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Rostock Private Firmen stellen Parkplatz-Knöllchen aus
Mecklenburg Rostock Private Firmen stellen Parkplatz-Knöllchen aus
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07:46 16.10.2017
Luisa Gehlen in der Rungestraße mit ihrer Zahlungsaufforderung von der Firma PRS, „Abteilung Ordnungsdienst“. Quelle: Foto: G. Kleine Wördemann
Rostock

Luisa Gehlen ist sauer. Es geht nur um eine Kleinigkeit, aber sie will nicht aufgeben. „Ich werde das nicht bezahlen“, sagt die 26-jährige Studentin aus Rostock selbstbewusst. Sie liegt im Clinch mit der Firma Parkraum-Service (PRS) aus Nordrhein-Westfalen. Die bewirtschaftet den Parkplatz Rungestraße in der Innenstadt und hat auch Ärger mit anderen Kunden. Bei Luisa Gehlen geht es um 30 Euro. Die will PRS von ihr haben, obwohl die Studentin am Automaten ein Ticket kaufte und die Parkzeit nicht überschritt. Der Vorwurf: Sie habe auf einer falschen Fläche geparkt, die für Lkw vorgesehen sei. Innerhalb des abgesperrten, kostenpflichtigen Parkplatzareals wohlgemerkt.

30 Euro verlangen viele private Parkplatz-Kontrollfirmen für die vergessene Parkuhr. Der amtlichen Bußgeldkatalog sieht diesen Betrag erst ab drei Stunden vor.

Viele Rostocker kennen das: Ein Knöllchen hängt an der Windschutzscheibe, aber nicht vom Ordnungsamt oder der Polizei, sondern von einer privaten Firma. Dürfen die das? Ja, sagen Verbraucherschützer.

Besonders über PRS wird immer wieder Empörung laut. „Ich nenne dies modernes Raubrittertum“, schimpft OZ-Leser Olaf Mauksch. „Für Schlaglöcher Geld kassieren und das nur, weil das Filetstück den Mangel an Parkplätzen in der Stadt kaschiert“, meint der Autofahrer und spielt auf den schlechten Zustand des Parkplatzes an, der wegen seiner Lage nahe der Kröpeliner Straße dennoch stark frequentiert wird.

Auch Kunden von Einkaufszentren bringen regelmäßig solche „Zahlungsaufforderungen“ mit nach Hause. Supermärkte und Shopping Center beauftragen ebenfalls zunehmend Firmen, die gegen Falsch- und Dauerparker auf ihren Stellflächen vorgehen.

Doch nicht immer trifft es die Richtigen. Im Internet finden sich mehrere Kommentare von Kunden des Rostocker Warnow Parks und des Neptun Einkauf Centers. Sie sollen 25 oder 30 Euro zahlen, weil sie vergessen haben, eine Parkscheibe ins Auto zu legen. Oder sie überschritten die zulässige Parkzeit. „Was für eine Frechheit. Dort werde ich nicht wieder einkaufen“, schreibt eine Rostockerin. Der Unmut wird noch gesteigert, weil die privaten Firmen für die fehlende Parkscheibe viel mehr als die 15 Euro verlangen, die der amtliche Bußgeldkatalog vorsieht.

Matthias Wins von der Verbraucherzentrale beobachtet die Abkassiererei schon lange. „Es ist ein Graubereich“, sagt der Jurist. „Mit Begriffen wie ,Ordnungsdienst’ und Briefen im Amtsdeutsch versuchen viele dieser Firmen sich ein offiziell wirkendes Mäntelchen umzuhängen“, kritisiert Wins. Illegale Täuschung sei das noch nicht. Die Forderung sei rechtlich sogar meist nicht zu beanstanden. „Durch das Benutzen des Parkplatzes geht man einen Vertrag ein“, sagt Wins. Darauf müssen ausreichend große Schilder hinweisen. Fehlen die oder sind sie verdeckt, gebe es gute Chancen, um die Zahlung herumzukommen. Das Geschäftsmodell dieser Firmen bestehe darin, mit wenig Aufwand möglichst viele Falschparker abzukassieren.

Die Einkaufszentren rechtfertigen das Vorgehen. „Bei uns war früher ein ganzes Parkdeck mit Autos von Pendlern zugestellt, die in der Nähe arbeiten“, sagt Birgit Saworski, Center-Managerin im Warnow Park. Kunden können noch immer umsonst parken, müssten aber eine Parkuhr hinter die Scheibe legen. „Wir haben fast 200 Schilder im Parkhaus angebracht, die darauf hinweisen. Das kann man eigentlich nicht übersehen“, sagt Saworski. Bei Kunden des Centers, denen das trotzdem passierte, sei man auf Nachfrage kulant und übernehme das Knöllchen – wenn sie einen Kassenzettel vorlegen können, dessen Uhrzeit mit dem Parkverstoß übereinstimmt.

Die Geschäftsleitung des Edeka im Neptun Center äußert sich ähnlich. Dies gelte aber nur für die eigenen Kunden. Hier verteilt eine Rostocker Firma namens Eastrella UG die Geldforderungen, auf den Jacken der Mitarbeiter steht groß „Ordnungsdienst“. In einer Broschüre wirbt Eastralla mit der Aussage: „Kundenzufriedenheit steigern durch professionelles Parkraummanagement“. Den Vorwurf der Abzocke weist Gesellschafter Thomas Vorlauf zurück. Früher hätten viele Autofahrer die Plätze in der ehemaligen Werfthalle blockiert, die dann mit der Straßenbahn weiter zum Shoppen in die Stadt fuhren. Vorlauf gibt sich kulant: Wer einen passenden Kassenzettel vorweisen kann, müsse nicht zahlen. Dass seine „Knöllchen“ mit 25 Euro gut zehn Euro teurer sind als die vom Ordnungsamt, liege an den höheren Kosten. „Wir müssen fast immer eine Halteranfrage durchführen, die kostet allein fünf Euro. Dazu kommt noch die Mehrwertsteuer.“

Luisa Gehlen hat inzwischen Post von einem Anwalt von PRS bekommen. Nun soll sie 83 Euro bezahlen. Das will sie auf keinen Fall machen. Die Studentin will nun selbst juristisch gegen PRS vorgehen.

Die Firma lehnt eine Stellungnahme zu dem „offenen Verfahren“ ab und lässt auch weitere Fragen zu ihrer Geschäftspraxis unbeantwortet.

Die Stadt verteilte 2016 rund 95000 Knöllchen. Das waren 10000 mehr als im Jahr davor, aber ähnlich viele wie 2014. Die jährlichen Einnahmen liegen zwischen 1,6 und knapp zwei Millionen Euro.

Immerhin: Das echte Ordnungsamt hat schon Bußgeldzettel ab zehn Euro „im Angebot“.

Gerald Kleine Wördemann

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