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„Ich wollte leben und groß werden“

Rövershagen „Ich wollte leben und groß werden“

Arbeitsgemeinschaft Kriegsgräberfürsorge arbeitet das Schicksal einer Jüdin und ihrer Retterin auf

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Miriam Brudermann wurde von den Schülerinnen Martha Schuldt und Julia Pürschel (v. l.) befragt. FOTO: MICHAEL SCHIßLER

Rövershagen. Pustow ist ein Örtchen in der Nähe von Greifswald. Den Schülern der Arbeitsgruppe Kriegsgräberfürsorge in der Europaschule Rövershagen dürfte das Dorf kein Begriff gewesen sein, bevor sie im Zuge eines ihrer geschichtlichen Forschungsprojekte auf die Namen Mathilde Böckelmann und Miriam Bruderman stießen. In Pustow hatte die mittlerweile verstorbene Mathilde Böckelmann auf ihrem Gehöft das jüdische Mädchen Miriam vor den Schergen des NS-Regimes versteckt. Gestern berichtete Miriam Bruderman, heute 86 Jahre alt, vor Neuntklässlern über diese Zeit.

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Arbeitsgemeinschaft Kriegsgräberfürsorge arbeitet das Schicksal einer Jüdin und ihrer Retterin auf

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Lange Suche nach Verwandten

„Zwei Jahre hat es gedauert, bis wir Verwandte von Mathilde Böckelmann finden konnten“, sagte Petra Klawitter. Sie leitet als Geschichtslehrerin die Projekte der Arbeitsgemeinschaft Kriegsgräberfürsorge. „Bei Frau Bruderman war es relativ einfach, weil sie auch in ihrer Heimat Vorträge über die damalige Zeit hält. Wir fanden sie schnell im Internet.“ Schwieriger allerdings sei es gewesen, Angehörige von Mathilde Böckelmann ausfindig zu machen. „Wir konnten ihre Tochter erst über Unterlagen ihres Mannes finden“, sagte die Geschichtslehrerin.

Die ehemals verfolgte Miriam Bruderman und die Tochter ihrer Retterin wollten sich gestern noch auf dem Böckelmann’schen Gehöft in Pustow treffen. Das alles hatte seinen Grund. Heute wird Mathilde Böckelmann im Rahmen eines Festaktes im Greifswalder Jahn Gymnasium mit dem Ehrentitel „Gerechte unter den Völkern“ vom israelischen Botschafter ausgezeichnet.

„Wie eine Haustochter“

Einen langen Weg hatte das Mädchen Miriam aus Kall in der Eifel schon mit ihren Eltern zurückgelegt, bevor sie über Berlin und Kaulsdorf bei Mathilde Böckelmann und ihren zwei Kindern auf dem Anwesen Pustow ankam. „Ich wurde dort als Haustochter aufgenommen“, sagte die Seniorin, die insgesamt fünf Monate auf dem Hof verbrachte, bis der Zweite Weltkrieg zu Ende ging.

Ihre Erinnerungen an diese Zeit waren nicht schlecht: „In Pustow fühlte ich mich frei, ich konnte umherstreifen. Das war eine gute Zeit für mich, und sie ging vorbei wie der Wind, es war auch spannend, aber ich hatte viel Angst“, erzählte sie den Schülern, die in der überwiegenden Zahl nur recht zaghaft ihre Fragen stellten.

Das Schicksal der Frau, die als kleines Mädchen „Schweine gehütet“ hatte und „schwere Töpfe schrubben“ musste, um ihren Verfolgern zu entgehen, verbreitete bei ihnen jedoch auch Beklemmung, zumal Miriam Bruderman auch gefährliche Situationen schilderte, die sie im Dritten Reich erlebt hatte. Beispielsweise, als sie ohne Papiere von der Polizei aufgegriffen wurde.

„Es war wie ein Netz über meinem Gedächtnis“, schilderte die alte Frau ihre Jahre danach, als sie schon in Israel lebte. „Mit den Jahren erst kommt das alles wieder“ und „langsam bin ich davon befreit.“ So erzählte Miriam Bruderman dann auch noch von ihrem Abschied aus Pustow. Damals sei ein Auto mit Russen auf den Hof gekommen, man habe sich aus Angst zunächst versteckt, dann aber war sie erleichtert, als sie erkannte, dass ihr Vater und ihr Onkel unter den russischen Juden waren, die sie abholten und nach Berlin zurückbrachten.

Später wurde Miriam Bruderman Krankenschwester beim israelischen Militär, sie heiratete und ist heute Mutter von drei Kindern, hat sechs Enkel und zwei Urenkelinnen.

Im Schatten alter Bilder, die ihren Vater als Lehrer zeigen, sie selbst in einer Handballmannschaft und auch Mathilde Böckelmann, sagt Miriam Bruderman: „Ich bin froh, dass Mathilde Böckelmann die Ehrung Gerechte unter den Völkern bekommt.“ Denn eins hat das jüdische Mädchen auch in Deutschland registriert: „Es gab einige gute Leute, die das Morden nicht ansehen wollten.“

Spuren hat das NS-Regime bei Miriam Bruderman hinterlassen, immer wieder bedauert sie, dass sie im Untergrund kaum Schulen besuchen konnte und sich immer wieder vieles selbst beibringen musste. Dann kommt eine der wenigen Fragen aus dem Kreis der Schüler: „Wie haben Sie das alles durchgehalten?“ Und die Antwort lautet: „Ich wollte leben, ich wollte groß werden, ich wollte Kinder haben.“ Danach fuhr sie dann nach Pustow bei Greifswald.

Auszeichnung für mutige Helfer

Der Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ ist eine Auszeichnung, die vom israelischen Staat verliehen wird. Ausgezeichnet wird nun posthum die aus Pustow bei Greifswald stammende Mathilde Böckelmann. Sie wurde 1907 geboren und starb 1978. Beantragt wurde die Ernennung von der Arbeitsgemeinschaft Kriegsgräberfürsorge der Europaschule. Ausgezeichnet werden Menschen, die in den Zeiten des Zweiten Weltkriegs ihr Leben riskierten, um Juden zu retten. Voraussetzung für die Ehrung ist, dass die Rettungsaktionen nachzuweisen sind. Auch muss ein persönliches Risiko für den Retter bestanden haben. Geld oder andere Leistungen dürfen bei der Hilfsaktion keine Rolle gespielt haben. Der Helfer muss nichtjüdischer Abstammung sein.

In der Gedenkstätte Yad Vashem gibt es eine Abteilung für die Gerechten der Völker. Seit 1963 gibt es eine dort angesiedelte Kommission, die darüber entscheidet, wer in diese Gedenkabteilung aufgenommen werden soll.

Michael Schißler

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