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In Rostock gibt es so viel Brot

Stadtmitte In Rostock gibt es so viel Brot

Seit gut einem Jahr lebt Minsong He aus China als Austauschschüler in Rostock und arbeitet als Praktikant bei der OZ / Der 16-Jährige schreibt über seine Erfahrungen und Erlebnisse in der fremden Hansestadt

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Minsong He (16) hat es besonders verwundert, dass die Deutschen so viel Brot essen.

Quelle: Ove Arscholl

Stadtmitte. Im ersten Monat hatte ich immer das Gefühl, als ob ich in einer anderen Welt wäre. Vor allem beim Essen musste ich mich umgewöhnen: Täglich gibt es normalerweise nur eine warme Mahlzeit. Manchmal am Wochenende fällt sogar eine Mahlzeit aus. Und es gibt immer Brot, Brötchen, Brot. Bei uns in China isst man immer warm. Am Mittag und am Abend. Oft auch zum Frühstück. Die außergewöhnliche Esskultur ist bei uns oft eine regionale Sache. Ich will gar kein Hundefleisch essen. Fleisch von Tauben, Ochsenfröschen und manchmal auch von Schlangen sind aber beliebte Speisen in meiner Heimat. Es stimmt aber nicht, dass es bei uns zum Essen immer einen Glückskeks gibt.

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Seit gut einem Jahr lebt Minsong He aus China als Austauschschüler in Rostock und arbeitet als Praktikant bei der OZ / Der 16-Jährige schreibt über seine Erfahrungen und Erlebnisse in der fremden Hansestadt

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Ich heiße Minsong, bin 16 Jahre alt und verbringe ein Austauschjahr in Deutschland. Ich komme aus einer ostchinesischen Hafenstadt. Aus Ningbo, einer Nachbarstadt von Shanghai mit etwa 3,5

Millionen Einwohnern. Auf der zweitgrößten Insel Chinas liegt meine Heimat. Dort bin ich geboren und aufgewachsen. Ich besuche in China die zehnte Klasse in einer Gesamtschule. Seit vier Jahren lerne ich nun Deutsch. Ich hatte mich ganz spontan für einen Kurs angemeldet. Der dauerte zwar nur ein halbes Jahr, aber ich fand Deutsch toll und habe weiter gelernt. Auch die deutsche Kultur hat mir immer gefallen. Die mittelalterliche Architektur, fortgeschrittene Technik, ordentlicher Verkehr und Fleiß — das verbinden viele Chinesen mit Deutschland. Meine Mutter hat für mich das Auslandsschuljahr organisiert. Und nun bin ich hier — in der Hansestadt an der Ostseeküste.

Die Schule hier in Rostock ist viel lockerer als in China. Viel weniger Hausaufgaben, Mathe ist viel einfacher und die Schulzeit ist kürzer. Am Anfang konnte ich mir kaum vorstellen, dass ich nach der Schule noch so viel Freizeit habe. In China endet der Unterricht erst spät gegen 17 Uhr. Und: In Deutschland werden Themen in der Schule behandelt, die bei uns ausgelassen werden — Sexualität zum Beispiel. Viele Chinesen denken, das sei ein „negatives“ Thema und man sollte sich lieber den positiven zuwenden.

Auch die Kommunikation zwischen den Menschen ist eine ganz andere in Deutschland: Die Rostocker sprechen Dinge ganz offen und direkt an. Die Chinesen sind oft sehr höflich und umschreiben Dinge lieber. Zu Hause sage ich bislang auch noch kaum „Nein“. Ersatzweise würde ich „Vielleicht“ sagen. Das klingt für uns besser.

Klischees über Deutschland gibt es bei uns viele. Zum Beispiel, dass die Deutschen kaltherzig, steif und humorlos sind. Dass die Deutschen aus Angst vor der Strahlung keine Mikrowellen benutzen, dass fast jeder in der Straßenbahn ein Buch liest und dass die Züge immer pünktlich fahren. In Shanghai beklagen sich viele Menschen, dass Fernzüge manchmal einen ganzen Tag Verspätung haben. Und dann heißt es: „In Deutschland würde das nicht passieren“. Auch so manches Klischee über China ist nicht wahr. Es stimmt nicht, dass jeder Chinese einmal im Leben die Große Mauer besucht. Meine Großeltern, meine Mutti und ich haben das noch nicht geschafft.

Als ein sogenannter „Bote der Kultur“ habe ich auch vor, meiner Gastfamilie ein bisschen Chinesisch beizubringen. „Eins, zwei, drei“ lernen alle mit Freude. Meine Gastschwester hat sich sogar schon die Schriftzeichen bis „zehn“ gemerkt. Aber dann hatte sie keine Lust mehr. Es hat sie überrascht, dass ich mindestens 3000 Zeichen kennen muss, um in China eine Zeitung lesen zu können. Insgesamt gibt es sogar 90000 Zeichen in unserer Sprache.

Die meisten Leute, die ich hier kennengelernt habe, trennen zwischen Politik und Kultur, wenn sie über China reden. Viele Deutsche sehen das jetzige politische System in der Volksrepublik kritisch, finden aber die abwechslungsreiche chinesische Kultur recht interessant. Ein Rostocker hat mal zu mir gesagt: Ihm sei bewusst, dass die politische Herrschaft die Verletzung der Menschenrechte zulasse, aber die chinesische Kultur sei umfangreich und erstaunlich. Mit dieser Bewertung kann ich einverstanden sein.

Ich habe durch den Austausch schon jetzt mehr gelernt, als ich mir vorher vorstellen konnte. Ich bin „gezwungen“ nachzudenken, ob ich mich für eine eher traditionsgemäße oder eine nach Freiheit gerichtete Lebensweise entscheide. Eine Mischung davon wäre eine ideale Lösung für mich. Ich habe nur noch drei Monate, um Deutschland zu erkunden. Vor meiner Rückkehr möchte ich noch gerne in den Iga-Park und nach Dänemark. Auch die Erzählungen über den Sommer an der Ostseeküste klingen immer so verlockend. Darüber hinaus will ich noch mein Deutsch verbessern. Bekomme ich das alles hin?

Hoffentlich ja.

Zweitgrößte Wirtschaftsmacht auf der Welt

1,36 Milliarden Menschen leben in der Volksrepublik China. Das sind mehr Einwohner als Nordamerika, Europa und Russland zusammen haben. Gegründet wurde die Volksrepublik nach dem Sieg der Kommunisten im Chinesischen Bürgerkrieg im Jahr 1949. Das politische System wird von westlichen Beobachtern als autoritäre Diktatur beschrieben.

Seit 2011 ist das Land vor Japan zweitgrößte Wirtschaftsmacht und soll laut Experten demnächst die USA als größte Wirtschaftsnation ablösen.

OZ

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