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Hazem und Hekmat aus Syrien: Ziehsöhne auf Zeit

Stadtmitte Hazem und Hekmat aus Syrien: Ziehsöhne auf Zeit

Kira und Ralf Ludwig haben Flüchtlinge aufgenommen / Ein spannendes Projekt – nicht ohne Hindernisse und Probleme / Die Bürokratie macht ihnen zu schaffen

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Sie haben Freundschaft geschlossen: Hekmat (l.) und Hazem Hatta und Kira Ludwig.

Quelle: Philip Schülermann

Stadtmitte. Bei Kaffee und Kuchen sitzen Ralf und Kira Ludwig mit ihren Gästen aus Syrien zusammen – Menschen, die mehr als das sind: Freunde, Familie und Mitbewohner.

Die Hattas sind vor dem Krieg in ihrer Heimat geflohen und in Rostock gelandet. Ein gutes Jahr ist das jetzt her und seither ist viel passiert. Auch Unsicherheit bleibt zurück – und die Aussicht auf ein Happy End.

„Das war eine verrückte Zeit damals“, fasst Kira Ludwig den Anfang der Freundschaft zusammen. Verrückt war die ganze Flüchtlingssituation in der Stadt, verrückt war aber die erste gemeinsame Zeit.

Alles hat damit begonnen, dass Ralf und Kira Ludwig eine Pflegschaft übernehmen wollten. Und „dann rief das Jugendamt an“, erzählt Kira Ludwig.

Als Hazem (16) und Hekmat Hatta (18) in Rostock ankamen, zogen sie in eine WG des Arbeiter-Samariter-Bundes. Als der Rest der Familie dann in Rostock ankam, mussten sie die WG verlassen und mit der Familie in eine Notunterkuft ziehen. Dass die Familie zusammengehört, wäre fast an einen „t“ gescheitert, denn bei den Behörden waren Söhne und Familie mit unterschiedlich geschriebenen Namen registriert – fast wäre sogar ein Gentest nötig gewesen. Dass die Familie nun wieder vereint ist, ist auch dem unermüdlichen Einsatz der Ludwigs zu verdanken. Zu siebt mussten die Hattas zunächst in einem Klassenzimmer schlafen, bis die Ludwigs Hazem und Hekmat zu sich holten. „Am Anfang waren die Jungs sehr schüchtern. Das hat sich leider gelegt“, scherzt Ralf Ludwig.

„Die Grammatik ist sehr schwer“, sagt Hekmat Hatta. „Aber wir haben schnell etwas Deutsch gelernt, weil wir mit Deutschen gewohnt haben.“ Bei ersten Treffen haben sie Gesellschaftsspiele gespielt und Kuchen gegessen. An das erste Mal, als es Hühnchen gab, erinnern sich alle gern mit einem Lachen zurück. Kulinarisch sind die Unterschiede manchmal genauso groß wie sprachlich. Die Bürokratie macht der Familie ebenso zu schaffen. Gleich mehrere Ämter sind für sie zuständig. Hekmat hat an diesem Nachmittag im Gegensatz zum Rest der Familie noch kein dreijähriges Bleiberecht erhalten. Warum, wissen sie nicht.

Die Freunde trinken wieder alle gemeinsam Kaffee: Die Ludwigs, Hazem und Hekmat, ihre Eltern Hasib (Ingenieur) und Hanifa Hatta (Grundschullehrerin) und ihr älterer Bruder Hamza (23, Ingenieur), der als Erster in Rostock angekommen war.

Die Jungs sind mittlerweile wieder ausgezogen, weil die Familie eine Wohnung in Lichtenhagen gefunden hat. Hekmat, der die Berufsschule besucht, schläft hin und wieder aber noch bei Ralf und Kira Ludwig. Die Schule ist von dort einfacher und schneller zu erreichen – und er schläft auch gern etwas länger, verraten die Gasteltern mit einem Augenzwinkern. Ab und zu kommen Nachbarn vorbei, um Hekmat und Hazem zum Fußballspielen abzuholen.

„Sie haben unglaubliche Angst, etwas falsch zu machen“, erzählt Kira Ludwig über die Familie. Sie sei damit kein Einzelfall. Denn die Konsequenzen bei einem Fehler können Flüchtlinge nur schwer abschätzen – schon gar nicht, wenn mehrere Behörden für eine Familie zuständig sind, unzählige Formulare warten und schon ein einziges „t“ eine Familie zerreißen kann.

Zuletzt bahnte sich neuer Ärger an: „Die Familie ist davon bedroht, ihre Wohnung möglicherweise wieder zu verlieren, weil es ständig Mietrückstände gibt, die die Familie aber nicht zu verschulden hat“, blickt Kira Ludwig zurück. „Weil das Jobcenter Anträge verschlampt hat.“ Das habe das Jobcenter sogar zugegeben. Außerdem zähle Hazem noch immer nicht zur Bedarfsgemeinschaft der Eltern, obwohl er Bleiberecht habe. Somit fehlte der Familie nötiges Geld. Nun aber gibt es gute Nachrichten: Hazems Status ist geklärt, das Geld für die Miete fließt. Wieder hat Familie Hatta einen Schritt zum Happy End geschafft.

Weniger Flüchtlinge in der Hansestadt

900 Flüchtlinge lebten im Oktober in etwa in Rostock. Vor einem Jahr waren es noch fast doppelt so viele. 1793 waren nach Rostock gekommen. Im ganzen Land sind die Zahlen rückläufig: Im September sind in MV rund 300 Flüchtlinge angekommen.

Das Amt für Flüchtlingsangelegenheiten und Integration in Rostock soll zum Jahresende aufgelöst werden. Das Amt war angesichts steigender Flüchtlingszahlen im September 2015 eingerichtet worden und regelt unter anderem die Unterbringung und Versorgung der Flüchtlinge.

Philip Schülermann

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