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Datenflut aus dem alten Fischerdorf

Warnemünde Datenflut aus dem alten Fischerdorf

Professor Horst D. Schulz hat die Volkszählung von 1819 ausgewertet – mit erstaunlichen Ergebnissen

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Vor 200 Jahren gab es in Warnemünde noch Kinderarbeit.Professor Horst D. Schulz, Heimathistoriker

Warnemünde. Hätten die wenigen Warnemünder bei der Volkszählung im Jahre 1819 gewusst, was Professor Dr. Horst D. Schulz heute alles aus ihren Daten lesen kann, sie hätten sich mit Gewissheit an den Datenschutzbeauftragten gewandt.

Schulz hat die Volkszählungslisten aus dem Jahre 1819 akribisch ausgewertet, die Ergebnisse dieser Arbeit wird er in einem Vortrag im Heimatmuseum vorstellen. Da „rede ich dann von einer ganz anderen Zeit“, sagt Schulz. „Es ist die Zeit des Deutschen Bundes, der damals auch ein Heer haben wollte, und deswegen kam es zur Volkszählung, weil man die Kontingente festlegen wollte.“ Die Erhebungsbögen waren in Deutscher Kanzleischrift abgefasst. „Wenn man sich aber einmal eingelesen hat, fällt es einem nicht schwer, sie zu lesen“, sagt Professor Schulz.

So konnte Horst D. Schulz alles über Alter, Geschlecht, Geburtsort, über Grundbesitz und den Familienstand aus den Unterlagen ersehen. „Insgesamt standen damals 929 Warnemünder in den Listen, aber diese Listen sagten nichts darüber aus, wo die Warnemünder wohnten. Dafür gab es Einwohnerverzeichnisse.“

Beides kombinierte Schulz, „und dann konnte ich einen Ortsplan machen“. Das gelang ihm mit Google Earth, „weil es ja immer noch die alten Häuser und Grundstücke gibt“. Im Wesentlichen bestand Warnemünde damals aus der Straße Am Strom und aus der Alexandrinenstraße, „alles nördlich der heutigen Georginenstraße gab es noch nicht“, hat Schulz festgestellt. Gleichwohl: „Die weitere Besiedlung beginnt in der Friedrich-Franz-Straße.“

In diesen beiden Straßen lebten Menschen mit 98 verschiedenen Familiennamen, „am häufigsten war Evers verbreitet, das lässt darauf schließen, dass Warnemünde überwiegend von Friesen besiedelt worden war – und von Holsteinern, denn der Name Holst ist der zweithäufigste“, hat Professor Horst D. Schulz herausgefunden.

Bei den Berufsangaben war Schulz zunächst erstaunt, denn in den Listen war kein einziger Fischer genannt. Es hat sie trotzdem gegeben, sie verbergen sich hinter der Berufsbezeichnung der Lotsen, hat Schulz herausgefunden. „Offiziell waren es 30 Lotsen, 60 bis 70 werden es wirklich gewesen sein“, sagt er. Fischer und Lotsen – das waren die Männer, die im Alter ab 40 Jahren nicht mehr auf die See hinausfuhren.

In dieser Zeit hatten sie dann schon ihre Familie gegründet. Wie der Seefahrer Jochen Lindemann, der seine Frau aus Kingshall in Irland nach Warnemünde brachte. Nachdem schon die erste Tochter in Kingshall geboren worden war, wurden die beiden noch Eltern von John Jacob Lindemann, der allerdings schon in Warnemünde zur Welt kam.

Wer nicht in eine solche Familie hineinwuchs und Pech hatte, wie viele Witwen in jener Zeit, der konnte sich in Warnemünde damals nur mit Sandtragen über Wasser halten. „Das war aber nur die Arbeit der Frauen und kleinen Kinder“, sagt Horst D. Schulz, „und diese harte Kinderarbeit hat es noch vor 200 Jahren bei uns gegeben.“ Das Sandtragen war notwendig, um Schiffen ohne Ladung den notwendigen Ballast zu geben.

Bei der nächsten Volkszählung im Jahre 1867 sah es dann schon besser mit Warnemünde aus, berichtet Professor Schulz. „Die Einwohnerzahl hatte sich auf 1830 Personen ziemlich genau verdoppelt.

Sandtragen war nicht mehr die zum Lebensunterhalt notwendige Arbeit, sondern eine lästige Pflicht.“ Es lebten nicht nur Fischer in Warnemünde, sondern auch viele andere Handwerker, und es gab Gastwirtschaften, viele Reiche und Hilfspersonal. Es gab Schulen, Lehrer und Schulkinder. 1819 – das ist der letzte Augenblick des wirklich alten Fischerdorfes Warnemünde.

Nach dem Vortrag ist eine CD mit allen Daten im Heimatmuseum verfügbar.

Vortrag: 19. April, 19 Uhr, es gibt noch wenige Karten im Heimatmuseum in der Alexandrinenstraße 31; das Museum ist dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet.

Michael Schißler

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