Volltextsuche über das Angebot:

17 ° / 10 ° wolkig

Navigation:
Rostocks tickende Gift-Bombe

Stadthafen/Dierkow Rostocks tickende Gift-Bombe

Alte Dachpappenfabrik hat die Warnow verseucht / Behörden streiten über Schuld-Frage

Voriger Artikel
Kitas müssen für „Villa Kunterbunt“ doch nicht zahlen
Nächster Artikel
Gift in der Warnow: Haben Ämter die Gefahr ignoriert?

Stadthafen/Dierkow. Vom anderen Flussufer aus betrachtet, sieht das ehemalige Industriegelände in Dierkow völlig harmlos aus: Am Wasser wächst Schilf, die Fundamente der alten Produktionsstätten sind fast gänzlich unter trockenen Gräsern verschwunden. Und doch ist das Gelände der ehemaligen Riedelschen Dachpappenfabrik eine tickende ökologische Zeitbombe. So sieht es jedenfalls das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA) in Stralsund. „Bei Niedrigwasser suppt von dort eine giftige Brühe in die Warnow. Da ist nichts versiegelt, nichts dekontaminiert worden“, sagt Amtsleiter Holger Brydda. Die Folge: Weite Teile des Stadthafens sind mittlerweile mit Giften verseucht. Nicht nur der Schlick, auch das Wasser. Zwischen Bund, Land und Stadt bahnt sich ein Streit um Millionen – und um die Frage, wer schuld ist und wer für die Folgen zahlt. Ein Teil des Giftes soll vor Hohe Düne verklappt werden.

OZ-Bild

Alte Dachpappenfabrik hat die Warnow verseucht / Behörden streiten über Schuld-Frage

Zur Bildergalerie

Der Stadthafen wird bald auch für Großsegler wieder erreichbar sein.Chris Müller (SPD)

Ordnungssenator Rostock

1,5 Millionen Euro

soll allein der erste

Schritt bei den

Baggerarbeiten im

Stadthafen kosten. Statt 75000 Kubikmetern

sollen zunächst nur

25000 Kubikmeter

des giftigen Schlicks

geborgen werden.

Es gibt rund um den Stadthafen viele mögliche Quellen.Jean Weiß

Leiter StALU Rostock

Die Kosten explodieren

Seit Wochen sorgt das Thema hinter den Kulissen für hektische Nervosität in den Ämtern. Als bekannt wurde, dass der Schlick der Warnow hochgradig mit Arsen, mit Kohlenwasserstoffen und anderen Chemikalien belastet ist, wollte sich die Hansestadt dazu gar nicht äußern. Auch das Wasser- und Schifffahrtsamt in Stralsund schwieg – jedenfalls zur Schuldfrage. Auch heute noch will Amtsleiter Brydda den Begriff „Schuld“ nicht in den Mund nehmen. Kein Wunder: Statt 1,5 Millionen Euro wird die dringend notwendige Vertiefung des Stadthafens nun mindestens dreimal so viel kosten. Im schlimmsten Fall sogar das 15-Fache – 22,5 Millionen Euro. Brydda spricht deshalb lieber von Verantwortung. Und wer die zu tragen hat, sei aus seiner Sicht eindeutig: „Das Gelände der ehemaligen Dachpappenfabrik gehört der GAA – der Gesellschaft für Abfallwirtschaft und Altlasten des Landes – und der Stadt.“

WSA sieht Land in der Pflicht

Schon vor Jahren seien die Eigentümer und auch die zuständige Umweltbehörde, das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt (StALU), darauf hingewiesen worden, dass ölige Substanzen in den Fluss gelangen. „Schon lang wird darüber diskutiert, das Areal zu versiegeln. Aber nichts ist passiert.“ Das Gift hätte auch das Wasser selbst beeinträchtigt, möglicherweise sogar die Fische. „Die Behörden von Stadt und Land haben das in Kauf genommen“, so Brydda. Mit einem Gutachten will er das beweisen.

Land: andere Quellen denkbar

1929 war auf dem Areal neben der Petribrücke die Dachpappenfabrik errichtet worden. 1961 wurde der Betrieb verstaatlicht und zum VEB Bitumenverarbeitung. Jahrzehnte lang gelangten Teer, Öl und Bitumen dort in das Erdreich. Das streitet Jean Weiß, der Chef des StALU in Rostock, auch nicht ab. Aber dass die Verseuchung des Stadthafens ausschließlich von der alten Fabrik ausgeht, zweifelt er an: „Es gibt rund um den Stadthafen viele mögliche Quellen. Bis in das 19. Jahrhundert gab es viele Gerbereien am Fluss. Von denen könnte das Arsen stammen. Und dann war da noch eine Munitionsfabrik der Sowjets“, so Weiß. „Es muss belastbar nachgewiesen werden, dass die Brache der Dachpappenfabrik die Quelle ist.“ Dann sei das Land bereit, sich an den Kosten für die teure Entsorgung zu beteiligen.

Sicherung noch 2017

Das StALU reagiert aber bereits seinerseits: Noch in diesem Jahr soll das Fabrikareal mit Spundwänden abgeschottet werden. Oben kommt ein „Deckel“ drauf. „Es stimmt nicht, dass wir das erst jetzt wollen. Wir führen seit Jahren Gespräche mit dem WSA. Doch das hat sich bisher einer Lösung verweigert“, sagt Weiß und spielt den Ball zurück. Denn aus Sicht des Landes müsse sich die Bundesbehörde „auf der Wasserseite“ an den Sicherungsmaßnahmen beteiligen. Das habe das Amt in Stralsund aber negiert. „Die haben sich quer gestellt“, so Weiß. Im April sollen die Arbeiten nun dennoch beginnen.

Damit kein weiteres Gift austritt.

Nur ein Teil wird ausgebaggert

Und auch für einen Teil des belasteten Flussbodens zeichnet sich eine Lösung ab: Bei einem Krisengipfel im Rathaus einigten sich Stadt und WSA auf eine „kleine“ Ausbaggerung. Statt 75 000 Kubikmetern Schlick sollen jetzt nur noch 25 000 Kubikmeter ausgehoben werden. „Wir machen die wichtigsten Bereiche wieder schiffbar“, so Brydda. Kosten: rund 1,5 Millionen Euro – für ein Drittel der ursprünglich geplanten Maßnahme. Nach Angaben von Vize-Oberbürgermeister Chris Müller (SPD) soll zunächst der Bereich bis zur Haedge-Halbinsel auf 6,5 Meter Tiefe ausgebaggert werden. „Damit ist der Stadthafen für Großsegler und kleine Kreuzfahrer wieder erreichbar.“

Entsorgung im Breitling

Das kontaminierte Erdreich soll aber nicht zur Verbrennung in eine Spezialanlage nach Bremen, und es soll auch nicht in eine erst noch zu bauende Deponie auf dem Spülfeld Markgrafenheide: „Wir wollen den Schlick in einer aquatischen Deponie im Breitling versenken“, so Brydda.

Im Klartext: Der Schlick soll in ein Loch im Meeresgrund vor dem Marinestützpunkt Hohe Düne gekippt werden. „Dort wurden bereits 2003 belastete Sedimente eingelagert. Der Ort ist ideal: Der Schlick ist von meterdicken Mergelschichten umgeben, das Gift kann so nicht ins Grundwasser gelangen“, erklärt der Chef des Wasser- und Schifffahrtsamtes. Mit einem Baggerschiff soll der Flussboden im Stadthafen aufgenommen werden, mit einem Fallrohr wird er dann im Breitling versenkt. „Es gibt nicht mal Verwirbelungen. Die Marine muss dem aber noch zustimmen.“ Vor 2018 sei die Maßnahme auch nicht umsetzbar.

Und: Bund, Stadt und Land müssten sich Gedanken für die Zukunft machen. Denn auch das restliche Gift soll aus der Warnow. „In den kommenden 20 Jahren werden wir auf noch mehr Kontaminationen stoßen“, vermutet Brydda. In dem Loch im Breitling sei aber nur für jene 25000 Kubikmeter Platz. „Wir müssen uns grundsätzlich Gedanken, über weitere solcher Deponien unter Wasser machen. Da muss sich das Land beteiligen.“

Andreas Meyer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
Greifswald
Nachdem die Zöllner zwei Personen ohne Papiere aufgegriffen haben, halten sie sie im Einsatzfahrzeug fest, um sie danach zur Bundespolizei nach Stralsund zu fahren.

Zöllner suchen im Raum Greifswald nach illegal Beschäftigten – und werden sofort fündig

Kostenpflichtiger Inhalt mehr
Mehr aus Rostock
Verlagshaus Rostock

Richard-Wagner-Straße 1a
18055 Rostock

Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag
9.00 bis 18.00 Uhr

Leiter Lokalredaktion: Andreas Meyer
Telefon: 03 81 / 36 54 10
E-Mail: rostock@ostsee-zeitung.de

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
RSS-Feeds

Wissen, was in Rostock und der Welt los ist

OZ-Bild
Puziak schießt Trinwillershagen im Derby zum Erfolg

Interimscoach muss selbst ran und erzielt drei Tore in Ribnitz-Damgarten