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Seelsorge im Urlaub: Zwei Hessen helfen

KÜHLUNGSBORN Seelsorge im Urlaub: Zwei Hessen helfen

Seit Anfang August baut Matthias Borchert eine professionelle Urlauberseelsorge auf / Pilotprojekt im Landkreis

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Werner Poddey und Corinna Paulekuhn, beide aus Nordhessen, sind Mitarbeiter des Projektes „Kirche am Urlaubsort" der Nordkirche. Sie helfen Pastor Matthias Borchert die Urlauberseelsorge im Ostseebad Kühlungsborn aufzubauen.

Quelle: Kay Steinke

Kühlungsborn „Im Urlaub tun Menschen etwas für ihre Seele", sagt der Kühlungsborner Pastor Matthias Borchert. „Kommt man zur Ruhe, kommen auch belastende Dinge hoch. Für diese Menschen bin ich da." Seit dem 1. August hat seine Gemeinde von der Nordkiche eine halbe Stelle für die Urlauberseelsorge erhalten. Es ist die erste dieser Art im Landkreis Rostock. Doch noch muss diese auf die Bedürfnisse der Besucher des Ostseebades abgestimmt werden.

Abendsegen: Freitag, 19. August, 19 Uhr. Thema: „Schritte auf dem Weg des Friedens“. Anschließend gemütliches Beisammensein. Pfarrscheune, Schloßstraße 19.

Derzeit bekommt der Pastor Unterstützung von der 15-jährigen Aryan Rehländer aus der jungen Gemeinde und von zwei ehrenamtlichen Mitarbeitern der Nordkirche. Werner Poddey (66) und Corinna Paulekuhn (55, beide aus Nordhessen) sind über das Projekt „Kirche am Urlaubsort“ für vier Wochen zu Gast in Kühlungsborn. Für diese Zeit wohnen die Heilpädagogin und der Rentner in einer Wohnung der evangelischen Gemeinde. Ihre kreativen Ideen kann man noch bis zum 21. August fast täglich am Strandabgang vier an den Volleyballfeldern bewundern.

Zwischen den normalen Strandkörben befindet sich dort der gemeinsam mit Jugendlichen gestaltete Kirchenstrandkorb. Gegen Abend wird er zur Bühne. Dann führen Poddey und Paulekuhn vor bis zu 18 Kindern eine Gute- Nacht-Geschichte auf. „Das Angebot hat eine eigene Liturgie“, sagt Corinna Paulekuhn. „Wir singen Lieder, führen ein Puppenspiel auf, dann gibt es Mitmachaktionen und anschließend erzählen wir eine Geschichte.“ Die vorgetragenen Inhalte sollen dabei unabhängig vom christlichen Glauben sein. „Wir wollen nicht missionieren“, sagt Poddey. „Wir wollen Kirche anders präsentieren, offener. Gerade die Gute-Nacht-Geschichte soll ein Erlebnis für alle Strandgänger sein. So können Kinder mit ihren Eltern etwas erleben.“ Kinder- und Familiengottesdienste würden sie aber auch durchführen.

Angebote wie das Bastel-Café schaffen nebenbei die Möglichkeit für persönliche Gespräche. Davon machen auch in Kühlungsborn Urlauber Gebrauch. „Schon nach der vierten Gute-Nacht-Geschichte kam eine Dame auf mich zu“, sagt Paulekuhn. „Sie erzählte mir, dass ihre Schwiegertochter einen Unfall hatte an diesem Tag. Die Frau lag mit Hirnblutungen im Koma. Wir sollten dann eine Fürbitte für sie sprechen.“

Der Standort Kühlungsborn ist für die Ehrenamtler eine Herausforderung. „Durch die Hotels sind viele der Gäste zeitlich gebunden“, erklärt Poddey. „Wir haben zum Beispiel die Gute-Nacht-Geschichte daher auf 17 Uhr vorverlegt. Gegen 18 Uhr sind kaum Kinder am Strand. Vermutlich essen viele Familien dann Abendbrot.“ Auch sei man auf Camping-Plätzen näher dran an den Leuten. „Man lebt dort quasi mit ihnen“, sagt Poddey. „So entsteht eher eine vertraute Atmosphäre. Da erfährt man Dinge, bei denen auch ich schlucken muss.“ So offenbarte ein Gast dem ausgebildeten Trauerbegleiter seine Suizidgedanken. „Er wollte sich umbringen“, sagt Poddey. „Er fand sein Leben nicht mehr lebenswert, weil der Partner fremdgeht.“ Dieser sei auf dem gleichen Campingplatz gewesen. Solche Gespräche müsse auch der 66-Jährige verarbeiten. Im Team mit Paulekuhn gelinge dies gut. „Solche Fälle sind eine Ausnahme“, erklärt Poddey. „Meistens kommen die Leute und sagen, sie hätten Gott verloren.“

Ein bildstarkes Ritual, das Poddey und Paulekuhn mit Urlaubern in anderen Bundesländern bereits durchgeführt haben, soll Betroffene unterstützen, eine spezifische Last zu verarbeiten. „Jeder der Teilnehmer schreibt das Problem auf einen Stein“, sagt Werner Poddey. „Der kann schön schwer sein. Diesen trägt man eine Zeit mit sich und wirft ihn am Ende in die Ostsee. Danach fühlt man sich regelrecht erleichtert.“ Bei solchen Übungen machen auch die Teamleiter mit. Eine persönliche Last, die der 66-Jährige vor Jahren aufschrieb, handelt von seiner Frau – diese verstarb vor 14 Jahren.

„Lange Zeit konnte ich nicht trauern“, sagt Poddey. „Ich war im Job stark eingespannt und hatte fünf Kinder zu versorgen.“ Dass er nicht trauern konnte, verschwand im Wasser.

Solche und ähnliche Übungen wird der Kühlungsborner Urlauberseelsorger Matthias Borchert als Anregung für seine eigene, künftige Praxis noch knapp eine Woche mit Werner Poddey und Corinna Paulekuhn erörtern. Ob er auch im nächsten Jahr von „Kirche am Urlaubsort“ Hilfe bekommt, ist derzeit noch unklar. Immerhin: Die Nordhessen würden wohl auch ohne kirchlichen Auftrag wieder nach Kühlungsborn kommen. Sie loben besonders die Gastfreundschaft der Mecklenburger. Künftig könnte die Unterstützung auch verstärkt aus der eigenen Gemeinde kommen – vier Jugendliche wurden 2016 bereits ausgebildet.

Denn das Projekt ist wichtig.

„Im Urlaub erzählen die Menschen, was sie sonst nicht erzählen können“, erklärt Borchert. „Was sie auch in der Gemeinde und dem Pastor zu Hause nicht anvertrauen.“

Kay Steinke

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