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Volles Haus bei verbotenem Defa-Film

Kröpeliner-Tor-Vorstadt Volles Haus bei verbotenem Defa-Film

Zur Vorführung von „Denk bloß nicht, ich heule“ von 1965 im Liwu erklärte Darsteller Peter Reusse seine Sicht

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Alle 160 Plätze im Liwu waren Dienstag besetzt, als der in der DDR verbotene Film „Denk bloß nicht, ich heule“ gezeigt wurde. Fotos (3): Jens Wagner

Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Großer Andrang bei verbotenem Defa- Film: Im ausverkauften „Metropolis“-Kinosaal (160 Sitzplätze) des Lichtspieltheaters Wundervoll, kurz Liwu, ist am Dienstagabend „Denk bloß nicht, ich heule“ aus dem Jahr 1965 gezeigt worden. Ein Jugenddrama um junge Liebe und Rebellion in Schwarz-Weiß — es gehörte zu den Filmen, die im Dezember 1965 vom 11. Plenum des Zentralkomitees der SED zensiert worden war — und somit DDR-Bürgern bis nach der Wende auf der Leinwand verwehrt geblieben ist.

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Zur Vorführung von „Denk bloß nicht, ich heule“ von 1965 im Liwu erklärte Darsteller Peter Reusse seine Sicht

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Die besondere Filmreihe gehört zu einer Kooperation zwischen dem Institut für Medienwissenschaft der Uni Rostock und dem Liwu. In seinem Seminar „Das Kahlschlag-Plenum und die Defa-Verbotsfilme von 1965/1966“ zum 50. Jahrestag hat der Medienwissenschaftler Andy Räder mit seinen Studenten versucht, Gründe für die Zensur zu ermitteln. Ihre Forschungsergebnisse stellen sie nun wöchentlich bis Anfang Mai bei jedem Film dem Publikum vor. Auch Gäste, etwa die Schauspieler oder Regisseure der Filme, sind als Diskussionspartner im Kino dabei. Am Dienstagabend gab sich Hauptdarsteller Peter Reusse — auch als James Dean des Ostens bezeichnet — die Ehre, der im Gespräch mit zwei Studenten und der Politikwissenschaftlerin Gudrun Heinrich über seinen Film sprach. Und sich überrascht zeigte, dass er damals verboten wurde. „Das habe ich auch nur aus der Zeitung erfahren“, erzählte er den Zuschauern.

Bei „Denk bloß nicht, ich heule“ dürften — so die Vermutung von Dozent und Seminarteilnehmern — die rechtsradikalen Tendenzen zur Zensur geführt haben. Als Schlüsselszene gilt die Passage, in der Schüler ihren Lehrer in einer Ruine in Weimar verprügeln und dieser ihnen unterstellt, sie passten „in diese Nazi-Halle“. Zu viel für die SED-Führung. „Denn die Führungsebene war antifaschistisch eingestellt, weil sie selbst als Kommunisten im Dritten Reich verfolgt worden waren. Offiziell gab es für sie keinen Rechtsradikalismus in der DDR“, erklärte Räder und ergänzte, dass es diesen nach heutigen Erkenntnissen wohl aber in der Bevölkerung gegeben habe.

Peter Reusse, der in dem Streifen den aufmüpfigen Schüler Peter Naumann mimt, bestätigte in der Diskussionsrunde, dass in der DDR rechte Tendenzen im Keim erstickt werden sollten. „Hitler oder auch das Dritte Reich waren bei uns Antithemen. Da kam nichts auf, was die Geschehnisse dieser Zeit infrage stellen konnte. Ich war bis zur Wende auch immer der Meinung, dass die Aufarbeitung des Faschismus bei uns erfolgreicher bewältigt wurde als in den westlichen Nachbarländern.“ Auf die Frage der Studenten, ob der Satz des Lehrers bereits damals auf neofaschistische Tendenzen in der DDR hinweisen sollte, sagte er: „Nur weil da so ein Satz fiel, würde ich es als übertrieben empfinden, das als Keimzelle anzusehen.“

Dozent Andy Räder ist zufrieden und überrascht von der Publikumsresonanz und ergänzte am Rande noch, welchen tollen Nebeneffekt das Seminar gehabt habe: „Ostsozialisierte Studenten haben mit Eltern und Großeltern plötzlich intensiv über Filme und den Alltag der DDR gesprochen.“

Die Reihe wird kommende Woche fortgesetzt. Aufgrund der großen Nachfrage empfiehlt das Liwu, Karten vorzubestellen. Denn obwohl die Veranstaltung nach dem Start von der „Frieda“ ins größere „Metropolis“ umgezogen ist, konnten Dienstag abermals nicht alle Interessierten Film und Diskussion erleben und mussten wieder nach Hause geschickt werden.

Die nächsten verbotenen Filme im Liwu

Im Lichtspieltheater Wundervoll (Liwu) , Saal „Metropolis“, Barnstorfer Weg 4, präsentieren Studenten ihre Seminarerkenntnisse über fünf Filme, die vom Zentralkomitee der SED-Führung 1965 zensiert worden waren.

Die nächsten Filme: 19. April „Spur der Steine“ (1966, Gast: Historiker Mario Niemann), 27. April „Karla“ (Gast: Hauptdarstellerin Jutta Hoffmann), 3. Mai „Jahrgang 45“ (Gast: Regisseur Jürgen Böttcher). Beginn jeweils 19 Uhr.

Von Claudia Tupeit

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