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„Wir müssen an einem neuen Wir arbeiten“

Stadtmitte „Wir müssen an einem neuen Wir arbeiten“

SPD-Politiker Wolfgang Thierse beschrieb gestern vor rund 80 Gästen im Rathaus die doppelte Aufgabe der Integration

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Dr. Wolfgang Thierse (r.) mit Kira Ludwig von der Hochschulinitiative Demokratischer Sozialismus und Moderator Dr. Klaus Jürgen Scherer.

Stadtmitte. Um „Die doppelte Integration“ geht es Dr. Wolfgang Thierse. Von Deutschen und Migranten gleichermaßen erwartet der SPD-Politiker interkulturelle Kompetenz, Respekt, Vertrauen, Gelassenheit und das Wissen um eigene Werte und die der anderen.

Zugewanderte sollen im fremden Land heimisch werden, Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden.“Wolfgang Thierse (72)

In einer Diskussionsveranstaltung der Friedrich-Ebert-Stiftung gestern Abend im Rathaus hat der Bundestagspräsident a.D. die Veränderung der Gesellschaft beschrieben, die mit den Flüchtlingen seit letztem Sommer in Deutschland wie in Europa vor sich geht. Unterstützung für die Flüchtlinge, aber auch Ängste und Abwehr lägen dicht beieinander. „Integration ist eine doppelte Aufgabe“, sagt Thierse vor etwa 80 Gästen. „Die Zugewanderten sollen heimisch werden in einem fremden Land, den Einheimischen soll das eigene Land nicht fremd werden.“

Es sei eine große Herausforderung diese Doppelaufgabe zu meistern. „Es wird viel Kraft und Zeit kosten“, sagt Thierse und erinnert an die Zeit nach 1945 als 15 Millionen Vertriebene nach dem Krieg eine Heimat suchten. „Dieser Prozess hat zwei Jahrzehnte gedauert.“ Und auch 26 Jahre nach der Deutschen Einheit seien noch nicht alle Differenzen überwunden. Thierse ruft zu einer offenen Debatte darüber auf, „in welcher Gesellschaft wir leben wollen“. „Wir Ostdeutschen haben doch nicht die Mauer eingedrückt, um unter uns zu bleiben und unseren Wohlstandshoppinismus zu pflegen.“ Deutschland werde dauerhaft pluralistisch werden. „Das wird keine Idylle sein“, so Thierse, „sondern birgt kulturelles, religiöses, soziales Konfliktpotenzial.“ Von der Politik erwarte er Ehrlichkeit, „nichts beschönigen, nichts verherrlichen, sachlich argumentieren“.

Nur eine offene Gesellschaft habe Zukunft, gab sich Thierse überzeugt. Das habe die Erfahrung von 1989 gelehrt. „An einem gemeinsamen Bürgerbewusstsein, einem neuen Wir, müssen wir arbeiten, mehr kulturelles Selbstbewusstsein wagen“, sagt er zum Schluss seines Vortrages.

Willi Bock aus der Nähe von Rostock spricht die Sorgen und Ängste an, mit denen Menschen, wenn sie sie äußern, oft in die rechte Ecke gestellt würden. „Die Probleme der Menschen müssen ernst genommen werden“, reagiert SPD-Mann Thierse, „doch wir müssen unterscheiden zwischen Ängsten, Sorgen, Wut und Hass und Hetze.“

„Deutschland ist ein Einwanderungsland geworden“, sagt er. Wann ein Einwanderungsgesetz kommen könnte, will Prof. Nikolaus Werz von der Uni Rostock wissen. Thierse lässt keine Zweifel an der Notwendigkeit eines solchen, doch derzeit würde es angesichts der Zuwanderungen aus Bürgerkriegsgebieten nicht helfen. Auch Entwicklungshilfe in den Ländern, aus denen die Menschen flüchten, sei wichtig. „Aber im Moment sind sie schon auf dem Weg, da müssen wir anders helfen.“

Wolfgang Kirschnick aus Rostock regt an, freie Kapazitäten in Flüchtlingsunterkünften in MV anderen Bundesländern mit überfüllten Heimen anzubieten – „gegen Bezahlung“. „Ein sinnvoller Vorschlag, über die Verteilung der Flüchtlinge zu reden“, sagt Thierse. Aber vorher müsse die Bevölkerung einbezogen werden. Denn das sei die Lehre der vergangenen Monate: „Wir müssen die Bevölkerung aufklären, einbeziehen, über Alternativen diskutieren, dann kann es gelingen“, betont Thierse.

Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse (72), gelernter Schriftsetzer, war nach dem Studium wissenschaftlicher Assistent an der Universität in Berlin, bis 1990 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Akademie der Wissenschaften der DDR. Bis Ende 1989 parteilos, war Thierse zunächst im Neuen Forum und ab 1990 Mitglied der SPD in verschiedenen Parteiämtern – stellv. Parteichef (1990-2005), Präsident des Bundestages (1998-2005), Vizepräsident bis 2013. Ehrenamtlich engagiert er sich in Vereinen und Stiftungen. Er ist katholisch, verheiratet, hat zwei Kinder.

Doris Kesselring

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