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Wiederentdeckt: Tschirchs vergessenes „Hohelied“

Rostock/Ahrenshoop Wiederentdeckt: Tschirchs vergessenes „Hohelied“

Der expressive Liebes-Zyklus des Rostocker Malers sorgte 1923 für Aufsehen in Mecklenburg. 90 Jahre lang war er verschwunden, aber nun wird er wieder gezeigt – in Ahrenshoop. Ein Rostocker hat die Werke durch einen Zufall entdeckt.

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Bilder aus der Serie „Das Hohelied Salomos“ von Egon Tschirch.

Quelle: Thomas Häntzschel

Rostock/Ahrenshoop. Was für eine Überraschung! Ein Rostocker Arzt sucht im Internet nach einer schönen Stadtansicht von Egon Tschirch und findet – weit weg von der Warnow – eine ganze Reihe expressiver Gemälde mit expliziten Liebesszenen, signiert 1923 von eben jenem Maler, der damals als junger Mann in ganz Mecklenburg gefeiert wurde. Aber diese Bilder hatte keiner mehr auf dem Zettel: Sonnenstrahlen und Wellen in Rot und Gelb und Blau. Mann und Weib, nackte Leiber eng umschlungen, gereckte Arme in gleißendem Licht. Zwei Dutzend großformatige Kartons insgesamt, überflutet in immer neuen Strudeln von einem Malstrom pulsierender Energie.

DCX-Bild

Der expressive Liebes-Zyklus des Rostocker Malers sorgte 1923 für Aufsehen in Mecklenburg. 90 Jahre lang war er verschwunden, aber nun wird er wieder gezeigt – in Ahrenshoop. Ein Rostocker hat die Werke durch einen Zufall entdeckt.

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Über 90 Jahre lang waren sie versteckt, in Laken eingewickelt, verschwunden, vergessen. Dass sie jetzt wieder zu sehen sind, nennt Katrin Arrieta, Leiterin des Kunstmuseums Ahrenshoop „eine kleine kunsthistorische Sensation“. Das Museum zeigt den wiederentdeckten Tschirch-Zyklus ab Samstag als Teil seiner Jubiläumsschau zum 125. Geburtstag der Künstlerkolonie. Unter dem Titel, mit dem die beseelte Serie schon bei der ersten Ausstellung am Ostersonntag 1923 im Rostocker Museum für Aufsehen gesorgt hatte: „Das Hohelied Salomos”.

Bilderbündel über Jahre im Keller versteckt

Ein famoser Fund, der nicht kunstwissenschaftlicher Forschung, sondern einer Reihe glücklicher Zufälle zu verdanken ist. Zufällig war der an Rostocker Stadtgeschichte interessierte Dr. Ulf Kringel in einem Internetforum auf einen bereits fünf Jahre alten Eintrag gestoßen, in dem zwei der Liebesgemälde Tschirchs abgebildet waren – versehen nur mit einem Kürzel. Zufällig gelang es ihm, die in Leverkusen ansässige Familie noch ausfindig zu machen. Die hatte seinerzeit etwas über ein auf sie gekommenes Bilderbündel herausfinden wollen, das 2008 beinahe entsorgt worden wäre – nachdem es über mehrere Generationen in einem Berliner Keller versteckt gewesen war.

Die Erben der Nachfahren eines Grafiker-Kollegen von Tschirch hatten es nicht übers Herz gebracht, die freizügig-erotischen Kartons wegzuwerfen. Sie rahmten einige für die eigenen vier Wände, wickelten die anderen wieder ein, stellten zwei davon ins Netz – und staunten, als sich Jahre später der Rostocker bei ihnen meldete. Neugierig fuhr Kringel nach Leverkusen und schaffte es mit Enthusiasmus und der Versicherung, nicht aus kommerziellem Interesse zu handeln, einen Großteil der Bilder privat zu erwerben. Er wollte sie für seine Heimatstadt sichern und holte sie persönlich nach Rostock. Dort zeigte er seinen Schatz – jetzt schon nicht mehr zufällig – der Chefin des Ahrenshooper Kunstmuseums, und die war begeistert.

Verbindung zu Ahrenshooper Künstlern

„Ich konnte die Entdeckerfreude teilen“, erinnert sich Arrieta, und war spontan darauf aus, diesen Zyklus möglichst bald an die Öffentlichkeit zu bringen. „Ich sah in diesen Bildern Parallelen zu dem großartigen grafischen Bibelzyklus des Berliner Künstlers Willy Jaeckel, der ab Mitte der 20er Jahre auf Hiddensee gemalt hat. Überdies war Tschirch selbst in Ahrenshoop präsent, er gehörte zum Freundeskreis des hier ansässigen Hinstorff-Verlegers Peter E. Erichson und seiner Lebensgefährtin Line Ristow. Noch interessanter aber ist die inhaltliche Klammer, die Tschirch mit den Ahrenshooper Künstlern verbindet: Die Darstellung von Menschen in Wind und Wetter und dem Licht am Meer.“

Bekannt und beliebt ist der 1948 verstorbene Maler hierzulande vor allem durch seine Landschaften, Stadtbilder und Blumenstillleben. Kaum eine Auktion ohne einen schönen Tschirch! Nur Kenner wissen, dass der Künstler als junger Mann so expressiv unterwegs war. Beispiel dafür sind etwa die Gemälde „Warnowfischer“ (1923, Kunsthalle Rostock) oder „Boote mit Fischern“ (1922, Kulturhistorisches Museum Rostock).

Tschirch von Nazis als „entartet“ diffamiert

Die Tschirch-Expertin Heidrun Lorenzen findet die Wiederentdeckung der Hohelied-Bilder ganz erstaunlich. „Ich wusste, dass es sie gegeben hat – aus alten Zeitungsartikeln“, sagt die ehemalige Leiterin des Rostocker Museums, aber es gab keine Spuren aus dieser Zeit, auch keine Abbildungen”. Die Kunstwissenschaftlerin vermutet, dass Tschirch, der zur zweiten Generation der Expressionisten gehörte, seinen „Hohelied-Zyklus“ mit Absicht weggegeben hat – wie auch im Schweriner Museum einige seiner Bilder vorsorglich in der Studiensammlung versteckt worden sind. Von den Nazis wurde Tschirch jedenfalls nicht als „entartet” diffamiert.

Über Jahre hatte sich der Künstler mit dem urmenschlichen Bibel-Thema beschäftigt, über 50 Bilder dazu gemalt und schließlich 19 davon für die Osterschau 1923 in Rostock ausgewählt. Schon im Folgejahr wurde die Ausstellung in der Landeshauptstadt gezeigt. Das Echo fiel damals euphorisch aus. Tschirch habe „an sich die höchsten und darum schwierigsten Anforderungen gestellt und eine Jubelhymne geschaffen von Licht, Farbe und körperlicher Bewegtheit“, schrieb etwa der Schweriner Museumsdirektor, Dr. Heinrich Reifferscheid. Und die Zeitung „Mecklenburger Warte“ hatte schon ein Jahr zuvor begeistert gefragt: „Wo ist der Kunstfreund, der die Mittel dazu hergibt, daß dieses hohe Lied von dem Streben eines heimischen Künstlers für unsere Vaterstadt erhalten bleibt?“ Diese Frage ist gut 90 Jahre später beantwortet, auch wenn das „Hohelied“ vorerst in Ahrenshoop zu sehen ist.

Für Rostock hat Ulf Kringel aber schon eine Idee: „Ostersonntag 2023 – genau 100 Jahre nach der Erstpräsentation – wird dieser Tschirch-Zyklus erneut am Originalschauplatz gezeigt, in der jetzigen Societät. Wie wäre das?“

Eröffnung der Schau am Samstag um 11 Uhr im Kunstmuseum Ahrenshoop

Zur Person: Tschirch schuf außergewöhnlich leuchtende Bilder

Egon Tschirch, geboren 1889 als Sohn eines Goldschmiedemeisters in Rostock, studierte in Berlin am Kunstgewebemuseums, an der Königlichen Kunstschule und an der Königlichen Akademie der bildenden Künste. Ab 1913 arbeitete er als freischaffender Maler in Rostock. Eindrücke einer Studienreise nach Südfrankreich und Tunesien im selben Jahr beeinflussten sein Schaffen, das sich in den 1920er Jahren zu einem Rausch der Farben steigerte. 1918 ließ er sich endgültig in Rostock nieder.

Für Aufsehen sorgte 1922 seine avantgardistische Gestaltung mehrerer Häuserfassaden in rot, blau und gelb. Als Maler probierte er sich in Impressionismus, Expressionismus und Realismus aus und schuf außergewöhnlich leuchtende Bilder. Neben Rudolf Bartels, Bruno Gimpel, Hans Emil Oberländer und Thuro Balzer gehörte er zu den Gründern der Vereinigung Rostocker Künstler. Ab den 1930er Jahren bevorzugte er eine mehr der Natur verpflichtete Malweise. Mit den Nazis arrangierte er sich, trat 1933 sogar in die NSDAP ein.

Die Bombardierung Rostocks im April 1942 beendete seine bürgerliche Existenz. Tschirch starb 1948. Sein Nachlass wird im Kulturhistorischen Museum Rostock aufbewahrt, weitere Arbeiten von ihm befinden sich im Staatlichen Museum Schwerin, im Deutschen Historischen Museum Berlin, im Folkwang Museum Essen, in Leipzig und in Stralsund. Ein Werkverzeichnis existiert bisher nicht, von vielen Arbeiten in Privatbesitz ist auszugehen.

Jan-Peter Schröder

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