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Politik, Leidenschaft, Lebensgenuss

Interview mit Gregor Gysi Politik, Leidenschaft, Lebensgenuss

Gregor Gysi stellt seine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“ am Montag im Medienhaus der OZ vor. Der Linken-Politiker spricht über seine „sechs Leben“, Recht und Gerechtigkeit, DDR, Stasi und die Politik

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Der Linken-Politiker Gregor Gysi.

Quelle: Michael Kappeler / Dpa

Rostock. Herr Gysi, die politische Lage nach der Bundestagswahl ist kompliziert, aber Sie, der Politiker, sind gegenwärtig unterwegs mit Ihrer Autobiografie. Wie passt das zusammen?

Gregor Gysi: Ach, das passt sehr gut zusammen, weil ich bei der Vorstellung meiner Autobiografie auch immer auf die gegenwärtigen politischen Zusammenhänge eingehe. Außerdem wechselt sich das mit rein politischen Veranstaltungen ab, also ich spreche gegenwärtig auch vor Gewerkschaftern und Wirtschaftsleuten über die Wahlergebnisse und ihre Konsequenzen.

Und was sagen Sie den Leuten, wie bewerten Sie die Situation mit der AfD und den veränderten Kräfteverhältnissen?

Die AFD ist natürlich ein Novum im Bundestag, das erste Mal seit 1949 sitzt dort eine nationalistische, rassistische Partei. Darauf muss man sich einstellen. Natürlich haben sie ihre formalen Rechte, die kann und darf ihnen niemand nehmen, aber eine Distanz muss eben auch deutlich werden. Zweitens glaube ich, dass eine Jamaika-Koalition zustande kommt, und zwar deshalb, weil die FDP und die Grünen so scharf aufs Mitregieren sind, dass sie fast alle Kompromisse machen werden, um das zu erreichen. Nur: Ich befürchte in vielen Fragen einen Stillstand. Beim Thema Ost-West-Angleichung wird die Regierung nicht initiativ sein, bei sozialer Gerechtigkeit und Steuergerechtigkeit ist wenig zu erwarten. Und ich habe wenig Hoffnung, dass eine bessere Europa-Politik stattfindet, eine, die uns bei der europäischen Integration voranbringt und die EU nicht – wie gegenwärtig – gefährdet.

Sie stehen mitten im politischen Leben, ziehen aber schon Lebensbilanz. Ist das nicht ein bisschen früh? Oder was ist der Zäsur-Punkt, dass sie das gerade jetzt machen?

Naja, erstens wollte ich das zu einem Zeitpunkt machen, an dem ich geistig noch rüstig bin, ich bin ja schon 69 Jahre alt. Zweitens dachte ich, nachdem ich den Fraktionsvorsitz im Bundestag abgegeben hatte, dass das vielleicht der richtige Zeitpunkt ist. Und außerdem heißt ja meine Autobiografie „Ein Leben ist zu wenig“. Da ich nicht Buddhist geworden bin und nicht glaube, dass ich fünf Leben habe, wird in meinem Buch deutlich, dass ich schon sechs Leben geführt habe. Ich glaube, dass ich an der Schwelle zum siebenten Leben stehe. Diese Schwelle scheint mir geeignet, vorher eine Autobiografie vorzulegen.

Und dieses siebte Leben, wie definieren Sie es?

Na das ist das Alter. Und ich bin wild entschlossen, es zu genießen. Insofern freue ich mich auch auf den siebten Lebensabschnitt.

Dabei sollte man doch annehmen, dass wegen der politisch bewegten Zeiten dieser Abschnitt politisch noch besonders lebhaft wird.

Ja, das kann ja sein, ich bin ja Präsident der Europäischen Linken und kämpfe sozusagen um eine Reform, aber auch um die Rettung der EU. Trotzdem, ich habe mit dem Fraktionsvorsitz im Bundestag ein großes Stück Verantwortung abgegeben. Und ich hatte schon zwei Leben in der Bundesrepublik Deutschland: das erste Leben, in dem ich von der breiten Mehrheit der Bevölkerung, der politischen Klasse und der Journalisten abgelehnt wurde, und das zweite Leben, als ich mir eine gewisse Akzeptanz erarbeitet hatte. Ich muss ehrlich sagen: Das zweite Leben in der Bundesrepublik gefällt mir besser als das erste.

Mit Ihren Erfahrungen aus „sechs Leben“: Was bedeutet es heute, ein Linker zu sein? Im Buch reflektieren Sie unter anderem über verschiedene persönliche Prägungen und Herkünfte, durch die linke Positionen dann unterschiedliche Akzente erhalten. Wie fassen Sie diese Differenzen zusammen und vermitteln sie unter dem einen Begriff „Links“?

Die linke Frage ist entstanden, wenn man so will, schon in Zeiten der Sklaverei. Und sie war immer verbunden mit der Gleichstellung der Menschen und der sozialen Gerechtigkeit, die ja noch nie erreicht worden ist. Inzwischen ist die Frage der Friedenssicherung, der Gleichstellung der Geschlechter und der ökologischen Nachhaltigkeit hinzugekommen. Aber der Ursprung und der Kern der Linken war immer die soziale Frage.

Und auch wenn es hierzulande kaum so aussieht, da lassen sich unterschiedliche linke Strömungen und Richtungen im Dialog vermitteln?

Na klar. Und zwar überall, sowohl bei der sozialen Frage als auch bei der ökologischen Nachhaltigkeit und der Friedensfrage, wenn ich zum Beispiel an den völkerrechtswidrigen Krieg unter SPD und Grünen gegen Jugoslawien erinnere. Da gibt es unterschiedliche Sichten, und die Frage ist, ob wir irgendwann auch mal zusammen etwas bewirken können oder nicht. Diese Frage ist nach wie vor offen. Aber jede negative Entwicklung hat auch ein positives Element: Jetzt sitzen SPD und Linke in der Opposition im Bundestag, zumindest wenn Jamaika zustande kommt. Vielleicht entstehen dort Beziehungen und Kontakte, die endlich eine alternative Entwicklung in Deutschland ermöglichen.

Ihre Lebensbilanz enthält viele Facetten. Gibt es da bestimmte neue Akzente?

Natürlich gibt es neue Facetten, zum Beispiel welche, die ich selbst nicht kannte: Ich schreibe ja über meine Vorfahren. Dank meiner Schwester (die Schauspielerin und Regisseurin Gabriele Gysi, d.Red.) weiß ich das, ich hätte davon sonst keinen blassen Dunst gehabt. Oder ich schreibe auch mal detaillierter über meinen Rechtsanwaltsberuf in der DDR. Und zwar deshalb, weil viele denken, ich hätte nur politische Prozesse geführt. Das ist natürlich Quark, 95 Prozent waren Ehescheidungen, Familienrechtsangelegenheiten, Zivilrechtsangelegenheiten, auch Arbeitsrecht, und natürlich die allgemeine Kriminalität. Ich habe Diebe und Mörder verteidigt, nicht nur politische Straftäter, die machten viel weniger aus. Dann schreibe ich über die ganze Wendezeit 1989/90, auch zum Teil mit neuen Aspekten, und anschließend über mein Wirken und Leben in der Bundesrepublik in beiden Phasen, also vor der Akzeptanz und nach der Akzeptanz. Da kommen schon Dinge vor, die ich bisher noch nie erzählt oder geschrieben habe.

Apropos Akzeptanz, als Sie im Februar dieses Jahres als erster Linker und erster ostdeutscher Politiker in Aachen den „Orden Wider den tierischen Ernst“ entgegennahmen, erzählten Sie, dass Sie noch nie – weder in der DDR noch in der Bundesrepublik – eine staatliche Auszeichnung erhalten hätten.

Ja, das war mein höchster Orden, den ich je bekommen habe: der „Orden Wider den tierischen Ernst“. Dabei kann es auch bleiben. Ich bin eben so eine Figur, bei der eine staatliche Auszeichnung weder in der DDR passierte noch heute.

Wenn diese Art von Anerkennungen weitgehend fehlte, woher haben Sie dann Impulse genommen, um in schwierigen Zeiten zu bestehen?

Am Anfang meines Lebens in der Bundesrepublik war ich einfach auch preußisch stur. Wenn man mich so schlecht behandelte, und ich mich gar nicht als so schlecht angesehen habe, dann kämpfe ich natürlich gegen diesen schlechten Ruf an. Deshalb bin ich so viel in Talkshows gegangen, bin auch den Journalisten dankbar, dass sie mich eingeladen haben, so dass ich immer versuchen konnte, das Bild ein bisschen zu korrigieren. Schritt für Schritt ist mir das gelungen. Erst wurde ich mit Buh-Rufen begrüßt, heute werde ich mit Beifall begrüßt, das hat sich verändert. Die Leute glauben mir, dass das, was ich sage, meiner Überzeugung entspricht. Außerdem übersetze ich die politische Sprache, ich rede nicht so ein Kauderwelsch daher, sondern versuche so zu sprechen, dass die Leute mich verstehen. Und jetzt laden mich Unternehmer ein, damit ich zu ihnen spreche, ich bin Mitglied des politischen Beirats des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft – vor Jahren haben die das noch konsequent abgelehnt. Ich will nicht bestreiten, dass ich die andere Behandlung auch ein bisschen genieße.

Was die Zeit der Ablehnung betrifft, da spielen Sie neben der Stellung der Linkspartei auch auf die Vorwürfe an, Sie hätten für die Stasi gearbeitet, die immer wieder erhoben worden sind. Sie haben im Buch etwas dazu geschrieben. Können Sie das kurz zusammenfassen?

Das ist eben einfach Blödsinn. Es war nicht so. Ich hatte ja, wenn Sie so wollen, höhere Verbindungen zur Abteilung Staat und Recht des ZK der SED, die Partei stand über der Staatssicherheit. Und in den politischen Fällen ging es immer darum, denen klar zu machen, dass ein anständigerer Umgang mit meinen Mandanten auch in ihrem Interesse lag. Das Kunststück bestand darin, ihnen zu erklären, dass die Entlassung von Rudolf Bahro auch in ihrem Interesse liegt, oder dass man aufhört, Robert Havemann so zu schikanieren. Bloß dazu brauchte ich nicht die Staatssicherheit, das habe ich mit der Abteilung Staat und Recht des ZK der SED beredet, und die haben entschieden, wen sie informieren. Und mein Bestreben war immer, dass sie einen Vermerk machen, der dann zum obersten Chef kommt, also zu Honecker, und der sagt dann mal: Schluss mit dieser Behandlung. Das habe ich geschafft, darauf darf ich ein bisschen stolz sein. Bei Havemann gab es, nachdem ich ihn vertreten habe, kein einziges Strafverfahren, kein Ordnungsverfahren, keine Hausdurchsuchung, keine Beschlagnahmen mehr, und der Hausarrest wurde aufgehoben. Mehr war in der DDR wirklich nicht zu erreichen. Rudolf Bahro hatte mich immer gewürdigt, auch nach der Wende, auch nachdem er alle Akten gelesen hatte.

Sind Sie heute noch als Anwalt tätig?

Na klar, ich habe vier Berufe, ich bin Politiker, Rechtsanwalt, Autor und Moderator, denn ich führe ja immer mit interessanten Leuten Gespräche im Deutschen Theater, im Stadttheater Cöpenick, in der Distel in Berlin und auch im Gut Mausbeck in Bochum.

Deshalb fragt man sich ja, ob da noch Zeit bleibt, sich als Anwalt zu betätigen.

Ich versuche, jede Woche einen Nachmittag im Büro zu sein. Natürlich mache ich nicht mehr so viel, aber das eine oder andere doch. Es ist ja auch interessant, weil ich jetzt belegen kann, welches Gesetz der Bundestag mit welcher Absicht beschließt, und was die Justiz dann daraus macht. Das sind zwei verschiedene Vorgänge, also die Unabhängigkeit der Justiz hat mehrere interessante Folgen.

Wie würden Sie Ihre Beobachtungen des Rechtssystems beschreiben? Liberalisiert sich da etwas? Es wird ja immer wieder nach strengeren Gesetzen gerufen, obwohl eigentlich Gesetze da sind. Wie beurteilen Sie solche Debatten?

Ich glaube, wir brauchen nicht strengere Gesetze, sondern wir brauchen eine in jeder Hinsicht zügigere und vereinfachte Justiz. Es gibt viel zu viele Zulässigkeitsvoraussetzungen, bestimmte Strafverfahren dauern viel zu lange. Und die Strafrechtsprechung muss sich ändern. Wissen Sie: Bei Eigentum und Betrug gibt es relativ schnell Freiheitsstrafe, aber wenn jemanden brutal zusammengeschlagen wird, zum Beispiel in der U-Bahn, dann gibt es meistens noch Bewährung für den oder die Täter. Ich finde, dass wir strenger gegen diese Form der Körperverletzung vorgehen müssen. Die Gesundheit ist wichtiger als das Eigentum.

Sie haben es auch in Ihrer eingangs erwähnten Arbeit als Präsident der europäischen Linken mit einer komplizierten Lage zu tun ...

… das kann man wohl sagen. Die Partei ist kompliziert und die Situation ist kompliziert. Die EU muss dringend reformiert werden, auch damit die Bürger alles viel besser verstehen als heute. Aber gleichzeitig muss sie gerettet werden. Unsere Jugend ist europäisch, wir können die nicht zum alten Nationalstaat zurückführen, mit Grenzbaum und Pass und so. Wir müssen eine Lösung nach vorne finden.

Und welchen Lösungsansatz haben Sie denn da?

Der Ansatz wäre, dass wir zum Beispiel die soziale Frage im Süden ganz anders beantworten. Und dass wir endlich die sozialen Grundrechte einklagbar machen beim Europäischen Gerichtshof, was sie gegenwärtig nicht sind. Das scheiterte übrigens an den Briten, aber die gehen ja nun raus, da können wir jetzt diese Einklagbarkeit einführen. Und wir brauchen auch kulturell etwas: Ich bin dafür, dass alle Kinder ab der ersten Klasse in ganz Europa die gleiche Fremdsprache erlernen, damit endlich eine Generation entsteht, die sich untereinander vollständig verständigen kann. Von Russland bis Großbritannien. Das wird wahrscheinlich Englisch sein; wie wir das allerdings den Französinnen und Franzosen beibringen, weiß ich noch nicht, da müssen wir noch einiges leisten.

Erinnerungen hat Gregor Gysi bereits in mehreren Büchern verarbeitet. Jetzt aber ist „Die Autobiographie“, so der Untertitel seines Buches „Ein Leben ist zu wenig“ im Aufbau Verlag erschienen: als Hardcover mit 583 Seiten für 24 Euro und als Audio-CD für 19,99 Euro.

Im OZ-Medienhaus Rostock stellt der Linken-Politiker sein Buch am Montag vor: 13. November, 18 Uhr, Richard-Wagner-Str. 1a

Interview von Dietrich Pätzold

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