Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 18 ° Regenschauer

Navigation:
Selbst Spitzenmilch wird schlecht bezahlt

GROSS STOVE Selbst Spitzenmilch wird schlecht bezahlt

Bauer Weijs hat 225 Milchkühe / Drei Millionen Liter im Jahr / Abnahmepreise im Keller / 200000 Euro Verlust

Voriger Artikel
Spitzenkandidaten bei Redewettstreit mit Jugendlichen
Nächster Artikel
Bis 2018: Hansestadt baut Petritor wieder auf

Milchbauer Harmen Jan Weijs und seine 100000-Liter Kuh „Clarinda“ vor den Weiden in Groß Stove.

Quelle: Doris Kesselring

Groß Stove. „Clarinda“ ist der Star im Kuhstall von Harmen Jan Weijs in Groß Stove. Sie trägt die Nummer 132 und ist die erste 100000-Liter-Kuh des Bauern. 225 Tiere stehen im Stall, die geben insgesamt drei Millionen Liter Milch im Jahr. Von bester Qualität: „S-Klasse“, sagt Weijs, „da gibt es einen halben Cent mehr für“. Ein Tropfen auf den heißen Stein in Zeiten der Milchkrise. 20 Cent pro Liter bekäme er derzeit. „Wir hatten mal 42/43 Cent, und wir brauchen mindestens 35 Cent pro Liter, um vernünftig wirtschaften zu können.“

Nach dem Wegfall der Milchquote 2015 haben sich die Träume der Milchbauern von neuen Absatzmärkten in Russland und China nicht erfüllt. „Es ist zu viel Milch auf dem Markt“, erklärt Weijs, „die Menge muss sinken.“ Eine Forderung an die Politik, die Weijs und seine Bauern-Kollegen am Montag mit viel „Rabatz“ beim CDU-Wahlkampftermin in Boltenhagen an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Landesinnenminister Lorenz Caffier weitergereicht haben. „Wir brauchen ein Programm, eine flexible Mengensteuerung. Diejenigen, die weniger produzieren, sollten belohnt, die, die mehr machen, bestraft werden“, sagt Weijs.

Der Milchbauer aus Groß Stove rechnet in diesem Jahr mit 200000 Euro Verlust. Aufhören wird er nicht. „Ich habe keine Wahl, habe hier viel investiert“, sagt der 44-Jährige. Seit 2000 betreibt der Holländer hier Viehwirtschaft. 2010 hat er einen hellen und luftigen Hightech-Kuhstall gebaut, eine „Wellness-Oase“ für die 225 Milchkühe. Mit großzügigen Liegeplätzen und Kuhbürsten, an denen sich die Holstein-Friesen nach Lust und Laune schubbern können. Vollautomatische Spaltenwischer säubern viermal täglich die Gänge im Stall. An vier Melkrobotern, jeder hat rund 100000 Euro gekostet, können die Schwarzbunten ihre Euter leeren. Zwei bis fünf mal täglich machen sich die Kühe auf den Weg, denn im Automaten locken vier Kilogramm Kraftfutter, die es zusätzlich zur Tagesration für jede Kuh gibt.

Diese Wohlfühlatmosphäre ermögliche gute Milchleistungen. „Eine Kuh, der es schlecht geht, gibt keine Milch“, sagt Johanna Schendel vom Rinderzuchtverband MV, die „Clarinda“ für ihre Leistung eine blaue Scherpe mitgebracht hat. „Clarinda“ ist neun Jahre alt, hat sieben Kälber zur Welt gebracht. In jeder Laktationsperiode (Zeitraum zwischen Kalbung und Trockenstellen, 305 Tage) hat sie rund 13300 Liter Milch gegeben. „Das ist was Besonderes“, sagt Schendel. In den meisten Betrieben würden die Kühe 9000 bis 10000 Liter Milch je Laktation geben. „Die 100000 Liter schafft eine Kuh nur, wenn sie gesund ist und das genetische Material da ist“, erklärt sie. „Na, der Papa ist ,Captain’, ein holländischer Bulle“, sagt Weijs und lacht.

Weijs liefert seine Milch mit 20 Milcherzeugern der Gemeinschaft Nordpool (60 Millionen Liter/Jahr) über die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft (BMG) an die Molkerei Bützow. „Wir verkaufen nicht, wir liefern nur ab und bekommen dann das Restgeld, wenn alle ihre Kosten abgezogen haben“, ärgert sich der Milchviehhalter. Ab Januar 2017 will er mit den Kollegen von „Nordpool“ eigene Verträge mit der Bützower Molkerei schließen in der Hoffnung auf bessere Preise.

Als erste Sparmaßnahme wird Weijs den Rinderzuchtverband verlassen. „Zu teuer“, sagt er. Mitgliedsbeitrag, Kosten für die Probenuntersuchungen – „die Daten erfassen wir mit dem Melkroboter ohnehin alle selbst“. Die Soforthilfe der Bundesregierung von 100 Millionen Euro für die Milchbauern empfindet er als Hohn: „1300 Euro pro Landwirt – stirb einen Tag später, nenne ich das.“

Milchbauern geben auf

Rund 850 Milchviehbetriebe mit 182500 Milchkühen gab es noch 2015 in Mecklenburg-Vorpommern. Doch 50 Milchbauern haben im vergangenen Jahr aufgegeben. Mit einer durchschnittlichen Herdengröße von 215 Kühen rangiert der Nordosten nach Brandenburg (224) weit vorn, der bundesweite Durchschnitt liegt bei 56 Kühen.

Im Landkreis Rostock gibt es noch 127 Milchviehbetriebe, die mehr als 33200 Milchkühe halten. Drei Milchbauern hätten schon signalisiert, in nächster Zeit den Betrieb einzustellen, heißt es aus der Kreisverwaltung.

Doris Kesselring

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Haben große Pläne für „ihre“ Urlaubsorte: Bernd Kuntze (Graal- Müritz) und Ulrich Langer (Kühlungsborn).

Die Tourismuschefs von Graal-Müritz und Kühlungsborn im Interview über Qualität, Politik und Zukunftsideen

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Politik
Verlagshaus Rostock

Richard-Wagner-Straße 1a
18055 Rostock

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
9.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Andreas Meyer
Telefon: 03 81 / 36 54 10
E-Mail: rostock@ostsee-zeitung.de

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

OZ-Bild
Parkplatznot: Hansaviertel stellt sich gegen Biomedicum

Neues Forschungszentrum hat zu wenig Stellflächen, kritisiert Ortsbeirat