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Marien-Kanzel überrascht Restauratoren

Stadtmitte Marien-Kanzel überrascht Restauratoren

Kunstwerk in der Kirche ist nicht erst 1574 entstanden / Sanierung nach zwei Jahren beendet

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Entlockten der Kanzel einige Geheimnisse: die beiden Restauratoren Marcus Mannewitz (l.) aus Rostock und Fred Kluth aus Güstrow.

Stadtmitte. Die mehr als 400 Jahre alte Kanzel in der Marienkirche erstrahlt in neuem Glanz: Nach fast zweijähriger Restaurierung ist das in Norddeutschland einmalige Kunstwerk aus der Renaissance gestern feierlich wieder eingeweiht worden. Tilman Jeremias, Pastor der Innenstadtgemeinde, sprach vor rund 70 Gästen von einem besonderen Tag. Die Kanzel sei eines der bedeutendsten Objekte der Marienkirche. „Ich bin froh, dass wir dieses wunderbare Kunstwerk wieder in Gebrauch nehmen können“, so Jeremias.

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Kunstwerk in der Kirche ist nicht erst 1574 entstanden / Sanierung nach zwei Jahren beendet

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Gleichzeitig verkündete der Pastor eine überraschende Entdeckung der beiden Restauratoren Marcus Mannewitz und Fred Kluth: Demnach ist die Marienkanzel nicht erst 1574 entstanden, wie bislang angenommen, sondern bereits in den 30er Jahre des 16. Jahrhunderts. „Wir haben viele Merkwürdigkeiten festgestellt“, erklärte Mannewitz das Phänomen. Einige Buchstaben auf der Kanzel seien zum Beispiel länglich, andere eher rund. Auch habe sich gezeigt, dass teilweise Holz abgeschlagen wurde. „Da wurde viel zusammengestückelt, was aber ein schönes großes Ganzes ergibt“, so der Restaurator, der von einem „Konglomerat“, einer Art Gemisch aus Verschiedenartigem, spricht. Laut Pastor Jeremias gehe die erste Kanzel damit unmittelbar auf die Zeit der 1531 in Rostock eingeführten Reformation zurück.

Insgesamt dauerte die Restauration ein halbes Jahr länger als geplant. Grund war die unvorhergesehene hohe Kontaminierung der Kanzel mit Holzschutzmitteln. „Wir mussten daher mit Atemmasken und Schutzbekleidung arbeiten“, sagte Mannewitz. Die Mehrkosten beliefen sich auf rund 30000 Euro. Zudem waren Schnitzereien aus dem 18. Jahrhundert, wie Engelchen oder Wolken aus Lindenholz, vom Holzwurm völlig zerfressen. Die Einzelteile mussten abgebaut und in der Werkstatt mit einer Lösung gefestigt werden.

Bei ihren Arbeiten entlockten die Restauratoren der Kanzel einige Geheimnisse. Ans Tageslicht kamen zum Beispiel vier völlig unbekannte eingeschnitzte Reliefs männlicher Köpfe — jüngere Männer, einer mit Backenbart. Die Reliefs seien so angebracht worden, dass sie nicht zu sehen gewesen seien. Interessant auch: In den Bildnissen „Kreuzigung“ und „Geburt Christi“ wurden gebrannte Ton-Figuren entdeckt, die nicht aus der Zeit der Renaissance stammen, sondern offensichtlich erst im 19. Jahrhundert angefertigt wurden. Die Figuren waren so angemalt, dass sie nicht von den hölzernen zu unterscheiden waren.

Für die Restauratoren war es eine ungewöhnliche Aufgabe. „Weil es eine besondere Kanzel ist“, sagte Mannewitz. Er und Kluth mussten bei den Arbeiten mehrere Zeitepochen bedenken. Vor der Sanierung waren unter anderem die vergoldeten Holzschnitzereien stark verschmutzt.

Die Restaurierung war ein Projekt des Fördervereins „Stiftung St. Marien zu Rostock“ und kostete 171 000 Euro. Neben vielen Einzelspendern steuerten unter anderem auch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Ostseesparkasse (Ospa) Rostock und die Rudolf-August-Oetker-Stiftung Geld für die Arbeiten bei. „Die Kanzel ist toll gemacht“, sagte Karsten Pannwitt, Vorstandsmitglied der Ospa. Die vielen Details seien sehr spannend. Für die Ospa ist es das dritte Projekt, das in der Marienkirche gefördert wird. Pannwitt sprach von einer insgesamt sechsstelligen Summe.

Viel Applaus erhielt Ralf Schinke vom Ortskuratorium Rostock der Deutschen Stiftung Denkmalschutz. Er sicherte der Marienkirche auch für weitere Projekte Unterstützung zu. Bald wird wohl die Orgel erneuert werden müssen — hier sei dann ein siebenstelliger Betrag nötig, sagte Pastor Jeremias.

Einzigartig sind die vergoldeten Holzschnitzereien

10 Meter ist die Kanzel in St. Marien fast hoch. In ihrer jetzigen Form wurde sie 1574 von Rudolf Stockmann gebaut. Wie sich nun zeigte, ist die Urform der Kanzel bereits in den 30er Jahren des 16. Jahrhunderts entstanden.

Tischler Friedrich Möller und Bildhauer Hartich ergänzten 1732 den Schalldeckel. Nach mehr als 400 Jahren war das Kunstwerk verschmutzt, verschlissen und beschädigt. Einzigartig sind die vergoldeten Holzschnitzereien. Durch sie entsteht der Eindruck eines Natursteinbauwerkes.

Von André Wornowski

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