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Groß Klein ringt um seinen Ruf

Groß Klein Groß Klein ringt um seinen Ruf

200 Bürger bei Versammlung zum Flüchtlingsstreit / Anwohner wollen mit Sorgen ernst genommen werden

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Sozialsenator Steffen Bockhahn (r.) und Rostocks Polizeichef Michael Ebert sprachen mit etwa 200 Groß Kleinern über die Sorgen und Nöte im Stadtteil, insbesondere nach den Problemen mit jugendlichen Flüchtlingen.

Quelle: Fotos: Andreas Meyer (3), Thomas Niebuhr (2)

Groß Klein. Draußen vor der Tür Polizisten in voller Demo-Montur, drinnen in der Aula der StörtebekerSchule ein lebhafte, aber ebenso faire Debatte um Flüchtlinge in Groß Klein: Fast 200 Einwohner des Stadtteils haben gestern Abend mit Politiker, Verwaltung und Polizei den offenen Streit um eine Unterkunft für minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge im Sommer ausgewertet.

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200 Bürger bei Versammlung zum Flüchtlingsstreit / Anwohner wollen mit Sorgen ernst genommen werden

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Groß Klein war damals bundesweit in die Schlagzeilen geraten, weil Rechte gegen die Unterkunft mobil gemacht hatten und die Stadt schließlich aus Sorge um Leib und Leben den jungen Migranten die Schließung der Wohngruppe anordnete. Rund zwei Monate nach den Vorfällen ringt der Stadtteil noch immer mit sich selbst. Tenor des Abends: Groß Klein will nicht in die rechte Ecke gestellt werden – aber die Bürger wollen auch, dass ihre Sorgen und Nöte ernst genommen werden.

„Groß Klein hat sich gut entwickelt. Viele junge Familien ziehen zu uns, die Wohnungsgesellschaften investieren Millionen im Viertel – auch in neue Wohnungen“, betonte Ortsbeiratschef Uwe Michaelis (SPD) gleich zu Beginn. Der Stadtteil sei ruhig und friedlich. Und einen „rechten Ruf“ habe Groß Klein nicht verdient. Sieht Sozialsenator Steffen Bockhahn (Linke) ganz genau so: Ja, die Zahl der Erwerbslosen und auch der Hartz IV-Empfänger liege im dem Viertel über dem Rostocker Durchschnitt. „Aber diese Menschen sind nicht alle doof oder unanständig.“ Und ebenfalls „Ja“: Mit den jungen Flüchtlingen habe es Probleme gegeben. Es stimme, dass es Gewalt gegeben habe – auch Lärm und Alkoholmissbrauch.

Viele der Flüchtlinge hätten traumatische Erlebnisse hinter sich – von der Flucht durch Europa, dem Krieg in ihrer Heimat. Dennoch sei das Verhalten zwar „altersgerecht“, aber dennoch „inakzeptabel“.

Bockhahn weiter: „Jugendliche testen ihre Grenzen aus. Das ist normal. Aber umso wichtiger ist es, ihnen Grenzen aufzuzeigen.“ Das sei geschehen. Durch den Träger der inzwischen geschlossenen Unterkunft, den Verein „Neue Ohne Barrieren“.

„Dass Jugendliche saufen oder aggressiv werden ist aber doch keine Frage der Nationalität. Das machen deutsche Kinder ebenso wie junge Flüchtlinge“, so Bockhahn. Die Situation habe sich im Sommer „hochgeschaukelt“, sagt Bockhahn. Die Stadt musste reagieren. „Diese Kinder haben keine Eltern. Wir als Stadt sind ihre Eltern.“ Und all jene, die die Schließung beklatscht hätten, müssten sich nichts vormachen: „Wir werden auch weiterhin minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge auf alle Stadtteile verteilen. Wer glaubt, dass keine mehr nach Groß Klein kommen – der hat sich geschnitten“, sagt Bockhahn und erhielt für diese klare Botschaft spontanen Applaus.

Emotional wurde es, als die konkreten Probleme angesprochen wurden. Von Lärm, Alkohol und Belästigungen von jungen Mädchen sprach eine Frau. „Die Jugendlichen haben sich massiv daneben benommen“, sagt Christina Graebel, die sich selbst in der Flüchtlingshilfe engagierte. Rassismus sei nicht zu akzeptieren, aber „man muss Verständnis für die Groß Kleiner haben“. Rund 150 unbegleitete Minderjährige Ausländer leben in Rostock, und die werden im ganzen Stadtgebiet untergebracht und zukünftig, wenn nötig auch wieder in Groß Klein, machte Steffen Bockhahn unmissverständlich klar. Und wenn es Probleme gebe, sind die die jeweiligen Träger in der Verantwortung – oder eben die Polizei.

Die würde sich ja nicht hinter die Bürger stellen, kritisiert der 71-Jährige Jochen Schröder. Rostocks oberster Polizist Michael Ebert ließ das nicht stehen. Groß Kleiner wie Flüchtlinge müssten sich an das Gesetz halten – ohne Unterschied. Und zu Gerüchte über Vielzahl von Ausländern begangenen Straftaten: „Ich möchte über das sprechen, was tatsächlich passiert und nicht über das, was in sozialen Netzwerken verbreitet wird.“ Tatsächlich sei Groß Klein kaum von anderen Stadtteilen zu unterscheiden und Flüchtlinge machen nur einen kleinen Teil der Täter aus. Es gebe Vorfälle und „nichts zu verschweigen“, versichert Ebert, aber für ihn ist klar: „Sie können sich sicher durch den Stadtteil bewegen.“

Torsten Reinke (52) brach eine Lanze für die Flüchtlinge: Er selbst lebe Tür an Tür mit einer syrischen Familie. „Tolle Menschen! Ich habe vermisst, dass die Groß Kleiner gegen die rassistischen und verfassungsfeindlichen Deutschen im Stadtteil aufstehen.“ Thomas Ebeling, Chef der Freiwilligen Feuerwehr im Stadtteil, fasst den Abend zusammen: Ja, im Stadtteil gebe es Probleme – die meisten davon seien rein menschlich und unabhängig von der Herkunft. „Wir sollten vielleicht einfach wieder miteinander reden.“

Chronologie der Ereignisse

2. Juni 2016: In Groß Klein kommt es erstmals zu Demonstrationen gegen die Unterkunft für unbegleitete,

minderjährige Jugendliche. Die Polizei muss einschreiten.

3. Juni 2016: Die linke Szene und das Bündnis „Rostock nazifrei“ rufen zur

Solidaritätskundgebung auf. Asylgegner und -befürworter stehen sich im Viertel gegenüber.

04. Juli 2016: Ein 14 Jahre altes Mädchen wird von einem Flüchtling belästigt. Die Sicherheitslage bleibt angespannt.

26. Juli 2016: Die Stadt schließt die Unterkunft. Die Polizei hatte mitgeteilt, nicht für die Sicherheit der Flüchtlinge garantieren zu können.

Thomas Niebuhr und Andreas Meyer

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