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Der letzte Akt im Drama „Latchinian“?

Stadtmitte Der letzte Akt im Drama „Latchinian“?

Seit Dienstag ist die Entlassung des Theater-Chefs ein Fall für das Gericht

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Zurück auf der (politischen und juristischen) Bühne: Sewan Latchinian (r.) klagt gegen seine Kündigung als Theater-Intendant – und wird vor Gericht von Gregor Gysi vertreten. FOTOS: DIETMAR LILIENTHAL

Stadtmitte. . Ein knappes halbes Jahr war von ihm nichts zu hören oder zu sehen. Doch nun ist Sewan Latchinian zurück im Rampenlicht. Allerdings nicht auf der Bühne des Volkstheaters, sondern im wenig glamourösen Verhandlungssaal E.037 des Rostocker Landgerichts. Seit gestern wird dort über seinen fristlosen Rauswurf als künstlerischer Geschäftsführer des Theaters verhandelt. Im Juni hatte die Stadt Latchinian vor die Tür gesetzt – wegen unüberbrückbarer Differenzen. Der Intendant klagt gegen die Kündigung, will wenigstens eine Abfindung bekommen und hat sich dafür einen prominenten Rechtsbeistand genommen – Linken-Politiker Gregor Gysi. Nach der mündlichen Verhandlung gestern sind immerhin zwei Dinge klar. Erstens: Der Ausgang des Verfahrens ist noch völlig ungewiss. Zweitens: Die Fronten zwischen dem Theatermacher und seinem (Ex-)Dienstherrn, Oberbürgermeister Roland Methling (UFR), bleiben verhärtet.

 

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Die Schwelle war erreicht. Es geht so nicht mehr.Wulf Thiel Anwalt des Theaters

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Ich habe lange nachgedacht. Aber ich schwanke.Christian Möllenkamp Richter

Der Richter schwankt

Mit Spannung war der Prozess- Auftakt erwartet worden. Das Gericht selbst hatte sogar mit einem regelrechten Ansturm auf die wenigen Besucherplätze gerechnet. Wer dabei sein wollte, musste sich vorab anmelden. Schließlich war die Welle der Unterstützung für den Ex-Intendanten nach seinem Rauswurf riesig. Am Ende kamen aber nicht mal 20 Zuhörer zum Prozess. Und die musste Richter Christian Möllenkamp dann auch noch enttäuschen, wie er selbst sagte: Nein, er werde nicht darüber urteilen, ob die Theater-Strukturreform in MV „richtig oder sinnvoll“ sei. „Es geht allein um die Kündigung.“

Wer geglaubt hatte, Latchinian werde die Bühne nutzen, kam ebenfalls kaum auf seine Kosten: Während der Verhandlung blieb er allenfalls Nebendarsteller. Einzige Ausnahme: das klingelnde Handy in seiner Jackentasche. Die Hauptrollen übernahmen sein prominenter Anwalt und der Richter selbst. Möllenkamp nutzte den Auftakt, um ausführlichst die Rechts- und seine persönliche Gefühlslage zu erläutern. Als „Bürger Rostocks“ habe er den Streit um Latchinian „mit sehr viel Interesse verfolgt.“ Er habe viel nachgedacht. Eine Entscheidung, ob die Kündigung rechtens war, sei noch nicht gefallen. „Ich schwanke. Drei Mal am Tag.“

Stadt will keinen Vergleich

Dabei ist der Sachverhalt klar – jedenfalls aus Sicht des Volkstheaters, der Stadt und ihres Anwalts Wulf Thiel. Das Maß für Latchinian sei einfach voll. Er habe in Interviews offen gegen die Entscheidungen des Aufsichtsrates und der Rostocker Bürgerschaft rebelliert. Er habe „unwahre Tatsachen“ über einen Stellenabbau verbreitet. Dass Latchinian einst die Kulturpolitik im Nordosten mit dem IS verglichen hatte, war nicht mal mehr der Rede wert. Juristisch viel wichtiger sei, dass der Intendant in E-Mails – auch an den Betriebsrat – seine Verschwiegenheitspflicht missachtet habe.

„Jeder einzelne Punkt für sich mag eine fristlose Kündigung nicht rechtfertigen“, so Thiel. „Aber das alles steht am Ende einer Kette von Vorfällen. Es ist der Punkt erreicht, an dem es nicht mehr geht.“ Genau deshalb wolle das Volkstheater auch keinen Vergleich. Ein Urteil soll her. Notfalls in der nächsten Instanz.

Sind Künstler Anarchisten?

Richter Möllenkamp sieht das hingegen nicht so eindeutig: Ja, dass Latchinian Infos an den Betriebsrat gegeben und sich dort „Verbündete“ gegen neue Struktur-Modelle seines Mit-Geschäftsführers Stefan Rosinski gesucht habe, das könnte eine Pflichtverletzung gewesen sein. Aber Latchinian sei eben nicht nur ein normaler Geschäftsführer, sondern ein künstlerischer. „Und diese Rolle ist möglicherweise schon ein Widerspruch an sich“, so der Richter. Der Geschäftsführer habe wirtschaftliche Interessen im Fokus. „Ein Künstler hingegen ist eine Person, die auch etwas anarchisch sein darf. Künstler sollen provozieren, Ideen geben. In diesem Spannungsfeld bewegen wir uns.“ Mit anderen Worten: Hat Künstler Latchinian etwas getan, was der Geschäftsführer nicht hätte tun dürfen?

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Noch drei Wochen Wartezeit

Für all jene, die bisher nur den Politiker Gregor Gysi kannten, hielt sich der Anwalt Gysi überraschend zurück. Doch eine Steilvorlage des Richters musste er einfach nutzen: Im Volkstheater seien die Rollen klar verteilt gewesen. Der kaufmännische Chef Stefan Rosinski (mittlerweile Theater-Chef in Halle) hatte sich um das Geld zu kümmern, Latchinian um die Kunst. „Und soll ein Intendant wirklich ,Bravo’ rufen, wenn an seinem Theater eindeutig gespart und Personal abgebaut werden soll?“

Noch weiß Richter Möllenkamp darauf keine Antwort. Er brauche Zeit bis zum 13. Dezember. „Ich habe kein schlechtes Gefühl“, sagte Gysi nach der Verhandlung. Und Latchinian ergänzt: „Schade, dass es noch drei Wochen dauert, bis mir Gerechtigkeit widerfährt.“ Gewinnt er den Prozess, will er zurück auf die Bühne. Dieses Mal auf jene des Volkstheaters. Obwohl dort längst ein anderer das Sagen hat:

der neue Intendant, Joachim Kümmritz.

Andreas Meyer

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