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Eintauchen in die Vergangenheit und Auftauchen in Rostock

Stadthafen Eintauchen in die Vergangenheit und Auftauchen in Rostock

Ein Berliner Gartentherapeut hat im vergangenen Jahr am Warnowschwimmen im Stadthafen teilgenommen und seine Gedanken notiert / 15. Auflage startet am 23. Juli

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Die Urgroßeltern Franz und Marie Gröschel kurz nach dem Krieg vor ihrer Gartenpforte in der Nähe von Rostock.

Quelle: Fotos: Privat

Stadthafen. Es gibt eine Fotografie: Vor einer windschiefen Gartenpforte, in ärmliche Kittel gekleidet, auf einer krummen Bank ein altes Paar – Blick mit Mühe in Richtung Kamera gerichtet, schwarz-weiß, kurz nach dem Krieg, bei Rostock.

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Ein Berliner Gartentherapeut hat im vergangenen Jahr am Warnowschwimmen im Stadthafen teilgenommen und seine Gedanken notiert / 15. Auflage startet am 23. Juli

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Er, Franz: die schwieligen Hände auf die Knie gestützt, durch kaum durchsichtige Brillengläser nach oben blinzelnd, abgemagert – ein Sinnbild der Verlorenheit und Entwurzelung. Sie, Marie: die Hände verzagt in die Schürze gelegt, den beschämten Blick gesenkt, verhärmt – ein Sinnbild der Verzweiflung und Aussichtslosigkeit.

Die beiden sind meine Urgroßeltern. Von Vertreibung, Flucht und Not hierher gespült, weg von Heim und Hof im sudetendeutschen Hügelland, fern von den in alle Richtungen versprengten Söhnen, an der fremden Ostseeküste gestrandet. Und von der kriegsgebeutelten einheimischen Bevölkerung sicherlich nicht mit offenen Armen willkommen geheißen. Und doch fanden sie hier für vier Jahre Unterkunft und notdürftige Nahrung.

Dann gibt es nur noch ein Telegramm: „Vati verstorben Beisetzung Mittwoch Marie“, aufgegeben in Warnemünde am 20. Mai 1949. Mein Vater, der Enkelsohn, der immer mit verblüffender Sachlichkeit, Vernunft und Ausgeglichenheit über die traumatischen Erlebnisse der Nachkriegszeit berichtet hatte, wurde an diesem Punkt immer knapp, emotional, verbittert: „Mein Großvater ist verhungert!“. Auf dem Friedhof (die Beisetzung fand in Lichtenhagen statt, wie ich nun herausfand, wohl im „Flüchtlingsblock C“, ohne Grabstelle, ein Armenbegräbnis) ist er nie gewesen.

Jahrzehnte später, in einem anderen Zeitalter, habe ich versucht, dies – auch für meinen Vater – nachzuholen: mit einer Kerze auf dem Friedhof, einer stillen Stunde mit meiner Lebensgefährtin bei der Grabstelle. Und: mit dem Warnowschwimmen 2015.

Ich schwamm erstmals für Franz und Marie.Was für eine Freude es für sie sein muss, dass heute ein Urenkel nach Rostock zurückkehrt, wohlgenährt, erhobenen Hauptes, gesund, um an so einem schönen Wettbewerb teilzunehmen. Wie anders ich Rostock heute erleben kann. Mich willkommen fühlen kann in der schönen Stadt an der Küste. Beim Schwimmen sehe ich die beiden unter den Zuschauern auf den Stufen im Stadthafen. Schon beim Getümmel des Startes mache ich mir bewusst: Es ist heute Platz für jeden. Ich genieße es, mich mit und neben den anderen zu arrangieren, miteinander statt gegeneinander zu schwimmen.

Den ersten Streckenabschnitt widme ich diesem Miteinander. Die zweite Teilstrecke schwimme ich für Marie: Ich schwimme für ihre Zähigkeit, ihr Durchhaltevermögen, ihre Fürsorge für den gebrochenen Ehemann. Die Kraft, die sie auch in Hoffnungslosigkeit durchhalten ließ, ehe sie, allein übrig geblieben und bei einem ihrer Söhne untergekommen, in ihren letzten Jahren zunehmend in geistiger Verwirrung versank.

Den langen Weg zur nächsten Boje lege ich für Franz zurück. Zug um Zug, so wie er wohl auch nach der Vertreibung nur mehr Schritt um Schritt gehen konnte, ohne Perspektive, ohne Ziel. Aber ich danke ihm für seine Kraft, für Witz und Lebensfreude, die er auf den wenigen Bildern der Vorkriegszeit ausstrahlt, bevor er nur noch ein Schatten seiner selbst geworden war. Es folgt ein Abschnitt für meinen Vater, den ich hoffe teilhaben zu lassen an meiner Versöhnung mit den Schicksalsschlägen, dem ich, wie meiner Mutter auch, dankbar bin für seinen Umgang mit den Wechselfällen, aus denen das Leben besteht. Der Zieleinlauf, das Ankommen schließlich ist den Menschen in Rostock und dem Umland gewidmet sowie den Flüchtlingen der heutigen Zeit. So wie ich heil und sicher an Land geklettert bin, mit freundlichen Wünschen begrüßt, so wünsche ich allen Menschen eine herzliche Aufnahme im Hafen, in Rostock und anderswo. Leider kann ich diesmal nicht dabei sein.

Warnowschwimmen 2016

Am 23. Juli findet das inzwischen 15. Eurawasser Warnowschwimmen im Stadthafen statt. Organisatoren sind der Hanse Schwimmverein Rostock und die DLRG-Ortsgruppe der Stadt. Es wird auf fünf Schwimmstrecken gestartet: 2200 m, 500 m, 400 m, 200 m – die Jüngsten schwimmen 50 m auf der „Seepferdchen“-Strecke. Für die Langstreckenschwimmer wird um 10.30 Uhr der Startschuss gegeben. Neu ist in diesem Jahr eine 3 x 200 m-Warnowstaffel zum Abschluss des Wettkampfes um 14.30 Uhr.

Der Autor, Constantin Gröschel, ist 2015 auf der Langstrecke unter 114 Schwimmern mit einer Zeit von 0:46:27 auf Platz 78 gelandet. Der 48-Jährige lebt in Berlin, ist als Gartentherapeut am Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe tätig.

• Info: www.warnowschwimmen.de

Constantin Gröschel

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