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Naturschützer fordern mehr Anarchie im Garten

Rostock Naturschützer fordern mehr Anarchie im Garten

Eifrige Rasenmäher in der Kritik. Botanikerin: Einheitsgrün gefährdet Tier- und Pflanzenwelt.

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Viele Gärtner mähen ihren Rasen regelmäßig. Naturschützer aber warnen vor allzu akkurat gestutztem Einheitsgrün.

Quelle: Archiv

Rostock. Samstag im Garten: Die Sonne lacht, der Kaffee schmeckt, die Vögel zwitschern lieblich. Plötzlich zerreißt ein „Wrrrrrummm“ die Idylle. Der Nachbar schmeißt den Rasenmäher an. Kaum hat er sein Grün gestutzt, da dröhnt’s auf dem nächsten Gehöft. Die beständige Geräuschkulisse mag manchem den Tag im Freien vermiesen. Für Naturschützer ist sie alarmierend. Viele Gärten im Nordosten seien mittlerweile „sterile, grüne Wüsten“, in denen Ordnung mehr gelte als Vielfalt, kritisiert Anja Kureck, Botanikerin beim Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu). Damit gingen wichtige Lebensräume für heimische Tiere und Pflanzen verloren. Die Biodiversität sei gefährdet.

Gerade, dass jeder selbst entscheiden könne, wie er sein Grundstück beackert, mache den Reiz privaten Eigentums aus, kontert Eva Neumann vom Verband Haus&Grund. Naturnah oder akkurat: „Jede Form der Gartengestaltung hat ihre Berechtigung.“

Anja Kureck fordert mehr Wildwuchs statt Einheitsgrün. Wer nicht im Wochenrhythmus bis in die hinterste Ecke mähe oder beim kleinsten Kraut die Chemiekeule bemühe, könne Zufluchtsorte für Insekten und Vögel schaffen. Für die würden Gärten immer wichtiger, denn die intensive Agrarwirtschaft verdränge viele Arten aus ihren Refugien in der freien Natur. Gleiches drohe auf privatem Grund. Aus zahlreichen Gärten seien Maikäfer, Grille, Biene und Schmetterling verschwunden, weil sie dort kein Futter fänden. Gleiches gelte für Vögel. „Wenn es so weitergeht, stürzt das Nahrungsnetz ein wie ein Kartenhaus.“ Es gebe „immer mehr Leute, die ihre Eigenverantwortung nicht wahrhaben wollen. Jeder findet Schwalben schön, aber bitte nicht am eigenen Haus“, kritisiert Kureck. „Dabei haben wir alle eine ökologische Verantwortung. Wir sind von der Natur abhängig.“ Der „übertriebene Ordnungswahn ist auch ein Stück Gruppenzwang“, vermutet sie. „Wenn bei den Nachbarn alles wie mit der Nagelschere gestutzt aussieht, tanzt man nicht gern aus der Reihe.“ Wer es trotzdem wage, müsse damit rechnen, als Sonderling zu gelten.

Doch auch eifrige Mäher können sich Stress mit den Nachbarn einhandeln. „Lärm ist ein ganz häufiges Streitthema“, sagt Haus&GrundFachfrau Eva Neumann. Das ließe sich vermeiden, wenn man die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalte. Das klappt nicht überall. So groß, dass deshalb die Polizei anrücken muss, ist der Ärger aber offenbar selten. Seit Mai hätten seine Kollegen 32 Einsätze wegen Ruhestörung gehabt, sagt Gert Frahm von der Polizeiinspektion Güstrow. „Nur einer davon war wegen Rasenmähens.“ Häufiger würden die Beamten gerufen, weil eine Gartenparty zu laut sei. Krach von nebenan erhitze zwar die Gemüter. „In den seltensten Fällen wird eine Anzeige daraus“, sagt Frahm. Meist genügten ein paar mahnende Worte, damit Ruhe einkehre. „Vieles regelt sich, wenn man miteinander spricht.“

Anja Kureck hofft, dass auch ihr Appell Wirkung zeigt. Anja Kureck hofft, dass auch ihr Appell Wirkung zeigt. Niemand müsse sein Grundstück komplett zuwuchern lassen. „Aber wenn mehr Gärtner ein paar Gänseblümchen, Löwenzahn oder Weißklee blühen ließen, wäre viel gewonnen.“

Antje Bernstein

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