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Plagiatsjäger nehmen Schummel-Doktoren ins Visier

Stadtmitte Plagiatsjäger nehmen Schummel-Doktoren ins Visier

Netzkollektiv Vroniplag wirft zwei Medizinern Betrug vor / Uni Rostock prüft Promotionen / Zwei mutmaßliche Hochstapler kämpfen vor Gericht um ihre Titel

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Plagiate müssen in Biblio- theken deutlich kenntlich gemacht werden.“Debora Weber-Wulff, Vroniplag Wiki

Stadtmitte. Zum „Dr. med.“ geschummelt? Die Uni Rostock prüft, ob sie einer Medizinerin ihren Doktortitel entzieht. Sie soll bei ihrer Promotion in großem Stil von anderen Autoren abgekupfert haben. Das Netzkollektiv Vroniplag Wiki hat auf 14 ihrer 41 Seiten umfassenden Arbeit verdächtige Stellen entdeckt.

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Netzkollektiv Vroniplag wirft zwei Medizinern Betrug vor / Uni Rostock prüft Promotionen / Zwei mutmaßliche Hochstapler kämpfen vor Gericht um ihre Titel

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Mediziner promovieren am häufigsten

313 Promotionen hat es im vergangenen Jahr an der Universität Rostock gegeben — 109 mehr als im Jahr 2013. 40 Prozent der erfolgreich abgeschlossenen Promotionen entfallen auf Fachgebiete der Universitätsmedizin. 30 Prozent auf das Fächerspektrum der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät.

Debora Weber-Wulff hat deshalb die Uni eingeschaltet. Die Berliner Professorin zählt zu Deutschlands bekanntesten Plagiatsjägern und hat mit ihren Vroniplag-Mitstreitern schon Politiker wie Silvana Koch-Mehrin um ihre Doktorwürde gebracht. Auch einen weiteren Rostocker Absolventen hatte sie bereits im Visier: 2014 informierte Weber-Wulff die Uni über einen vermeintlichen Hochstapler. Er soll nahezu die Hälfte seiner Doktorarbeit kopiert haben. Das Prüfverfahren gegen den Mann, der heute als Kinderarzt an einer Berliner Klinik praktiziert, läuft noch. Zwei mutmaßliche Trickser kämpfen indes gerade vor Gericht um ihren Doktorgrad. Den hatte ihnen die Uni wegen Betrugs entzogen.

Die Angst vor solchen Prozessen sei einer der Gründe, weshalb sich manche Hochschulen nur widerwillig mit Plagiaten befassen, sagt Weber-Wulff. Dabei hätten sie nichts zu befürchten, „solange sie selbst vorschriftsmäßig handeln“. Insbesondere bei Promotionen hätten Unis die Pflicht, geistigen Diebstahl aufzuklären. „Sie haben eine Verantwortung gegenüber der wissenschaftlichen Gemeinschaft.“

Die Uni nehme jeden Betrugsvorwurf ernst, betont Justitiar Dr. Peter Volle. Seitdem prominente Plagiateschreiber, wie Ex-Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, enttarnt seien, schaue man bei Abschlussarbeiten noch genauer hin. Folge: Prüfungsausschüsse müssten sich heute weit häufiger mit mutmaßlichen Täuschmanövern befassen, sagt Volle. Wie viele Plagiate so entdeckt werden, könne er nicht sagen. Betrugsversuche würden nicht zentral, sondern an den Fakultäten erfasst. Und die würden meist nur ein „nicht bestanden“ vermerken, aber nicht, ob geistiger Diebstahl der Grund dafür war. Viele Schummler bleiben unentdeckt, vermutet Volle.

Plagiate seien selbst für mit der Fachliteratur bestens vertraute Prüfer nur mit immensem Aufwand zu erkennen. Für Textabgleiche setzen die Fakultäten zwar auch PC-Programme ein. Die Software sei aber nur eine Stütze und diene eher der Abschreckung, betont Volle. Viel wichtiger sei ein aufmerksamer Prüfer. Stilbrüche im Text oder eine plötzliche Leistungssteigerung eines bis dahin schwachen Kandidaten — solche Details könnten Hochstapler verraten.

Abschreiben, bis der Doktor kommt: An Medizinischen Fakultäten ist geistiger Diebstahl verbreitet. Wohl auch, weil sich hier besonders viele Studenten um einen akademischen Grad bemühen. In Rostock ist die Zahl der Promotionen insgesamt in den vergangenen drei Jahren von 204 auf 313 gestiegen. Mehr als jede dritte Arbeit entfällt auf die Medizin.

Wie Plagiate geahndet werden, entscheiden die Prüfungsausschüsse. Für leichte Vergehen gibt‘s ein „nicht bestanden“. Besonders dreisten Doktoranden droht die Höchststrafe: Sie können für weitere Prüfungen in ihrem Fach ausgeschlossen werden.

Nicht hinter jeder Schummelei steckt systematischer Betrug: Manch einer kupfert ab, ohne es zu merken. Abgabestress und viele Quellen — da schleichen sich schnell Fehler ein. Umso wichtiger sei Prävention, sagt Debora Weber-Wulff. „Viele haben in der Schule nicht gelernt, richtig zu zitieren.“

Doch wo hört Schlamperei auf, wo fängt das Plagiat an? Viele Studenten sind verunsichert und prüfen ihre Arbeit mit Scannersoftware. Experten aber warnen: Die Programme haben Macken. Sie kennzeichnen mitunter tadellose Passagen als Plagiat, während problematische Stellen unentdeckt bleiben.

Von Antje Bernstein

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