Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° Schneeregen

Navigation:
Integration: Kampf gegen Windmühlen

Sievershagen Integration: Kampf gegen Windmühlen

Afghane sucht zwei Jahre Ausbildungsplatz, nun könnte alles an einer fehlenden Wohnung scheitern

Voriger Artikel
OZ-TV Mittwoch - Autofahrer stirbt nach schlimmem Unfall
Nächster Artikel
Auf dem Kamel zum Zahnarzt

Der gebürtige Afghane Khojaagha Azemi möchte endlich mit seiner Ausbildung zum Tischler durchstarten, doch noch weiß er nicht, ob er die Berufsschule besuchen kann.

Quelle: Foto: Steffen Paul

Sievershagen. Der Ordner neben Sabine Hinz ist bis zum Bersten gefüllt. Hunderte E-Mails hat die ehrenamtliche Helferin geschrieben, Hunderte empfangen. Fast zwei Jahre Ämtermarathon liegen hinter ihr und hinter Khojaagha Azemi. Das alles, um dem afghanischen Flüchtling eine Ausbildung zu ermöglichen, einen neuen Start für ein neues Leben. Doch bis heute gibt es keine endgültige Lösung – und die Zeit drängt. „Ich fühle mich nicht so gut. Ich habe viel versucht, aber es ist nicht so einfach“, erzählt der 22-Jährige.

Vor ein paar Wochen gelang das Undenkbare. Azemi, der aus einer Tischlerfamilie stammt, bekommt eine Ausbildungsstelle bei der Tischlerei Mädche in Dierhagen. „Ich freue mich, wenn jetzt endlich alles klappt“, sagt Azemi. Doch schon nächste Woche könnte sein Traum platzen. „Da sich alles hingezogen hat und viel beantragt werden musste, hat er keinen Internatsplatz bekommen“, erklärt Sabine Hinz. Doch die Berufsschule befindet sich in Wismar, also müsste Azemi täglich pendeln. „Er bräuchte eine Wohnung in Rostock, damit er es schafft und die Fahrten bezahlen kann“, sagt sie besorgt. „Er konnte jetzt nur seine Ausbildung beginnen, weil sein neuer Chef ihn bei sich auf dem Darß untergebracht hat.“ Das sei jedoch nur eine Übergangslösung.

„Er bekommt in Rostock einfach keine Wohnung und das Amt sagt, dass er sie selbst suchen muss. Niemand nimmt einen Asylbewerber ohne geklärten Aufenthaltsstatus.“ Sabine Hinz ist mittlerweile am Ende ihrer Kräfte. Mehrmals dachte sie ans Aufgeben, doch im Stich lassen wollte sie Azemi nicht. Auch der 22-Jährige will an seinem Traum, hier als Tischler zu arbeiten festhalten. „Ohne Frau Sabine wäre ich nicht so weit gekommen. Ich danke ihr vielmals.“

Doch zum Anfang: Mit 21 Jahren kam Azemi mit der großen Flüchtlingswelle nach Rostock. Er und rund 150 weitere Flüchtlinge wurden im provisorischen Flüchtlingsheim „Ziegenkrug“ in Sievershagen bei Rostock untergebracht. „Er ist uns gleich aufgefallen, weil er gut englisch sprechen konnte“, erinnert sich Sabine Hinz. Innerhalb weniger Wochen habe er sich schon auf Deutsch verständigen können.

„Nach drei Monaten konnte er die ehrenamtlichen Helfer als eine Art Dolmetscher unterstützen.“ Aktiv habe sich Azemi bemüht, mitzuhelfen und nicht tatenlos herumzusitzen. Doch als Afghane konnte er nicht viel tun. „Er wollte arbeiten, darf es ohne Arbeitserlaubnis aber nicht“, sagt Sabine Hinz. Auch einen Deutschkurs soll es für Menschen aus Afghanistan zunächst nicht gegeben haben. Azemi hat daher weiter mit den freiwilligen Helfern die Sprache gelernt. Doch ein vorzeigbares Zertifikat konnte er sich dadurch nicht verdienen.

Schließlich schien es bergauf zu gehen. Azemi durfte 2016 an einem Sprachkurs teilnehmen und arbeitete ehrenamtlich als Hausmeister bei der Awo, um seine Sprache weiter zu verbessern. Er bekam das Angebot, diese Arbeit als 450-Euro-Job weiterzuführen. „Das wurde dann jedoch vom Amt wegen der Vorrangprüfung abgelehnt“, erklärt Sabine Hinz. Also hörte Azemi auch mit seiner ehrenamtlichen Arbeit auf.

„Dann wurde er nach Jördenstorf bei Laage verlegt“, sagt die ehrenamtliche Helferin. „Die Anbindung ist schlecht, es gibt nichts zu tun und auch der Deutschunterricht ist nur schleppend angelaufen“, bemängelt sie. So sei einfach keine Integration möglich. „Ich möchte arbeiten, aber ich darf nicht“, sagt auch der 22-Jährige. In Jördenstorf könne man nur kochen, essen und schlafen. „Es ist langweilig. Ich will nicht mehr herumsitzen.“

Und seit der Umverteilung hatte sich die Suche nach einer Arbeit erschwert. „Es war nicht mehr nur die Stadt, sondern auch der Landkreis für ihn verantwortlich.“ Heute weiß die Sievershägerin nicht mehr, bei wie vielen Ämtern sie sich für ihren Schützling eingesetzt hat, wie oft sie bei der IHK und der Handwerkskammer angerufen hat. „Alle rufen immer nach Integration, hier ist ein konkreter Fall, der seit mehr als einem Jahr hätte geklärt werden können.“

Von einem Einzelfall möchte sie nicht mehr sprechen, ihrer Meinung nach sind diese Probleme mit der Integration mittlerweile normal. „Die Ämter schieben die Zuständigkeiten hin und hier, dabei wissen Sie, dass jeder Tag zählt“, sagt die Helferin aufgebracht. Und dies würde nicht nur Azemi betreffen. „Wenn wir wollen, dass Leute in Handwerksbetrieben arbeiten, müssen wir auch etwas für sie tun.“

Gerade Flüchtlinge können nicht auf finanzielle Hilfe von Verwandten bauen oder in eine Unterkunft bei ihren Eltern ausweichen.

Johanna Hegermann

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Rajoy weist Schuld von sich
Am Ende einer Veranstaltung zur Unterstützung des Referendums werden in Barcelona katalanische Fahnen geschwenkt.

Polizisten mit Schlagstöcken und blutende Bürger: Mit aller Macht versucht die spanische Regierung, ein illegales Referendum über die Loslösung Kataloniens zu verhindern. Nach Polizeigewalt sind die Fronten aber noch verhärteter. International herrscht Kopfschütteln.

mehr
Mehr aus Rostock

Vor 25 Jahren wütete vor dem Sonnenblumenhaus der Mob. Vier Tage lang flogen Steine und Brandsätze gegen Flüchtlinge, Vietnamesen und Polizeibeamte. Die Anwohner applaudierten. Der Ausnahmezustand überforderte alle – Politik, Polizei und auch die Presse.

Hier finden Sie eine Multimedia-Reportage zum Thema. mehr

Benjamin Barz ? Ostsee-Zeitung Hilfe Aktion Wohltaetigkeit Teaser der den User auf die Seite "Helfen bringt Freude" führen soll image/svg+xml Image Teaser „Helfen bringt Freude“ 2015-11-30 de Aktion Helfen bringt Freude Seit 27 Jahren engagieren sich unsere Leser zusammen mit der OZ für sozial schwache Familien, Kinder sowie gemeinnützige Projekte in Mecklenburg-Vorpommern. Wie Sie in diesem Jahr helfen können, erfahren Sie hier.
Verlagshaus Rostock

Richard-Wagner-Straße 1a
18055 Rostock

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
9.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Andreas Meyer
Telefon: 03 81 / 36 54 10
E-Mail: rostock@ostsee-zeitung.de

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

OZ-Bild
Weihnachtsbaumverkauf für guten Zweck

Die OZ-Weihnachtsaktion „Helfen bringt Freude“ ist in vollem Gange. Unterstützt wird sie auch von der Stadtforst Ribnitz-Damgarten und der Schauer & Lindner Pflanzenschule in Wiepkenhagen.