Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 5 ° Regenschauer

Navigation:
Intendant Kümmritz: „Rostock braucht den Theaterneubau“

Rostock Intendant Kümmritz: „Rostock braucht den Theaterneubau“

Das Volkstheater startet in die neue Spielzeit. Mit vielseitigem Programm und vielen Debatten: ums Geld und die Zahl der Stellen – und um den lange aufgeschobenen Theaterneubau. Ein Interview mit Joachim Kümmritz und Ralph Reichel

Voriger Artikel
Standort für Uecker-Kasten gesucht
Nächster Artikel
Neuer Marteria-Song: Rapper will hochgebeamt werden

Mit „Non(n)sens“ in eine sinnreiche Theatersaison: Musical Comedie eröffnet Spielzeit am Volkstheater Rostock.

Quelle: Frank Hormann / Vtr

Rostock. Am Wochenende startet das Volkstheater Rostock in die neue Saison. Joachim Kümmritz, Intendant und Geschäftsführer des krisengeschüttelten Hauses, und sein Stellvertreter, Schauspieldirektor Ralph Reichel, zum Stand der Diskussionen.

Sie haben vor einem Jahr das Volkstheater im laufenden Betrieb übernommen, ohne Vorbereitungszeit die Spielzeit im laufenden Betrieb entwickelt, quasi eine Havarie-Saison gestaltet. Wie erfolgreich war die?

Joachim Kümmritz: Wir hatten mehr Besucher als im letzten Jahr, also gut 88.000. Das ist für mich nicht befriedigend. Aber ich sehe es auch so: Was wir hier vorgefunden haben, das war so ein Chaos -- dass wir das so über die Runden gebracht haben, grenzt für mich an ein Wunder. Das Entscheidende ist, dass wir mit unseren eigenen Produktionen, rund 10 000 Besucher mehr erreicht haben als mit den eigenen Projekten in der vergangenen Saison. Das ist erstmal ne Richtung, da können wir nicht allzu viel falsch gemacht haben. Aber uns fehlten Gastspiele, die muss man langfristig planen, da konnten wir kurzfristig nur einige organisieren.

Wie wirken sich die Erfahrungen der zurückliegenden Saison aus auf Ihr Programm für die neue Saison 2017/18? Gibt's ein Spielzeitmotto, Schwerpunkte?

Kümmritz: Im Grunde haben wir ein bisschen verfeinert. Im neuen Spielplan beginnen wir mit „Sparschwein“ in der Inszenierung von Johanna Schall auf der Großen Bühne. Die Zusammenarbeit mit Kai Wuschek und dem Berliner Theater an der Parkaue, „Kabale und Liebe“ ab Januar, ist mehr an ein jugendliches Publikum gerichtet. Und „Fame“ zusammen mit dem Tanzhaus ab März, da setzen wir wieder auf ein erfolgreiches Musicals. Solche Positionen aus der vergangenen Saison haben wir einfach verschärft.

Sie haben nach langer Pause die Schiffbauhalle 207 im Stadthafen wieder aktiviert. Aber die Besucherzahlen klingen eher ernüchternd.

Kümmritz: Die Erfahrungen in der Halle 207 sind für mich nicht negativ. Die Produktionen, die wir dort angeboten haben, dazu stehe ich.

Hat sich die Sommersaison in der Halle unterm Strich „gerechnet“? Sie hatten ja vorher sicher Vorstellungen zu Besucherzahlen ...

Kümmritz: Nein, das haben wir nicht geschafft. Wir hatten dort rund 10.000 Besucher, das war nicht mein Ziel. Aber es ist einfach die Aufgabe des Intendanten und der Geschäftsführung, und da haben alle mitgezogen, zu sagen, wir müssen innerhalb des Wirtschaftsplanes woanders Dinge erwirtschaften, um hier nicht ins Minus zu kommen. Und wir werden, toi toi toi, nach existierenden Hochrechnungen mit plus minus Null durchs Jahr kommen.

Ralph Reichel: Ob es sich „gerechnet“ hat, das ist immer eine schwierige Formulierung. Man fragt immer: Rechnet sich die Halle? Aber man fragt nicht: Rechnet sich das Haus? Theater „rechnet sich“ nicht. Aber wir sind im Kostenrahmen geblieben.

Deshalb zurück zu Inhalten, die dürften Theaterbesucher mehr interessieren. Also, gibt es Schwerpunkte, gibt es Erfahrungen, Themenlinien wie „Unartige Kinder“ der vergangenen Saison? Gibt es Rebellisches, Experimentelles, Gediegenes -- oder eine Mischung aus allem?

Reichel: Die Erfahrung von „Unartige Kinder“ ist, dass es sinnvoll ist, inhaltliche Labels zu haben, wo die Besucher Orientierung finden und über mehrere Stücke eine Vertiefung erwarten. Eine Erkennbarkeit von Programm macht Sinn, die zu kommunizieren ist aber schwierig.

Und wie machen Sie das dann?

Reichel: Auf zwei Ebenen. Es gibt drei Programmlinien, die Titel haben: „Knall + All“, „Schön + Gut“, „Hin + Weg“. Aber, was noch viel wichtiger ist, wir grenzen auch die Spielstätten klar ästhetisch voneinander ab. Das große Haus bietet in erster Linie große Inszenierung und eine behutsame Gratwanderung zwischen Klassik und Moderne. Im neuen Ateliertheater, wir tauschen ja Ballettsaal und das AT (was auch für das Ballett gut ist), haben wir schon die Erfahrung, dass sich junge Menschen wohlfühlen; dort soll ganz gezielt ein junges Publikum (jung nicht unbedingt an Jahren sondern an Neugier) angezogen werden. Hier arbeiten junge Regisseure, Regieteams wie Kollektiv 1 oder Prinzip Gonzo: viele neue Handschriften, die in Projekten und Stückentwicklungen Theaterformen für heute entwickeln. Und die Kleine Komödie Warnemünde konzentriert sich auf gehobenen Boulevard, Yasmina Reza und alles, was zu dieser Richtung gehört.

Das heißt dann, auf der großen Bühne läuft nur das Gediegene?

Reichel: Naja, wir schauen am Anfang, ob die großen Dinge funktionieren, also „Aschenputtel“ in der Oper, „Sparschwein“ im Schauspiel -- leicht, unterhaltsam, mit erprobten Regieteams. Das geht weiter mit Kai Festersen, der „Frau Holle“ mit Petra Gorr als Weihnachtsmärchen inszeniert, und „Kabale und Liebe“ ist natürlich der Klassiker auch für Schulen. Und wenn die große Bühne gut angenommen wird, dann können wir dort auch etwas ausprobieren. So kommt am Ende der Spielzeit fellinis „Schiff der Träume“ in der Regie von Konstanze Lauterbach. Großes Projekt, ganz viele Beteiligte. Das wird auch wieder ein Beispiel, wie davor „Fame“, wo wir sagen, wir wollen in die Stadt gehen und wir wollen die Stadt reinholen, auch auf die Bühne holen.

Gab es Rückmeldungen aus dem Publikum oder aus der Stadtpolitik über die eingeschlagene Richtung?

Kümmritz: Nein, und da bin ich auch froh, dass sich die Stadtpolitik nicht einmischt in den Spielplan, das ist unser Job. Aber ich wurde vielleicht 40, 50 Mal angesprochen: Ach, jetzt macht ihr endlich wieder vernünftiges Theater. Ich habe auch vom Publikum in der Halle 207 nichts Negatives gehört.

In den Debatten ums Volkstheater Rostock geht es neben der Zahl der Stellen auch um einen Theaterneubau, der neuerdings um die 100 Millionen Euro kosten soll. Haben Sie den Eindruck, dass im politischen Raum positiv über das Volkstheater gedacht und diskutiert wird?

Kümmritz: Naja, es gab Fraktionssitzungen. Und es muss zu einem Beschluss der Bürgerschaft kommen, und nicht erst im März nächsten Jahres, sondern der muss in den nächsten Monaten kommen. Die neue Bausumme wird natürlich gern angeführt, 100 Millionen klingen hier negativ. Das waren in Wirklichkeit 82 Millionen, wurden Hochrechnungen gemacht für den Fall, dass wir erst 2021 anfangen zu bauen, dann sind Preissteigerungen zu erwarten. Und außerdem steckt in dieser Berechnung ein Risikoaufschlag von 10 Millionen für Unvorhergesehenes. Das finde ich vernünftig, denn man kann nicht den Leuten erzählen, es kostet 82 Millionen und nachher werden es 92 Millionen und alles regt sich wieder auf. Da ist also jetzt sehr seriös gearbeitet worden.

Aber es ist doch ein großer Unterschied zu früheren Zahlen ...

Kümmritz: Ja, aber der Hauptpunkt, den viele möglicherweise übersehen: Dies beruht auf dem Stand der Zielvereinbarung mit dem Land und diesen Eckwerte-Papieren.

Sie meinen jetzt die Dimensionierung des Hauses? Denn die Baukosten waren ja dort mit 50 Millionen beziffert.

Kümmritz: Ja, ein Haus für 250 Beschäftigte, so steht es drin! Das haben alle unterschrieben. Das hat der Oberbürgermeister unterschrieben, der dafür ist, egal, was die Leute alle erzählen. Das kann er natürlich nicht allein entscheiden, aber er hat ne Haltung dazu. Und von anderen habe ich sie bedingt auch gehört. Das Entscheidende ist, dies ist auf der Basis der jetzigen Beschlüsse. Und ich sage es mal jetzt ganz krass: Wenn sie es nicht machen, dann müssen sie das Haus schließen. Denn die 250 Leute, die brauchen Arbeitsplätze, Probenräume, bis hin zu einem Ballettsaal, wenn man weiter Ballett anbieten will. Da hoffe ich, dass es noch zu einer klugen Entscheidung zwischendurch kommt, im Augenblick ist noch der Stand, dass das Ballett zum 31. Juli 2019 geschlossen werden soll. Also das Haus, das in den Beschlüssen steht, kriegt man für 102 Millionen Euro (einschließlich mit Preissteigerungen und Risikoaufschlag).

Und die in den Dokumenten genannte Summe von 50 Millionen?

Kümmritz: Man kann auch ein Haus bauen mit 40 Technikern, Marketing und Kasse, und das für 57 Millionen; für 50 Millionen war das eben nicht. Nun müssen sie sich entscheiden. Ich muss aber sagen: Woanders überlegen sie, ob sie umbauen, für 280 Millionen. Umbauen! In Kassel bauen sie für 340 Millionen, und hier sollen sie für einen Hunderter ein Theater bauen.

Solche Vergleiche sind interessant. Aber passen sie auch?

Kümmritz: Es gibt 38 deutsche Städte mit 200.000 Einwohnern, davon haben 37 fantastische Theater. Nur eine nicht: Rostock. Wir haben ne kaputte Hütte.

Insofern wäre der Neubau alternativlos ...

Kümmritz: Ich kann das Wort alternativlos nicht hören. Aber es gibt für eine stolze Hansestadt keine andere Möglichkeit. Wenn es die einzige Stadt mit 200.000 Einwohnern ist, die nicht den Stolz hat, auch für die darstellende Kunst ein Haus anzubieten, dann muss das die Bürgerschaft so entscheiden. Ich hielte das für ganz falsch. Jedes Ministerium, alle Verwaltungen sitzen hier in besten Büroräumen, alles sauber und ordentlich. Nur die Künstler sind der letzte Dreck? Das kann doch nicht sein. Zum Stolz einer Hansestadt gehört es, auch der darstellenden Kunst in der Breite mit Tanz, Musik logischerweise, mit Norddeutscher Philharmonie und dem Schauspiel und der Oper einen Raum zu geben.

Apropos Musik, wie ist aus Ihrer Sicht die Perspektive der Norddeutschen Philharmonie? Es ist ein namhaftes Orchester, mit genau jenem hansestädtischen Stolz, an den Sie gerade appelliert haben. Es gibt da ja noch einzelne Stellen, um die vor Gericht gestritten wird ... Welche Perspektive sehen Sie?

Kümmritz: Die Norddeutsche Philharmonie hat die Perspektive des Orchesters,  über dessen Stellenzahl man sich einigen muss. Es gab eine Haustarifvertrag, den habe ich gekündigt, weil ich gesagt habe, damit kann keiner arbeiten. Und jetzt schließt sich das zusammen mit dieser Zielvereinbarung, die im Prinzip vorgegeben wurde. Das Land sagt, wir geben soundsoviel Geld ins Theater, die Stadt sagt, wir geben soundsoviel ins Theater. Entlassen werden darf keiner, es muss „rauswachsen“, und jetzt sehen Sie zu, Herr Kümmritz. Da bleibt dir nichts anderes übrig als zusagen, okay, das geht und das auch, aber dort musst du Stellen wiederbesetzen, um alle Bühnen bespielen zu können.

Und wie steht der Konflikt um das Orchester?

Kümmritz: Laut Vorgaben kommt man, bis 2024 gerechnet auf 59 Musiker, was nicht sehr appetitlich ist. Aber 2019 muss die Zielvereinbarung der Stadt mit dem Land neu bestimmt werden. Und da wird man möglicherweise zu einem klügeren Ansatz kommen, nämlich generell zu sagen, was für ein Theater wollen wir. Die Stadt muss sagen (mal als Beispiel): Wir wollen ein Haus mit 70 Musikern, oder mit 66 Musikern, mit 14 Schauspielern, mit acht Tänzern, mit 24 Chorsängern. Aber das sagt ja keiner. Das ist eine unverantwortliche Politik, nicht das Ziel festzulegen, sondern einfach das Geld knapp zu halten und zu sagen, seht mal zu, wie ihr damit zurecht kommt. Deshalb sage ich: Ich muss jetzt meinen Prozess durchkriegen, da ist am 20. Oktober Gerichtstermin, dann werden wir sehen, mit welchem Ergebnis wir weiterdenken können.

Ralph Reichel: Aber, weil darüber Unklarheiten in der Öffentlichkeit bestehen: Der Haustarif ist rechstkräftig gekündigt. Das ist auch nicht Thema des Gerichtsverfahrens, sondern dort geht es nur um die Dauer der Nachwirkungen von einzelnen Bestimmungen aus dem gekündigten Haustarifvertrag.

Seit mehreren Jahren kommt das Orchester ohne Generalmusikdirektor aus. Kein GMD -- wird das ein experimenteller Rostocker Dauer-Sonderweg?

Kümmritz: Nein, weil die Situation etwas unübersichtlich ist, haben wir uns geeinigt, einen Conductor in Residence einzusetzen. Das Orchester hat einen Vorschlag gemacht, ich habe mit ihm verhandelt. Er muss noch unterschreiben, aber wir sind uns einig, er wirkt hier in der Saison vom 1. August 2018 an drei Jahre als Conductor in Residence, das ist ja das neue Wort.

Welche Unterschiede gibt's denn da zu einem Chefdirigenten oder GMD?

Reichel: Es gibt Abstufungen in der Personalverantwortung.

Kümmritz: Also er wird nicht Musiker einstellen dürfen, weil ich mir das weiter vorbehalte. Aber er wird sagen, ich möchte dieses Programm machen, und er wird auch Vorschläge machen für einen Kapellmeister als Gast.

Was sind Ihre Erfahrungen des Besuchs von Oper, Schauspiel, Ballett, Konzert? Es heißt ja oft, Oper liefe nicht so gut in Rostock.

Reichel: Das kann man nicht sagen, die großen Klassiker, also bei uns jetzt „Zar und Zimmermann“, laufen super. „La cage aux folles“ ist die Produktion, wo uns das Publikum die Bude einrennt. Beides kommt auch in der neuen Saison. „Messias“ lief auch toll. Also Aufwand auf der Bühne, Opulenz, zahlt sich in Zuschauerzahlen aus. Das ist unsere Erfahrung, das funktioniert.

Kümmritz: Aber es gibt keinen Schwerpunkt zwischen den Sparten. Überall -- Schauspiel, Oper, Ballett -- gibt es bei den eigenen Produktionen einen ansteigenden Besuch.

Dietrich Pätzold

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Unsere Tipps zum Wochenende
In der Matinee zur Komischen Oper „Aschenputtel“ von Giaochino Rossini gewähren die Regisseurin und beteiligte Künstler im Volkstheater Rostock bereits am Sonntag einen ersten Blick darauf, wie Aschenputtel und sein Prinz ihre Wahl für's Leben treffen.

Das Rostocker Volkstheater läutet am Sonntag die neue Spielzeit ein. Ausfahrten mit historischen Fahrzeugen in Marienehe möglich.

mehr
Mehr aus Kultur

Vor 25 Jahren wütete vor dem Sonnenblumenhaus der Mob. Vier Tage lang flogen Steine und Brandsätze gegen Flüchtlinge, Vietnamesen und Polizeibeamte. Die Anwohner applaudierten. Der Ausnahmezustand überforderte alle – Politik, Polizei und auch die Presse.

Hier finden Sie eine Multimedia-Reportage zum Thema. mehr

Verlagshaus Rostock

Richard-Wagner-Straße 1a
18055 Rostock

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
9.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Andreas Meyer
Telefon: 03 81 / 36 54 10
E-Mail: rostock@ostsee-zeitung.de

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

OZ-Bild
Viel Lob und Ehrungen für Rainer Karl

Kühlungsborner bereiten ihrem aus dem Amt scheidenden Bürgermeister eine große Gala