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Rostocker Schülerin sucht die Spuren eines jüdischen Jungen

Südstadt Rostocker Schülerin sucht die Spuren eines jüdischen Jungen

Barbro Wilcke an der Werkstattschule forscht akribisch zum Schicksal von Harry Schlomann / Der kam mit knapp sechs Jahren nach Auschwitz und wurde dort ermordet

Südstadt. „Harry wäre jetzt 79, etwa so alt wie mein Großvater“, sagt Barbro. Leise fügt sie hinzu: „Als Harry starb, war er noch nicht ganz sieben, im Alter meines kleinen Bruders.“ Barbro Wilcke hat das Schicksal des jüdischen Jungen nicht losgelassen. Wer waren seine Eltern, gibt es noch Nachfahren, in Israel oder England? Drei Jahre hat die Abiturientin von der Rostocker Werkstattschule nach Spuren der jüdischen Familie Schlomann gesucht, die ersten beiden Jahre gemeinsam mit Marie Burchard, betreut von ihren Lehrern Tino Strempel und Beate Behrens.

 

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Barbro Wilcke (r.) beschäftigt sich seit Jahren mit dem Schicksal des jüdischen Jungen Harry Schlomann. Beate Behrens, Lehrerin an der Werkstattschule, unterstützte sie dabei.

Quelle: Helga Wagner

Wann und unter welchen Umständen Harry starb, werden wir wohl nie erfahren. Aber Harrys Geschichte wird mich mein Leben lang begleiten.“ Barbro Wilcke, Ex-Schülerin

Die Schule hatte im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten bereits zweimal gesiegt. Für das Geld hatten sie einen Stolperstein für Harry in Rostocks Kröpeliner Straße 98, der früheren Blutstraße 28, gestiftet. Dort hatte das Kind mit seinen Großeltern Hedwig und Richard Schlomann, ein Kaufmann aus Malchow gebürtig, vier Jahre lang bis zur Deportation gewohnt. Und nun waren die Schüler weiter auf Harrys Spur.

Wie Detektive mussten die Schülerinnen vorgehen. Nach Geburtsurkunden forschen, in Ämtern fragen, Gestapoanweisungen und Deportationslisten einsehen, auch Ausreisegenehmigungen. Barbro Wilcke und Marie Burchard schrieben unter anderem 13 Standesämter in Berlin an. Nach vielen Absagen endlich ein Lichtblick: Informationen zu Harrys Mutter, Lisel Schlomann, unverheiratet, Hausangestellte. Der Name des Vaters blieb ungenannt. Ihr gelang die Ausreise aus Nazi-Deutschland. In der Datenbank des National Archivs in Sussex (England) konnten die Nachwuchs-Forscherinnen Lisel, die Tochter von Hedwig und Richard Schlomann, ausfindig machen.

Kind und Eltern aus Mecklenburg nachzuholen, dafür war wohl bei ihr wie auch bei Schlomanns Sohn Norbert, der als Schiffssteward nach Palästina floh, zunächst kein Geld vorhanden. Dann war es zu spät. Aus ihren Forschungsergebnissen hat Barbro ein Radiofeature für den Rostocker Lokalsender Lohro gestaltet. Es war zugleich ihre Abiturarbeit in Geschichte, die Beate Behrens betreute. Die Geschichte der Schlomanns wird sie weiter verfolgen, sagt sie. Und auch die Stolpersteine für die beiden Großeltern des Harry liegen ihr sehr am Herzen.

Am 11. November 1942 wurden Richard und Hedwig und ihr Enkel Harry in einem „Altentransport“ nach Theresienstadt deportiert. Die beiden 64-Jährigen starben dort im Lager Mitte Mai 1943. Ihr fünfeinhalbjähriger Enkel Harry lebte noch bis 18. April 1944. Dann steht er auf einer Transportliste nach Auschwitz, die Barbro Wilcke als Kopie aus der Gedenkstätte Theresienstadt erhielt. „Wann und unter welchen Umständen Harry starb, werden wir wohl nie erfahren. Aber Harrys Geschichte wird mich mein Leben lang begleiten“, sagt Barbro. Vielleicht wird sie einmal Nachfahren der Familie Schlomann begegnen. Das wünschte sie sich sehr, dann, wenn die Spuren nach Israel und England weiter verfolgt werden.

Schüler spendeten Stein

Der Stolperstein, heute heißen sie Denksteine, für Harry Schlomann wurde am 10. Oktober 2013 in der Kröpeliner Straße 98 enthüllt. Der Stein wurde von Schülern der Werkstattschule gespendet. Harry Schlomann wuchs bei seinen Großeltern, Richard und Hedwig Schlomann, auf, die 1938 von Malchow nach Rostock in die Blutstraße 28 – heute Kröpeliner Straße – zogen. Am 11. November 1942 wurde Harry mit seinen Großeltern in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Von dort wurde der Sechsjährige nach Auschwitz gebracht und vergast.

Helga Wagner

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