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Gehlsdorferin öffnet ihre Puppenstube

Gehlsdorf Gehlsdorferin öffnet ihre Puppenstube

Ingrid Harten baut kindhafte Figuren, wie sie früher aussahen / Jede freie Minute opfert sie für ihr Hobby

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In der Werkstatt von Ingrid Harten (83) entstehen individuelle Puppen. Etwa 48 Arbeitsstunden stecken in einer Figur. Fotos(3): Philip Schülermann

Gehlsdorf. „Ich wollte nie Puppen sammeln, ich wollte Puppen machen“, sagt Ingrid Harten und guckt sich in dem Raum neben ihrem Wohnzimmer um. Etliche dieser Kinderspielzeuge zieren heute den kleinen Raum und sein Fensterbrett, auch im Wohnzimmer sitzen und stehen Puppen. Dort hätten eigentlich nie welche hinkommen sollen, sagt sie und schmunzelt. Die 83-jährige Gehlsdorferin baut Spielzeug-Puppen aus dem späten 18. und frühen 19. Jahrhundert originalgetreu nach. Jede freie Minute verbringt sie damit – seit knapp 25 Jahren.

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Ingrid Harten baut kindhafte Figuren, wie sie früher aussahen / Jede freie Minute opfert sie für ihr Hobby

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Zwei Puppen werden niemals genau gleich. Man kann sie nicht kopieren.“Ingrid Harten (83), Puppenbauerin

Im Keller des Hauses, in dem sie mit ihrem Mann Horst wohnt, hat sie ihre Werkstatt. Die Regale sind voll mit Gips-Formen und Ersatzteilen, auf einem Tablett liegen jüngst bemalte Puppenköpfe aus Porzellan, die sie in ihrem eigenen Ofen brennt. Auch Hände oder Füße brennt sie. Fast alles an ihren Puppen ist Handarbeit.

Die weißen Formen sind schwer und bestehen aus zwei Teilen. Bevor Ingrid Harten das flüssige Porzellan in die Form gießen kann, muss sie es gut verrühren. Die zwei Teile werden dann mit zwei Gummibändern zusammengehalten, „damit die Form schön dicht ist“, erklärt die Puppenbauerin. Dann füllt sie die Flüssigkeit ein und nach ein paar Minuten senkt sich der Pegel. An den Wänden der Form bleibt Porzellan haften. So bleibt der Kopf später von innen hohl und kann gebrannt werden.

Ingrid Harten sitzt an ihrem Tisch unterm Kellerfenster und schneidet mit einem Skalpell Ränder ab, formt Augenhöhlen, in denen nachher bewegliche Glasaugen, sogenannte Schlafaugen, Platz finden.

Fingerspitzengefühl ist gefragt, eine ruhige Hand und gute Augen. Bei ihr sitzt fast jeder Schnitt. Aber auch mit viel Erfahrung geht mal ein Schnitt daneben. Bei einem ihrer Werke hat sie versehentlich die Augen zu groß ausgeschnitten. Heute zählt diese Puppe zu ihren liebsten. Ihr Ausdruck im Gesicht sei einmalig, sagt Harten. Und tatsächlich: Der Blick unterscheidet sich von allen anderen, wie sie später im Wohnzimmer zeigen wird.

Ursprünglich hat die Rentnerin Schneiderin gelernt, wurde später Wirtschaftskauffrau. „Aber das Nähen blieb mir immer – auch in der DDR“, erzählt sie. Nach der Wende wollte sie für ihre Enkelin Puppenkleider nähen, daraus wurde, dass sie gleich die ganzen Puppen baute. Ihr erstes Werk steht noch heute in einer Vitrine im Wohnzimmer. Später gab Harten Kurse, noch heute bemalt sie in ihrer Werkstatt gemeinsam mit einer Freundin die Puppenköpfe.

Sie benutzen dafür eine Pulverfarbe. Mit einem alten Nylonstrumpf wird das Porzellan aber vorher fein geschliffen. Die erste Schicht Farbe ist rot und wird so lange abgerieben, bis auf dem weißen Untergrund leicht rosafarben die Haut schimmert. Dann wird wieder gebrannt, danach folgen Bäckchen und je nach Puppe Wimpern, Augenbrauen oder Lippen. „Keine Puppe ist wie die andere“, sagt Ingrid Harten. Das sei es, was ihr an ihrem Hobby am meisten gefalle. Serien oder einen Stoff zwei Mal benutzen? Ausgeschlossen. Jede Puppe ist ein Unikat. Und Hunderte hat sie gebaut. „Es genügt ein Pinselstrich“, sagt sie, schon verändern sich Mimik und Ausdruck. Aus einer Form entstehen so ganz unterschiedliche Kindergesichter. Anschließend bekommen die Puppen Echthaarperücken. Zum Schluss werden alle Teile zusammengesetzt.

Im Erdgeschoss ihres Hauses zeigt sie besonders alte Schätze. Ein Lederkoffer voller Schnittmuster lehnt an der Vitrine. In dem hellen Raum näht sie Kleidchen, Hosen oder kleine Jacken. Auch Schuhe hat sie schon gefertigt. „Fummelkram“, sagt sie.

„Früher habe ich immer zwei neue gemacht, wenn ich eine Puppe verkauft habe“, sagt Ingrid Harten. Schmerzt es, eine Puppe abzugeben? „Eigentlich nicht. Dann kommt die Freude, eine neue machen zu dürfen.“Der Preis für eine ihrer Puppen: „Er deckt gerade so die Kosten.“ Sie baut die Puppen aus purer Leidenschaft und sagt lachend: „Ideen habe ich noch für 100 Jahre.“

Philip Schülermann

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